SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. September 2016, 18:08 Uhr

Haaranalyse ohne DNA

Neue Methode lässt Ermittler hoffen

Nicht nur über die DNA in einer Haarprobe lassen sich Menschen identifizieren - sondern auch über die Proteine. Die sind oft auch nach langer Zeit noch gut erhalten. Ein neues Verfahren soll Kriminalisten und Archäologen helfen.

Man kennt das aus dem Krimi: Ein paar Haare am Tatort können ausreichen, um Ermittler auf die Spur der Täter zu bringen. Eine DNA-Analyse liefert inzwischen selbst dann gute Ergebnisse, wenn es nur sehr wenig oder stark beschädigtes Erbmaterial in der Haarprobe gibt. Allerdings gibt es das Problem, dass die DNA-Moleküle abhängig von Umwelteinflüssen rasch zersetzt werden. Proteine dagegen sind vielfach robuster und bleiben über längere Zeiträume erhalten. Und auch bei ihnen gibt es individuelle Unterschiede - bei den einzelnen Aminosäuren.

Wissenschaftler um Glendon Parker vom Lawrence Livermore National Laboratory im US-Bundesstaat Kalifornien sagen nun: Anhand der Proteinstrukturen lassen sich Haare ebenfalls ihrem Besitzer zuordnen. Im Fachmagazin "Plos One" berichten sie über ihr Verfahren, das sie auch zum Patent angemeldet haben, mit dem sie also Geld verdienen wollen.

Die Wissenschaftler hatten sechs verschiedene, bis zu 250 Jahre alte Proben aus Gräbern in London und der britischen Grafschaft Kent analysiert. Zum Vergleich untersuchten sie außerdem Proben von 76 heute lebenden Menschen europäisch/amerikanischer und afrikanischer Herkunft. Analysiert wurde jeweils der Haarschaft. Insgesamt spürten sie dabei 185 Marker auf, also Proteinstellen, an denen es Varianzen gibt. Das resultierende Muster genüge, um geschätzt einen Menschen aus einer Million identifizieren zu können, schreiben die Forscher.

"DNA aus biostatistischer Sicht weitaus aussagekräftiger"

Der gezeigte Ansatz allein genüge derzeit nicht, um eine Person zu identifizieren, stellt Kathrin Yen klar. Sie ist Ärztliche Direktorin am Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin in Heidelberg und nicht an der Studie beteiligt. Das Verfahren könne aber ergänzend genutzt werden, wenn die DNA bei einer Probe in sehr schlechtem Zustand sei.

Das Problem: Nicht jede Punktmutation in der DNA führe zu einer Veränderung des darin codierten Proteins. Daher sei die DNA-Vielfalt generell größer als die in Proteinen. "Damit ist eine Untersuchung der DNA zur Identifizierung einer Person aus biostatistischer Sicht weitaus aussagekräftiger", so Yen.

Das Team um Glendon Parker hofft nun darauf, über weitere Analysen einen Kernsatz von etwa 100 Proteinmarkern festlegen zu können, der es möglich macht, einen Menschen anhand eines einzelnen Haares aus der gesamten Menschheit herauszufiltern. Nützlich könne das Verfahren für Forensiker und bei archäologischen Analysen sein.

"Wir sind mit der proteinbasierten Identifikation an einer ganz ähnlichen Stelle, an der das DNA-Profiling in den frühen Tagen seiner Entwicklung war", sagt Co-Autor Brad Hart. "Ob tatsächlich in Zukunft die Untersuchung der Proteine allein zur Individualisierung ausreichend sein wird, muss durch weitere Forschungsarbeiten geprüft werden", hält die Heidelberger Expertin Yen dagegen.

dpa/chs

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung