Artenschutz Magnete sollen Haie verjagen

Auf hoher See sind viele Hai-Arten bedroht. Forscher und Umweltschützer machen die Fischerei dafür verantwortlich. Besonders an hakenbesetzten Langleinen sterben viele Haie. Starke Magnete könnten das verhindern, wie ein Tüftler demonstriert.


Nicht alleine Stephen Spielberg ("Der weiße Hai") ist schuld daran, dass Galeomorphii einen schlechten Ruf haben. Jede Biss eines Hais in ein Surfbrett findet seinen Weg in die Zeitungen - obwohl es kaum eine unwahrscheinlichere Todesart für Menschen gibt, als durch den Angriff eines Raubfischs zu sterben. Das passiert nur rund zehn Unglücklichen jährlich - weltweit. Tatsächlich aber ist der Mensch der größte Feind des Hais.

In den letzten 18 Jahren seien im Nordostatlantik einige Haibestände um bis zu 90 Prozent zurückgegangen, darunter Hammer- und Fuchshaie, teilt die Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund for Nature (WWF) mit. Als eine der Hauptursachen für die Dezimierung von Hochseehaien gelten die sogenannten Langleinen im industriellen Fischfang. Sie können bis zu 100 Kilometer messen und mit 30.000 Haken besetzt sein. Vor allem Thunfische und Schwertfische werden damit gefangen. Regelmäßig beißen aber auch - als unerwünschter Beifang - Haie an, verenden am Haken und werden nach dem Einholen der Leine über Bord geworfen.

"Durch Beifang werden jedes Jahr viele Millionen Tonnen Fisch verschwendet, die nach dem Fang einfach wieder als Abfall über Bord gekippt werden", sagt Alfred Schumm, Leiter des Internationalen WWF-Zentrums für Meeresschutz in Hamburg.

Tüftler-Wettbewerb für schonende Fischerei

In Brüssel verleihen die Umweltschützer heute Preise für die Gewinner des Wettbewerbs "Schlaue Netze" - während einer internationalen Fischhandelsmesse. Den Sieger hatte eine unabhängige Jury aus Wissenschaftlern, Fischern, Ingenieuren sowie Vertretern der Industrie und von Umweltverbänden ausgewählt: eine Langleine, die Beifang mindern soll, indem sie an jedem Haken einen Dauermagneten trägt.

Haie reagieren extrem sensibel auf magnetische Felder. Versuche unter Wasser zeigen, dass ein starker Magnet die Orientierung der Tiere beeinträchtigt und sie vom Kurs abbringt. Die Stärke von Magneten nimmt zwar mit der Entfernung schnell ab - richtig stark sind Felder kleiner Magneten nur in unmittelbarer Nähe. Dennoch machte sich der Tüftler Michael M. Herrmann aus dem US-Bundesstaat New Jersey die Magnetwirkung zunutze. Innerhalb eines Radius von 30 Zentimetern beträgt die Feldstärke bei Herrmanns Leine 50 Gauß oder mehr - zu viel für Haie.

Im November letzten Jahres ging er auf Langleineinfang nahe den Bahamas. Nach 67 Stunden hatte kein einziger Hai in die magnetbestückten Haken der Testleine gebissen, obwohl das Revier für seine hohe Hai-Dichte bekannt ist. Die verwendeten Neodym-Eisen-Borid-Magneten haben allerdings auch einen Stückpreis von knapp fünf US-Dollar pro Stück - für die abertausenden Haken an jeder Fangleine ein beträchtlicher Kostenfaktor.

Rapide Dezimierung einiger Bestände

WWF-Generaldirektor Jim Leape forderte vor der Preisverleihung in Brüssel die EU auf, ihre bereits 2002 gefassten Pläne für eine nachhaltige Fischerei und weniger Beifang umzusetzen. "Der WWF-Wettbewerb für 'Schlaue Netze' zeigt, dass es Lösungen für eine umweltschonende Fischerei gibt", sagte Leape. Ohne gesetzliche Vorschriften werden sich Entwürfe wie die von Herrmann allerdings wohl kaum durchsetzen.

Wissenschaftler und Umweltschützer schätzen, dass jährlich rund 200 Millionen Haie getötet werden - eine Zahl, die schwer zu überprüfen ist, vor allem weil in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren noch keine Zahlen über Hai-Beifang erhoben wurden.

Das Beispiel des Weißspitzen-Hais verdeutlicht das Ausmaß der Dezimierung: Vor 50 Jahren war er der weltweit am weitesten verbreitete Hochseehai. Heute steht er kurz vor dem Aussterben. Kanadische Forscher hatten 2004 in der Bucht von Mexiko eine Zählung vorgenommen: Binnen eines halben Jahrhunderts war der Bestand dort um 99,3 Prozent zurückgegangen. "Es ist schockierend, dass wir bis heute nichts davon gemerkt haben", sagte Julia Baum von der Dalhousie University in Halifax. Die Forscher betonten, dass diese Beobachtungen auch für andere Bestände gelten. Im Golf von Mexiko seien Weißspitzen-Haie bereits "ökologisch gesehen ausgestorben", sagte Baum.

Angst vor den Raubfischen haben die Menschen weiterhin - der Golf ist ein beliebtes Tauchrevier, und hier sind Menschen auch durchaus bereit, für den Schutz Geld auszugeben: So stellt die Firma SharkDefense des WWF-Preisträgers Herrmann hauptsächlich chemische Stoffe zur Hai-Abwehr im Wasser her - ungiftig und umweltfreundlich.

stx



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