Athen gegen Sparta Krieg der Brüder

Von Theodor Kissel

2. Teil: Sparta gegen Athen - das ist Landmacht gegen Seemacht


Perikles war auch der geistige Vater des Bauprogramms, das Athen in ein architektonisches Schatzhaus verwandelte. Vor allem der Ausbau der Akropolis diente der Präsentation imperialer Größe. Allein der Parthenon, der Tempel der Stadtgöttin Pallas Athene, kostete 1500 Talente und verschlang 30.000 Tonnen Marmor. "Mit sichtbaren Zeichen entfalten wir unsere Macht, in Gegenwart und Zukunft uns zum Ruhme", schwadronierte der Politiker. "Wir brauchen keinen Homer als Künder unserer Taten."

Insbesondere Sparta beobachtete das Treiben mit Argwohn. Bald wurden Stimmen laut, der Konkurrenz Einhalt zu gebieten, bevor sie allzu mächtig würde. Die Forderung, die Mitglieder des Seebundes wieder in die Autonomie zu entlassen, ließ Athen freilich kalt. Schließlich entzündete das mit Sparta verbündete Theben im Frühjahr 431 v. Chr. die Fackel des Kriegs, als es die mit Athen alliierte Stadt Plataiai überfiel.

Spartas Schlagkraft beruhte auf seiner schweren Infanterie, den mit Brustpanzer, Beinschiene, Helm, Lanze, Kurzschwert und Schild ausgerüsteten Hopliten, die in geschlossenen und hintereinander gestaffelten Schlachtreihen kämpften und den Gegner regelrecht niederwalzten. Athen hingegen hatte seine Flotte: bei Kriegsausbruch laut Thukydides dreihundert Trieren, jede 32 Meter lang und sechs Meter breit, vorangetrieben von 170 Ruderern, an Bord zudem dreißig Krieger, Bogenschützen und Offiziere. Jede Mannschaft war ausgebildet, aus voller Fahrt komplizierte Angriffsmanöver zu starten. "Es kam darauf an, mit hoher Geschwindigkeit Kurs auf das feindliche Schiff zu nehmen, in letzter Minute die Ruder einzuziehen und dann die Ruderreihen des feindlichen Schiffes abzurasieren", so der Düsseldorfer Althistoriker Bruno Bleckmann. "Der manövrierunfähige Gegner wurde nach einer Wendung mit dem zweihundert Kilogramm schweren Rammsporn der Triere aufgerissen."

Perikles stirbt an der Seuche

Athen, im Sommer 430 v. Chr.: Wieder brennen die Felder und wie im Vorjahr haben sich die Landbewohner hinter die schützenden Mauern geflüchtet. Doch dann bricht eine Epidemie aus. Moderne Historiker haben ihr alle möglichen Namen gegeben, von der Lungenpest bis zu Ebola. Ob durch die schlechten hygienischen Verhältnisse in den Notunterkünften ausgelöst oder von heimkehrenden Schiffsmannschaften eingeschleppt, die Seuche rafft mehr als 20.000 Menschen dahin, darunter 4500 Soldaten – mehr, als je eine Schlacht gefordert hat.

Schlimmer noch: Perikles selbst fällt 429 v. Chr. der Krankheit zum Opfer und ein Wettrennen um die Macht setzt ein. Demagogen buhlen um die Gunst des Volks, darunter der Lederfabrikant Kleon (422 gefallen), dessen Geschäfte dank des Kriegs florieren. Er redet einer offensiven Strategie gegen Sparta das Wort. Perikles' Beschränkung auf den Seekrieg hatte Athen zwar schwere Niederlagen erspart, andererseits brachte das Taktieren der Gegner kaum Erfolge. Das solle sich nun ändern. Doch Athen hat ein Problem: Die Unterhaltung der Flotte – im fünften Kriegsjahr laut Thukydides noch etwa 235 Schiffe stark – ist längst nicht mehr gewährleistet. Pro Tag verschlingen allein 15 Trieren die Unsumme von einem Talent beziehungsweise 26 Kilogramm Silber. Die Seebundkasse, die sich bei Kriegsausbruch noch auf 150 Tonnen Silber belief, ist inzwischen nahezu leer. Deshalb erhöht Kleon 425 v. Chr. die Tributforderung an die Bundesgenossen um tausend Talente und standardisiert diese "Steuer": Sie soll fortan nur noch in einer einheitlichen Währung in Athens Kasse fließen – als mit Athenakopf und Eule verzierte "Tetradrachme".

Finanziell wieder flott, führt Kleon die Stadt gegen Sparta. Es gelingt Athens Truppen, einen Brückenkopf an der Küste des Peloponnes zu installieren. 424 v. Chr. nehmen sie 120 Elitekämpfer gefangen. Für Athen ein großer Prestigegewinn, denn erstmals kapituliert ein spartanisches Heer, der Nimbus der Unbesiegbarkeit scheint gebrochen. Tatsächlich bietet Sparta den Frieden an. Doch Athen lehnt siegesgewiss ab.

Ein folgenschwerer Fehler! Unter dem Heerführer Brasidas setzen sich die Spartaner in Nordgriechenland fest, um Athen von einem Gutteil seiner Ressourcen für den Schiffsbau abzuschneiden. Amphipolis und andere wichtige athenische Militärkolonien in Thrakien fallen. Geblendet vom Erfolg auf dem Peloponnes sucht Athen 421 v. Chr. die offene Feldschlacht – und wird vernichtend geschlagen.

Auch die Hardliner Kleon und Brasidas fallen. In beiden Lagern gewinnen nun moderate Kräfte die Oberhand, sodass im April desselben Jahres der nach dem nun führenden athenischen Politiker benannte "Frieden des Nikias" geschlossen werden kann.

Alkibiades verrät Athen

Doch die Waffen schweigen nicht. Athen schmiedet Allianzen mit Spartas Gegnern, expandiert, attackiert. Verantwortlich dafür ist ein neuer Falke unter den Machtpolitikern der Stadt: Alkibiades (um 450–404 v. Chr.), der Neffe des Perikles. Er entspricht der aristokratischen Variante von Männern wie Kleon, ambitioniert und skrupellos, auf Eigennutz bedacht. Aus reiner Opposition gegen seinen Rivalen Nikias hintertreibt er eine Verständigung mit Sparta. Obendrein überzeugt der von Sophisten geschulte Politiker das Volk auch noch von einem weiteren Krieg, einer Militärexpedition nach Sizilien. Dort hat das mächtige Syrakus einen Verbündeten Athens, die Stadt Leontinoi, unterworfen. "Zum schönen Schein wollte er den Ioniern zu Hilfe kommen, tatsächlich aber ging es ihm um die Eroberung ganz Siziliens", schrieb Thukydides, der die Ambitionen des Alkibiades wohl durchschaute.

Zwar haben seine innenpolitischen Gegner den Karrieristen noch vor Ausbruch der Kämpfe auf Sizilien kaltgestellt, doch die Militärmaschine läuft auch ohne ihn weiter. Im Jahr 413 v. Chr. endet das Abenteuer mit einer katastrophalen Niederlage. Athen verliert mehr als 30.000 Mann und 200 Trieren. Alkibiades aber, beschuldigt, heilige Statuen des Gottes Hermes umgestürzt zu haben, flieht von Sizilien nach – Sparta. Er verrät Insiderwissen, überwirft sich aber bald mit einem der Monarchen. Weiter geht seine Reise nach Kleinasien, wo er vergeblich versucht, die Perser zu einem Militärschlag gegen Athen zu überreden.

Im selben Jahr tritt der Peloponnesische Krieg in eine neue Phase. Denn Sparta hat den Nikiasfrieden zur Aufrüstung genutzt – mit persischem Geld und Knowhow holt die Landmacht in der Seekriegsführung nun auf. Nur zwanzig Kilometer nördlich von Athen besetzen die Spartaner die Festung Dekeleia. Die permanente Bedrohung prägt die Stimmung in der Stadt.



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