Kampf gegen die Klimakrise Welche Generation ist die letzte Generation?

Mit einem »Aufstand der letzten Generation« wollen Aktivisten die Regierung zum Klimaschutz drängen. Sind sie wirklich die letzten, die der Klimakrise etwas entgegensetzen können? Viel Zeit bleibt jedenfalls nicht.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Protestaktionen der »letzten Generation« wollen sich mit Straßenblockaden Gehör verschaffen. Manche kleben dafür ihre Hände auf der Fahrbahn fest.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Protestaktionen der »letzten Generation« wollen sich mit Straßenblockaden Gehör verschaffen. Manche kleben dafür ihre Hände auf der Fahrbahn fest.

Foto: Christian Mang / REUTERS

Seit mehreren Wochen blockieren Aktivisten und Aktivistinnen immer wieder Straßen und Autobahnen, in Berlin, in Hamburg oder Stuttgart. Sie fordern ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung, als eine erste Maßnahme gegen den drohenden Klimakollaps. Ihr Protest sei der »Aufstand der letzten Generation«, sagen sie.

Die Mitglieder dieser Gruppe sind größtenteils junge Erwachsene, Mitte 20, Anfang 30. Aber sind sie tatsächlich Teil der letzten Generation, die das Fortschreiten der Klimakrise aufhalten kann?

Das hängt unter anderem davon ab, welchen Zeitrahmen man ansetzt.

»2050 ist in 28 Jahren, das ist echt bald«

Ein sinnvolles Zeitfenster gebe das Pariser Klimaabkommen vor, sagt Leonie Wenz. Die Mathematikerin und Klimaökonomin ist stellvertretende Leiterin der Abteilung für Komplexitätsforschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das Abkommen aus dem Jahr 2015 verpflichtet die Staatengemeinschaft dazu, den weltweiten Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, möglichst sogar auf 1,5 Grad. Ab der Mitte des Jahrhunderts muss dafür eine Treibhausgas-Neutralität erreicht werden. Das bedeutet: Ab dem Jahr 2050 dürfen nicht mehr klimaschädliche Gase in die Atmosphäre ausgestoßen werden, als aus der Atmosphäre aufgenommen werden. Für die Aufnahme von CO₂ sorgen natürliche und womöglich auch technische Kohlenstoffsenken.

»Netto null bis 2050, das klingt immer noch weit weg. Aber das ist in 28 Jahren, das ist echt bald«, sagt Wenz in einem Telefongespräch mit dem SPIEGEL. »Und aus einer klimaökonomischen Perspektive ist klar: Je früher wir anfangen, desto günstiger wird es, und desto weniger schwer werden die Schäden.«

Die Berechnungen zum Restbudget der Treibhausgasemissionen beziehen dabei auch verschiedene Elemente des ungemein komplexen Klimasystems  der Erde mit ein. Über den Globus sind Mechanismen miteinander verschränkt: Ökosysteme, Strömungssysteme, Eiskörper. Verändert sich klimabedingt einer dieser Mechanismen, verändern sich auch andere – mit weiteren Auswirkungen auf das Klima. Über sogenannte Rückkopplungseffekte können sich die Mechanismen zudem selbst verstärken – bis sie irgendwann so weit geschädigt sind, dass die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. In diesem Zusammenhang sprechen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Kipp-Elementen. Zu den bekanntesten Kipp-Elementen zählen die tropischen Korallenriffe, die sibirischen Permafrostböden, die Meeresströmungen im Nordatlantik oder die Eisschilde Grönlands und der Antarktis.

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Das Ziel von Paris sei auch über diese Kipp-Elemente motiviert, erklärt Wenz. Der Zeitraum und die Höhe der Erwärmung seien so gewählt, dass man »wissenschaftlich relativ zuversichtlich« sei, die schlimmsten Folgen abzuwenden – »wobei«, wendet sie ein, »die schlimmsten Folgen ein weit gefasster Begriff sein können«. Die verheerenden Naturkatastrophen aus dem Jahr 2021, die Flut im Ahrtal, die Brände in den Vereinigten Staaten, hätten deutlich vor Augen geführt, welche Auswirkungen die Klimakrise haben kann.

Was, wenn die 1,5-Grad-Grenze gerissen wird?

Doch es scheint, als sähen die Aktivistinnen und Aktivisten eben jene Ziele aus dem Pariser Vertrag in Gefahr. Auf der Website  der Organisation zum »Aufstand der letzten Generation« steht: »Wir erreichen 1,5 Grad bereits 2030. Der Regierungskurs ist gegen die Verfassung (Artikel 20a) und zerstört die freiheitlich demokratische Grundordnung. Wir müssen einen umfassenden Wandel schaffen.«

Was ist, wenn die 1,5-Grad-Schwelle tatsächlich überschritten wird?

»1,5 Grad klingt, als wäre das eine magische Klippe und dahinter stürzt man ab«, so Wenz' Antwort. Man dürfe diese Marke nicht als Entweder-oder verstehen – nicht als ein: Entweder gelingt es der Welt, die Erwärmung unter diese Werte zu begrenzen, oder sie ist unweigerlich dem Untergang geweiht. Die Bemühungen um eine klimaneutrale Welt müssten auch anhalten, wenn die Grenze von 1,5 oder auch von zwei Grad Celsius gerissen würde. »2,1 Grad am Ende des Jahrhunderts sind viel, viel besser als drei Grad«. Denn: »Jedes Zehntel Grad mehr macht Extremwetterereignisse wahrscheinlicher, macht das Kippen der Kipp-Elemente wahrscheinlicher und trägt zum Meeresspiegelanstieg bei«, lautet die Einschätzung der Wissenschaftlerin.

Es geht um Handlungsspielräume

Die Zeit, um für jedes Zehntel zu kämpfen, ist dabei nicht unendlich. Das sagt auch Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: »Die nächsten zehn Jahre begrenzen die Handlungsspielräume.« Noch in dieser Dekade müssten die großen Veränderungen hin zu einem Pfad der Klimaneutralität erfolgen. Das bedeute auch: »Wir müssen so hohe Einsparungsraten erzielen, die wir sie historisch noch nie hatten.«

Viele Staaten, darunter auch Deutschland, haben allerdings bereits Pläne dazu vorgelegt , wie die Treibhausgasemissionen bis 2030 erheblich gesenkt werden sollen.

Und auch Schwarze, der zu Klimapolitik und Fragen der Klimaanpassung forscht, sieht die 1,5-Grad-Marke nicht als Grenze, die – einmal gerissen – den Untergang der Welt, wie wir sie kennen, besiegelt. In den meisten Klimaszenarien und -modellierungen rechneten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit zeitweiligen Überschreitungen bestimmter Belastungsgrenzen. Und damit, dass nachgesteuert werden könne.

Sind die Sorgen der »letzten Generation« berechtigt?

Trotzdem kann der Wissenschaftler die Angst der jungen Erwachsenen, die sich für mehr Klimaschutz auf die Straße kleben, nachvollziehen.

Viele Entwicklungen seien viel schneller verlaufen, als man angenommen habe: »Dass der Westantarktische Eisschild noch zu meinen Lebzeiten schmilzt, hätte ich nicht erwartet«, sagt Schwarze. Andererseits gibt es auch positive Entwicklungen: »Aber ebenso wenig hätte ich gedacht, dass die erneuerbaren Energien so schnell wettbewerbsfähig werden.«

Was heißt das also?

Die letzte Generation, die für Klimaschutz und gegen den ökologischen Kollaps kämpfen kann, sind die Aktivistinnen und Aktivisten nicht. In ihrer Lebenszeit werde die Welt nicht kippen, sagt auch Schwarze. Ihr Anliegen sei trotzdem grundsätzlich richtig: »Ich glaube, sie wurden gehört. In der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Politik.«