Atomenergie Russland baut schwimmendes Kernkraftwerk

Die russische Atomenergiebehörde hat den Bau eines schwimmenden Kernkraftwerks in Auftrag gegeben. Bis 2010 soll das knapp 300 Millionen Euro teure Reaktorschiff fertig sein und Siedlungen im hohen Norden Russlands mit Strom versorgen.


Schon seit Jahren verfolgt die russische Atomindustrie ein ehrgeiziges Ziel: Sie will große Schiffe mit Kernreaktoren bestücken, die als schwimmende Kraftwerke Strom in schwer zugänglichen Küstenregionen erzeugen können. Bei der Technik verfügen die russischen Wissenschaftler über einige Erfahrungen: Nicht nur U-Boote, sondern auch Eisbrecher mit Nuklearantrieb wurden in früheren Sowjetzeiten gebaut. Die Eisbrecher galten als Symbol der technologischen Leistungsfähigkeit des Sozialismus.

Atomstrom vom Schiff: Schema eines Schwimmreaktors
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Atomstrom vom Schiff: Schema eines Schwimmreaktors

Das Vorhaben, das Umweltschützer wegen der damit verbundenen Risiken wiederholt kritisiert haben, soll nun tatsächlich Wirklichkeit werden. Die russische Atomenergiebehörde und die in Sewerodwinsk ansässige Militärwerft Sewmasch haben heute einen Vertrag über den Bau des ersten schwimmenden AKWs unterzeichnet.

Mit dem Bau soll im nächsten Jahr begonnen werden. Die Fertigstellung ist für 2010 geplant, erklärte Rosenergoatom-Chef Sergej Obosow. Der 9,1 Milliarden Rubel (267 Millionen Euro) teure Reaktor solle seinen Liegeplatz nahe der Werft Sewmasch bekommen und sie mit Wärme und Strom versorgen.

An Bord des Schiffes sollen laut russischen Medienberichten zwei Reaktoren vom Typ KLT-40S arbeiten. Sie verfügen nur über eine vergleichsweise geringe Leistung, die etwa bei einem Hundertstel der eines gewöhnlichen Kernkraftwerks liegt. Neben der Strom- und Wärmerzeugung soll das Schiff bei Bedarf auch zur Meerwasser-Entsalzung eingesetzt werden.

Ideale Lösung am Polarkreis

Obosow erklärte, schwimmende Atomkraftwerke seien eine ideale Lösung für viele Orte am Polarkreis. Die Behörden prüften derzeit elf weitere Standorte.

Der Leiter der russischen Atomaufsicht, Sergej Kirijenko, wies Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des Reaktors zurück. Es werde "kein schwimmendes Tschernobyl" geben, sagte er der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Auch sei das Firmengelände von Sewmasch - der einzigen russischen Werft, die Atom-U-Boote baut - ausreichend gesichert.

Kirijenko verwies außerdem auf das umfassende Wissen russischer Forscher bei der Konstruktion von atomgetriebenen Schiffen. "Niemand auf der Welt hat so viele Erfahrungen gesammelt wie wir mit unserer Flotte von atomgetriebenen Schiffen, deren kleine Reaktoren sicher arbeiteten."

Kernkraft im Aufwind

Der Widerstand gegen die Kernkraft ist in den vergangenen Jahren in Russland deutlich zurückgegangen. Die Regierung bemüht sich derzeit um einen deutlichen Ausbau der Energieform. Derzeit sind in Russland 31 Reaktoren in Betrieb, die 16 bis 17 Prozent des Strombedarfs in Russland decken. Präsident Wladimir Putin will diesen Wert auf 25 Prozent anheben.

Heftige Kritik an dem Vorhaben kam von der norwegischen Umweltschutzorganisation Bellona. Schwimmende Atomkraftwerke seien vom Prinzip her unsicher, erklärte Bellona-Sprecher Charles Digges auf der Website der Gruppe. "Sie können untergehen, und es besteht die Gefahr, dass sie beim Transport zu ihrem Einsatzort versinken." Auch seien sie ein leichtes Ziel für Terroristen.

Mit der Entwicklung schwimmender Kernreaktoren verfolgt Russland womöglich auch ein anderes Ziel: Das Land will den Export von Atomtechnik ankurbeln. China, Thailand, Südkorea und Indonesien sollen bereits Interesse an der Technik angemeldet haben.

hda/AP



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