Untersuchung in 104 Ländern Arzneimittel belasten Flüsse auf allen Kontinenten

Schmerzmittel, Antidepressiva, Nikotin – in den Flüssen der Welt sind pharmazeutische Stoffe in gefährlich hohen Konzentrationen zu finden. Wie die Verunreinigung mit dem Wohlstand zusammenhängt.
Der Fluss Tagarete in der Nähe der Stadt Oruro in Bolivien ist durch Müll und giftige Abfälle verseucht

Der Fluss Tagarete in der Nähe der Stadt Oruro in Bolivien ist durch Müll und giftige Abfälle verseucht

Foto: Gaston Brito Miserocchi / Getty Images

Im Wasser von Flüssen lassen sich weltweit teils hohe Konzentrationen von Arzneimitteln nachweisen, in Europa genauso wie in der Antarktis. Zu diesem Ergebnis kommt eine große, global durchgeführte Untersuchung von 258 Flüssen aus 104 Staaten. Die Erkenntnisse entsprächen einem »pharmazeutischen Fingerabdruck von 471,4 Millionen Menschen«.

Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences« .

Hohe Belastung in Pakistan, Bolivien und Äthiopien

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüften insgesamt mehr als tausend Wasserproben aus allen Kontinenten auf 61 pharmazeutische Stoffe. Ausgewertet wurden alle Proben in einem Forschungslabor der University of York in England.

Die höchste gemittelte Konzentration wurde in Lahore in Pakistan beobachtet. Auf Platz zwei und drei folgten La Paz in Bolivien und Addis Abeba in Äthiopien. Nur in Island und an einem Ort in Venezuela wurde kein Wirkstoff nachgewiesen.

Insgesamt stammten die am stärksten kontaminierten Proben überwiegend aus afrikanischen und asiatischen Ländern. Die am stärksten belastete Proben aus Europa kamen von Messungen in Madrid. In Deutschland wurden die Havel, die Spree, der Neckar, die Ammer und der Main untersucht.

In einem von vier Fällen könnten die Arzneimittel toxisch wirken

Bei mehr als einem Viertel der weltweit genommenen Proben stellten die Forscher für mindestens einen Wirkstoff eine potenziell toxische Konzentration fest: Der gemessene Wert sei höher als die Marke, die für Wasserorganismen als sicher gelte. Bekannt ist etwa, dass Rückstände der Anti-Baby-Pille die Fruchtbarkeit von Fischen beeinträchtigen können. Die Medikamente könnten aber nicht nur der Umwelt schaden, sondern auch der menschlichen Gesundheit: »Im Hinblick auf die Selektion von Antibiotikaresistenzen« gäben die Daten Anlass zur Sorge, heißt es in der Untersuchung.

Die Wirkstoffe, die insgesamt am häufigsten gefunden werden konnten, waren der Studie zufolge das Antiepileptikum Carbamazepin, das Diabetes-Medikament Metformin und Koffein, das neben Nikotin als »Lifestyle-Konsumprodukt« gewertet wurde.

Koffein, Nikotin, das Schmerzmittel Paracetamol und Cotinin, das beim Abbau von Nikotin entsteht, wurden auf allen Kontinenten gemessen.

Ein Problem von globalen Ausmaßen

Der Ansatz einer weltweiten Untersuchung sei wichtig, um das Ausmaß des Problems zu verstehen, hieß es in der Studie: In früheren Untersuchungen zu Arzneimittelrückständen seien viele Länder der Welt ignoriert worden. Zudem seien Flüsse häufig nur auf einige wenige Schadstoffe geprüft worden, mit teils unterschiedlichen Analysemethoden. Der Großteil der bislang verfügbaren Daten habe sich auf wenige Gebiete in Nordamerika, Westeuropa und China konzentriert. Darum sei es bislang kaum möglich, das Ausmaß des Problems aus einer globalen Perspektive zu quantifizieren.

Die Forscherinnen und Forscher fanden auch mögliche Zusammenhänge zwischen der Arzneimittelverschmutzung der Gewässer und dem Wohlstand und der Demografie in einem Land. Die Höhe der Verschmutzung korreliere mit dem sozioökonomischen Status eines Landes, hieß es in der Untersuchung: In Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen seien die Flüsse am stärksten verschmutzt. Groß sei das Ausmaß der Verschmutzung in Regionen mit einem hohen Durchschnittsalter, zudem könne der Grad der Belastung mit hohen lokalen Arbeitslosen- und Armutsraten in Verbindung gebracht werden. Die Länder, in denen die höchsten kumulativen Konzentrationen zu messen waren, seien die Staaten, deren Gewässer bislang am wenigsten untersucht worden seien.

Wo Arzneimittel hergestellt werden, ist die Verschmutzung höher

Woher kommt die Verschmutzung? Arzneimittel können ins Wasser gelangen, wenn Fäkalien in Flüsse geleitet werden oder wenn Müll an Flussufern abgeladen wird. Auch unzureichende Abwasserinfrastrukturen tragen ihren Teil bei. Ebenso kann es aber auch bei der Herstellung von Arzneimitteln zur Verschmutzung kommen. Das zeigte die Studie: Die höchsten Konzentrationen wurden mitunter an Stellen beobachtet, wo Einträge aus der pharmazeutischen Produktion ins Wasser gelangen – etwa in Barisal in Bangladesch oder im nigerianischen Lagos.

Eine verstärkte Überwachung sei notwendig, folgerten die Forscherinnen und Forscher.

vki
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