Aufrüstung Chirac stärkt sein nukleares Schreckgespenst

Frankreich rüstet auf: Die "Grande Nation" pumpt viele Milliarden Euro in die Modernisierung ihrer Atomstreitmacht. Präsident Jacques Chirac lässt keine Zweifel aufkommen, dass die Force de frappe politische Unabhängigkeit garantiert - und dass er sie notfalls benutzen würde.

Von Joachim Hoelzgen


Bordeaux - So etwas hat es an der Atlantikküste bisher nicht gegeben: Über den Stränden nahe der Stadt Biscarosse fauchte eine Rakete des Typs M51 in den diesigen Novemberhimmel, und Stéphane Lhomme von der Protestbewegung "Sortir du nucléaire" (deutsch: "Schluss mit dem Atom") hat sie gesehen. Die Rakete sei "vertikal in den Himmel gestiegen und nach einigen Sekunden in der Atmosphäre verschwunden", berichtete der Friedensaktivist.

Akute Ängste waren jedoch unbegründet: Es handelte sich am 9. November um den Testflug des Geschosses – des ersten, der mit Frankreichs neuester Atom-U-Boot-Rakete vorgenommen wurde. Die M51, erbaut von der Airbus-Mutter EADS, wird künftig das Rückgrat der französischen Atomstreitkräfte bilden, der berühmten Force de frappe.

Im Juli 2010 sollen die ersten gefechtsfähigen M51 in die Raketenschächte eines Atom-U-Bootes eingefahren werden, das gegenwärtig auf der Staatswerft DCN (Diréction des chantiers navals) in Cherbourg gebaut wird. Der Name des dickbäuchigen Riesen – "Le Terrible" ("Der Schreckliche") – soll den Feinden Frankreichs Furcht einflößen und dem Rest der Welt mitteilen, dass die Force de frappe nicht etwa verkümmert, sondern in einem Neuaufbau begriffen ist, wie er seit den Zeiten des Staatschefs und Atomstreitmacht-Begründers Charles de Gaulle nicht mehr vorangetrieben worden ist.

Aufrüstung zur See und in der Luft

Überall und an allen Fronten modernisiert Paris das Arsenal an strategischen Waffen – von der Ile Longue, dem Hauptstützpunkt der Atom-U-Boote vor dem Marinehafen Brest, bis hinab nach Biscarosse, wo an der Küste ein Raketenversuchszentrum entstanden ist, das mit seinen Montagetürmen und Startrampen aussieht wie ein Weltraumbahnhof.

Auch in der Luft wird aufgerüstet. Drei Geschwader von Mirage 2000N-Jagdbombern stehen mit nuklear bestückten Marschflugkörpern startbereit und bald auch das modernste französische Kampfflugzeug, die Rafale F3 – auf der Basis Luxeuil-les-Bains in den Vogesen und auf dem Militärflughafen Istres bei Marseille. Demnächst sollen sie eine neue Marschflugkörper-Variante erhalten: die ASMP-A, die eine größere Reichweite besitzt und treffsicherer sein soll als das Vorgängermodell. Auch eine Staffel von Marine-Jagdbombern des Typs Super Etendard, stationiert auf dem Flugzeugträger "Charles de Gaulle", soll mit den verbesserten Marschflugkörpern ausgestattet werden.

Doch die größten Muskeln lässt die sogenannte Force océanique stratégique spielen, Frankreichs Flotte der Atom-U-Boote.

Das Tauchboot "Le Terrible" soll das vierte und letzte einer hochmodernen Klasse namens "Le Triomphant" ("Der Siegreiche") sein, die 1997 mit der Indienststellung des gleichnamigen Unterwasser-Riesen eingeleitet worden war. Dem Siegreichen folgte wenig später das Schwesterboot "Le Téméraire" ("Der Wagemutige") und dann "Le Vigilant" ("Der Wachsame") als Drittes im Bunde.

Jedes der Boote kann 16 Raketen tragen, an deren Spitze, im sogenannten Sprengkopf-Bus, bis zu sechs Atomsprengköpfe montiert sind. Sie zählen zur Baureihe TN-75 (TN: Abkürzung für thermonucléaire) – ein atomarer Hammer mit jeweils 100 Kilotonnen Sprengkraft, dem Siebenfachen der Bombe von Hiroshima.

Erinnerungen an Mururoa

Selbst Laien sind die Sprengköpfe bekannt: Sie waren Mitte der neunziger Jahre, kurz nach dem Amtsantritt des Präsidenten Jacques Chirac, überraschend auf dem Südsee-Atoll Mururoa erprobt worden – trotz der Proteststürme gegen die jähen nuklearen Paukenschläge, mit denen der Franzose die Weltbühne betrat.

Ein Zufall ist es denn auch nicht, dass sich Chirac nun, mit dem ersten Test des M51-Projektils, wohl von eben dieser Weltbühne verabschiedet. Mit der neuen Fernrakete, die 8000 Kilometer weit reichen soll, hat er gleichsam den Stromkreislauf der neuen Force de frappe geschlossen und vor den Wahlen im Frühjahr vollendete Tatsachen geschaffen: Weder die Kandidatin der Sozialisten, Ségolène Royal, noch Innenminister Nicolas Sarkozy als wahrscheinlicher Präsidentschaftsanwärter der Konservativen können gegen die neue Force de Frappe in Stellung gehen – dafür hat sie mittlerweile zu viel Geld verschlungen. Wieder einmal haben die Gegner Chiracs ihn selbst und seine nuklearen Ambitionen unterschätzt.

Geradezu unerbittlich drängte er darauf, Frankreichs Handlungsfreiheit dank der Modernisierung zu erweitern, obwohl der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NNV), besser bekannt als Atomwaffensperrvertrag, das Gegenteil vorsieht: Er legt den Atommächten die "unzweideutige Verpflichtung" auf, atomar abzurüsten – und das "generell und vollständig unter strikter und effektiver internationaler Kontrolle".

15 Milliarden Euro für vier Atom-U-boote

Das aber scherte Chirac, wie ja die anderen Atommächte auch, nicht weiter. Und er nahm in Kauf, dass die nuklearen Megatonnen Mega-Gelder kosteten. Für das Quartett der Atom-U-Boote inklusive des "Schrecklichen" in Cherbourg etwa mussten bisher 15 Milliarden Euro aufgewendet werden.

Gut 700 Millionen Euro kommen für neue Anlagen auf dem Stützpunkt Ile Longue noch hinzu. Das Preisschild für die zukünftigen M51-Raketen weist acht Milliarden Euro auf, während die Summen für die seit den Mururoa-Tests entwickelten Atomsprengköpfe im Bereich des Ungefähren liegen - sie sind geheim.

Mehr als eine Milliarde Euro fließt gegenwärtig aber auch in einen Testkomplex, in dem atomare Explosionen simuliert werden. Die riesenhaften Hallen hierfür werden ebenfalls nahe Bordeaux errichtet - mit Lasern, exotischen Lichtverstärkern und regelrechten Spiegelkabinetten. All das soll bei der Geburt einer weiteren Sprengkopf-Generation, TNO genannt, behilflich sein.

Jacques Chirac hat sich für Werke der Hochtechnologie stets interessiert. Das Hobby hatte sich dank seines Vaters ausgeprägt, der Geschäftsführer bei einem Partnerunternehmen des Flugzeugkonstrukteurs Marcel Dassault gewesen war, des späteren Erbauers der Mirage-Kampfjets.

Politisch unabhängig dank der Force de frappe

Den Präsidenten Chirac trieb die Sorge um, sich ohne eine modernere Force de frappe von den Atommächten USA, Russland, Großbritannien und China abzukoppeln. Am Ende, so argwöhnte er, könne Frankreich deshalb seinen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verlieren.

Dass sich Frankreich nur mit einem nuklearen Schutzschirm politisch unabhängig machen und gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft wappnen könne, glaubten schon die Vorgänger Chiracs. Frankreich müsse nach "tous azimuts" – in alle Richtungen – geschützt sein, lautete der wesentliche Grundgedanke.

Nun aber hinterlässt der einsam gewordene Mann im Elysée auch noch eine neue Lesart der französischen Atomdoktrin. Danach geht es nicht mehr darum, in erster Linie eine Militärmacht wie einst die Sowjetunion in Schach zu halten. Chirac hat neue Gefahren in die atomare Gleichung aufgenommen: Schwer berechenbare Länder oder Staaten, die Frankreich mit terroristischen Methoden und womöglich Massenvernichtungswaffen drohen könnten.

Ihnen hat Chirac in einer Grundsatzrede mit dem Atom-U-Boot "Le Vigilant" als Hintergrundkulisse angekündigt, sich auf eine "entschlossene und angemessene Antwort" Frankreichs einstellen zu müssen. Und er wendete noch eine Seite: Als erster Staatschef des Westens hält er in der neuen Doktrin fest, auch die "Sicherung unserer strategischen Versorgung" unter den Atomschirm zu stellen – unausgesprochen also die Zufuhr von Öl aus den Staaten des Nahen Ostens.

Und schließlich erwähnte er formelhaft ein weiteres Vermächtnis: die "europäische Dimension" des französischen nuklearen Arsenals. Damit ist eine europäische Atomstreitmacht gemeint, in deren Mittelpunkt natürlich Chiracs Erbe, die neue Force de frappe, sein würde.



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