Ausbreitung von H5N1 Forscher zweifeln an der Zugvogel-These

Wie die Vogelgrippe nach Deutschland kam, ist weiter völlig unklar. Während Politiker und Veterinäre vor dem Beginn des Vogelzugs warnen, weisen Experten auf die Lücken der Erkenntnisse hin: Es scheint, als könnten wilde Gänse, Schwäne und Enten es nicht alleine gewesen sein.


Die Weltkarte ist zu einem Flickenteppich geworden. Von China und Vietnam aus breiten sich rote Felder aus: Jene Länder, in denen das Vogelgrippe-Virus H5N1 ausbricht. Beinahe täglich scheinen Länder dazuzukommen, jüngst immer mehr europäische. Und auch beim Betrachten der Deutschlandkarte  drängt sich die Flickenteppich-Assoziation auf. Rügen traf es als erstes, inmitten H5N1-freier Nachbarländer. Die betroffenen brandenburgischen Landkreise grenzen nicht eben an die Insel. Ostholstein liegt 150 Kilometer weiter westlich. Um gar an den Bodenseestrand von Überlingen oder das Mannheimer Rheinufer zu gelangen, muss der Erreger gar die gesamte Bundesrepublik diagonal überquert haben. Muss? Müsste? Nur wie? Geflogen?

Kraniche über Brandenburg: Brachten allein Zugvögel H5N1 nach Deutschland?
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Kraniche über Brandenburg: Brachten allein Zugvögel H5N1 nach Deutschland?

"Es ist verfehlt, Zugvögel für die Vogelgrippe verantwortlich zu machen", sagte der Exekutivsekretär der Uno-Konvention über wandernde Tierarten (CMS), Robert Hepworth. Für die Verbreitung des Virus durch Zugvögel gebe es keine wissenschaftlichen Belege.

In der Tat bleibt das Auftreten der aggressiven asiatischen Variante von H5N1 in Europa rätselhaft. Die Wanderbewegungen wilder Tiere sind bislang die einzige Erklärung, und diese bleibt unbefriedigend. "Es gibt da viele Einzelfälle, aber wir können kein Zentrum sehen, kein Muster", sagt der Ornithologe Bert Lenten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er trägt einen noch sperrigeren Titel als Hepworth: Exekutivsekretär des Abkommens zur Erhaltung der afrikanischeurasischen wandernden Wasservögel (AEWA). Die beiden Uno-Tierschutzbürokraten sehen sich plötzlich als Verteidiger zu Unrecht Alleinverdächtiger.

Zugvögel unter Generalverdacht

Minister und Veterinäre warnen unisono vor dem Beginn des Vogelzugs im nahenden Frühling. Zugvögel sind die erstbesten Verdächtigen. "Wenn Wildvögel die hauptsächlichen Überträger wären, zum Beispiel zwischen China und Nigeria, dann würde man doch auf der Strecke dazwischen auch Ausbrüche erwarten", sagt Lenten. Das gefährliche Virus hat sich von Osten nach Westen ausgebreitet, die maßgeblichen Vogelzugrouten verlaufen in Nord-Süd-Richtung. Im Fall Rügen kommt hinzu, dass viele betroffene Schwäne überhaupt keine klassischen Zugvögel waren, sondern bestenfalls sogenannte Kälteflüchter.

"Ich halte überhaupt nichts von dieser Theorie", sagt der Mikrobiologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg. Denn nach allem was man wisse, wirke das Virus in Schwänen sehr schnell und sehr stark. "Die fallen in wenigen Tagen tot um", betont Kekulé. "Einbahnstraßen-Denken" nennt der Vogelkundler Klaus-Dieter Feige die These, dass Wildvögel das Virus aus Osteuropa eingeschleppt haben, wo sich ihre Brutreviere mit denen nach Asien ziehender Vögel überlappen. Feige ist Landeschef der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern.

Thomas Mettenleiter, Chef des Friedrich-Loeffler-Instituts spricht nur noch davon, dass "Puzzlesteine" darauf hindeuten, der Erreger könne sich "stafettenartig" ins Bundesgebiet bewegt haben. Ein in Lettland beringter Singschwan gilt als Hauptverdächtiger: Er war eines der ersten Tiere, bei dem auf Rügen H5N1 festgestellt wurde. Bei seinem Abflug soll er noch gesund gewesen sein. "Er wurde in Lettland beringt, aber wir wissen nicht, wo er sich angesteckt hat", sagt Uno-Wildvogelfürsprecher Lenten. Offiziell gilt die Osteeküste von Russland bis nach Usedom als H5N1-frei. Auch Verdachtsfälle wurden bislang nicht gemeldet.

Angst vor und Aggression gegen Wildvögel

Doch wie sonst könnte der Erreger - in lebenden Vögeln, deren Fleisch oder ihrem Kot - nach Mitteleuropa gekommen sein? Bert Lenten zählt Möglichkeiten auf: Handel, Schmuggel, illegaler Einfurh von lebendem oder totem Geflügel. "In Osteuropa wird sogar der Mist aus Hühnerställen als Futter für Fischteiche genommen", sagte er. "Wir haben den Fall eines Schwans, der bei seiner Beringung in Ungarn kerngesund war und zwei Tage später tot in Kroatien aufgesammelt wurde." Wer sich einzig auf Zugvögel als Überträger von H5N1 konzentriere, der übersehe andere Ansteckungswege - das sei gefährlich.

Im Januar hatte der Politpopulist Wladimir Schirinowski im russischen Parlament gefordert, alle Zugvögel bei der Rückkehr aus ihren türkischen Winterrevieren abzuschießen. "Die Regierung muss dem Vogelzug einen Riegel vorschieben", forderte er. In der Türkei waren im Januar vier Kinder nach einer H5N1-Infektion gestorben. "Die Vögel sollen da bleiben, wo sie sind", sagte der Politiker.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Auch in den friedlicheren Niederlanden hat Experte Bert Lenten 2003 beim Ausbruch einer "Hühnerpest" genannten Vogelgrippe-Variante beobachtet, wie die Menschen Wildvögel plötzlich als Bedrohung wahrnahmen. Seiner Ansicht nach ist die umgekehrte Sichtweise angemessener: "Es sind einfach viele Feuchtgebiete zerstört worden. Wildvögel müssen sich aber irgendwo ernähren und so kommen sie den Nutztieren immer näher."

Fakten dringend benötigt

Während Tierseuchen-Erreger in Wildvögeln vorkommen, von ihnen übertragen werden, gar in ihnen weiterentwickelt und rekombiniert werden, brechen die Krankheiten mit großen Zahlen toter Tiere immer dann aus, wenn sie auf große Nutztierbestände treffen. Wilde Tiere gelten teilweise als immun, teilweise als richtiges Reservoir gefährlichster Erreger. Bloß die Datenlage für die meisten Wildvögel ist recht dünn.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die in Bonn ansässige Zugvogel-Konvention erarbeiten zurzeit nach Angaben von Robert Hepworth wissenschaftliche Empfehlungen für Regierungen. Dazu werde im April eine Konferenz in Nairobi stattfinden. Unep habe außerdem die Konvention beauftragt, ein Frühwarnsystem zu aufzubauen, um Wanderwege und Brennpunkte möglicher Kontakte zwischen Zugvögeln und Geflügel zu erforschen.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist ein Pilotprojekt, das Bert Lenten im Auftrag der französischen Regierung in einigen nordafrikanischen Ländern und dem Iran durchführt: Sein Team analysiert dort den Kot größerer Vogelbestände, die sich im Frühjahr auf den Weg in Richtung Côte d'Azur und Normandie machen werden. "Bisher", sagt Zugvogelforscher Lenten, "waren sie alle Virus-frei."

Stefan Schmitt/AP/dpa



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