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Gelände der FU Berlin Streit über Ausgrabungen von möglichem Holocaust-Tatort

Auf dem Gelände der FU Berlin wurden Knochen gefunden, die von KZ-Opfern aus Auschwitz stammen könnten. Nun gibt es Kritik an der Universität.
Ausgrabungen in Berlin auf dem Gelände der Freien Universität (FU)

Ausgrabungen in Berlin auf dem Gelände der Freien Universität (FU)

Foto: Bernd Wannenmacher / picture alliance / dpa

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Vor einigen Jahren begannen Bauarbeiter auf dem Gelände der Freien Universität in Berlin Dahlem mit Erdarbeiten, dabei machten sie einen grausigen Fund: In einer Grube nahe der Bibliothek stießen sie auf einen ganzen Haufen Knochen. Die Analyse der Rechtsmedizin ergab später, dass hier die Reste von Menschen im Erdreich lagen, einzelne Knochen von Kindern, Frauen, Männern, insgesamt 250 Knochen von mindestens 17 Personen unterschiedlichen Alters. Dazu fand man kleine Plaketten aus Kunststoff, auf denen handschriftlich Zahlen vermerkt waren.

Auf dem Fund lag schnell ein Verdacht, denn er wurde auf historisch vorbelastetem Gelände gemacht: Hier, an der Garystraße, befand sich einst das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWIA). Es hat eine furchtbare Historie aufzuweisen.

Bis zum Kriegsende lieferten Mediziner und Genetiker wie Otmar Freiherr von Verschuer dort die angeblich wissenschaftliche Grundlage für die Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Das Institut war an zahlreichen NS-Verbrechen beteiligt, der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele, der bei Verschuer promoviert hatte, lieferte dem Institut Blut, Knochen, Organe oder andere Überreste der Ermordeten aus Auschwitz, zumeist Juden. Stammten die gefundenen Knochen auch von dort und waren somit Teil eines NS-Verbrechens? Das glauben zumindest einige Fachleute, die sich mit dem Fall beschäftigt haben.

Um die Aufarbeitung und Erinnerung an das wohl grausigste Kapitel deutscher Forschungsgeschichte ist eine heftige Diskussion entbrannt. Der FU Berlin wird vorgeworfen, sich nicht angemessen zu kümmern. »Für Auschwitz-Überlebende ist es mehr als deutlich, dass sich auf dem Gelände der Freien Universität in Berlin ein Tatort des Holocaust befindet«, sagte Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees in Berlin. Man sei empört über den fehlenden Aufklärungswillen der Universitätsleitung.

Alle vorhandenen Spuren in dem Fall würden nach Auschwitz und auf die »mörderische Zusammenarbeit« zwischen Mengele und Verschuer verweisen. »Auschwitz-Überlebende stellen deshalb die dringende Frage, warum keine weiteren Grabungen veranlasst wurden und warum die Berliner Staatsanwaltschaft sowie die politisch Verantwortlichen bisher nicht tätig geworden sind«, heißt es in einer Mitteilung .

Tatsächlich wurden die 2014 gefundenen Knochen irgendwann eingeäschert und anonym bestattet – warum, ist nicht bekannt.

2015 fanden zunächst trotzdem noch eine weitere Ausgrabung und Untersuchungen statt. Dabei wurden weitere Tausende, teils stark fragmentierte Knochen sowie Gipsabformungen eines Mannes gefunden. Die meisten Knochen stammten von Tieren, auf dem Areal standen einst auch Stallgebäude für Versuchstiere. Manche Knochen stammten aber von Menschen, mindestens von 54, wie die Forscher rekonstruieren konnten. Warum die menschlichen Überreste dort verscharrt worden waren, konnten sie nicht herausfinden.

»Es sei nicht auszuschließen, dass manche Knochen aus Kontexten stammen, die direkt mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu tun haben. Die Herkunft könne aber nicht eindeutig rekonstruiert werden«, teilte die FU Berlin im Februar  ihre vorläufigen Ergebnisse mit. Die Datierung der Gipsabformungen deute auf die Zeit ab 1917. »Die genauen Ursprünge der sterblichen Überreste können aber nicht bestimmt werden. Wir können jedoch festhalten, dass sie aus unterschiedlichen Herkunftszusammenhängen stammen«, teilte die Archäologin Susan Pollock, die Leiterin des wissenschaftlichen Teams, dem SPIEGEL mit. Es sei jedoch eindeutig, dass sie aus dem KWIA stammen. Die Institution wurde 1927 gegründet, sie besaß jedoch auch Sammlungen, die älter waren und noch aus der Kolonialzeit stammten.

Rätsel um die Datierung der Etiketten

Doch laut dem Historiker und Journalisten Götz Aly soll im bisher nicht veröffentlichten Grabungsbericht noch von weiteren Gruben mit Knochen gemutmaßt werden, die auf dem Gelände liegen. Außerdem werde in dem Bericht empfohlen, weiterzugraben und den gesamten Bereich des KWIA-Grundstücks systematisch zu untersuchen. Passiert ist das bisher nicht.

Aly wirft der Universität vor, den Fall nicht ausreichend aufzuklären. Er hat in einem Beitrag in der »Berliner Zeitung«  Berlins Bürgermeister sowie weitere Politiker aufgefordert, sich in der Sache einzuschalten und sieht deutliche Hinweise auf ein NS-Verbrechen. Beispielsweise seien die Plastikmarken Hinweise auf biologisch-medizinische Präparate, wie sie in Sammlungen am KWIA zur Katalogisierung verwendet wurden.

Solche Etiketten seien erst ab den Zwanzigerjahren verwendet worden und könnten also nicht von älteren Sammlungen stammen. Frühere anthropologische Stücke seien direkt mit Tusche beschriftet oder mit nummerierten Etiketten aus Pappe versehen worden.

Chemische Analysen könnten die Antwort bringen

Archäologin Pollock sieht das nicht ganz so eindeutig. »Die Etiketten können nicht genau datiert werden«, sagt sie. »Dass sie Verwendung innerhalb des KWIA fanden, ist klar.« Doch die Institution existierte bereits fünf Jahre vor der NS-Machtübernahme, zudem seien dort auch eine Zeit lang beispielsweise die Sammlungen des Anthropologen Felix von Luschan aufbewahrt worden – mit menschlichen Schädeln und Skelettteilen aus der Kolonialzeit.

»Genaue chemische Analysen der Marken stehen noch aus, die eventuell mit einer Datierung anhand der Materialzusammensetzung helfen können«, so Pollock.

Für Aly deutet noch eine andere Tatsache auf ein Überbleibsel aus der NS-Zeit hin: Bei den Grabungen hätte sich gezeigt, dass die Gruben mit den Knochen schnell ausgehoben und wieder verschlossen worden waren. Vielleicht wollte man hier Beweisstücke verschwinden lassen, bevor die Rote Armee gegen Kriegsende Berlin einnahm, mutmaßt er.

Die FU Berlin hat auf seine Vorwürfe inzwischen reagiert. Man verwahrt sich gegen die Darstellung von Aly, einen eventuellen Zusammenhang mit Auschwitz-Opfern nicht aufklären zu wollen, hieß es in einer Mitteilung . Die Universität gehe mit den Knochenfunden seit jeher würdevoll und transparent um. Zudem habe man sich mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma über den Umgang mit den Funden und die Untersuchungsmethoden beraten. Weiter verweist die Universität darauf, dass jüngere Erkenntnisse eher auf eine Herkunft aus der Kolonialzeit bei einem Großteil der Knochen hindeuten würde. Von neuen Grabungen ist nicht die Rede.

Gedenkort auf dem Campus

Entscheidungen in dieser Frage will Pollock nicht von wissenschaftlicher oder institutioneller Seite abhängig machen. »Ob weiter gegraben werden soll, müsste zuallererst in Rücksprache mit den Mitgliedern der potenziell betroffenen Opferverbände und Selbstorganisationen entschieden werden«, meint sie.

Schon im Februar hatte die FU in Aussicht gestellt, einen Gedenkort auf dem Campus einzurichten.