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Foto: Reinhold Grigoleit/ dpa

Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Tsunami entlastet Poseidon

Der Meeresgott Poseidon war unschuldig am Tod einer persischen Armee, Steinzeitler aßen Elefanten bis auf das letzte Knochenstück, in Peru blieben Familien auch im Tod zusammen. Ein Überblick über neue Entdeckungen aus der Archäologie.

+++ Poseidon war unschuldig +++

Als im Jahr 479 vor Christus die Perser auf die griechische Stadt Potidaea, das heutige Nea Potidaea zumarschierten, schickte Poseidon eine riesige Flutwelle. Sie spülte die persischen Soldaten einfach fort. So zumindest schildert es der Geschichtsschreiber Herodot. Doch nun hat Klaus Reicherter von der Universität Aachen auf dem Jahrestreffen der Seismological Society of America Hinweise dafür vorgelegt, dass es nicht der Meeresgott war, sondern ein ganz realer Tsunami.

Zum einen beschreibt Herodot sehr genau typische Anzeichen eines Tsunamis. Er schildert, wie das Meer sich zuerst zurückzog - was die Perser als Einladung zum Angriff interpretierten - und danach mit gewaltiger Wucht über das Land hereinbrach. Bei Bohrungen in der Region fand Reicherter Sedimentschichten, die zum fraglichen Zeitpunkt aus dem Meer weit ins Landesinnere hineingetragen worden waren.

Die Abfolge der Schichten sprach dafür, dass es an diesem Küstenabschnitt äußerst turbulent zuging - alles war durcheinandergewirbelt. Anhand von mitgespülten Muscheln konnte der Forscher die Katastrophe auf das Jahr 500 vor Christus datieren, die Fehlermarge liege bei lediglich 25 bis 30 Jahren. Die Arbeit von Reicherter zeigt aber auch, dass die Gefahr noch lange nicht vorbei ist. Auch heute noch könnte das Gebiet von Tsunamis heimgesucht werden.

+++ Elefant zum Abendbrot+++

Heute wird man auf Madrids Speisekarten wohl kaum Elefantenbraten finden. Doch im Mittleren Paläolithikum, also vor 40.000 bis 12.700 Jahren, war dies eine durchaus übliche Mahlzeit. Das zeigen Schnittspuren auf Elefantenknochen, die bei einer Ausgrabung in der spanischen Hauptstadt gefunden wurden. Die Menschen schabten nicht nur das Fleisch von den Knochen, sondern zertrümmerten sie obendrein, um an das nahrhafte Mark zu gelangen.

Ein Elefant war nicht gerade eine leichte Jagdbeute - wenn die Steinzeitler einen erlegt hatten, nutzen sie jedes essbare Fitzelchen des Tieres. Noch ist nicht klar, ob es sich bei dem erlegten Elefanten um ein Mammut oder ein Palaeoloxodon handelte. Dies ließe sich leicht an den - leider nicht gefundenen - Stoßzähnen feststellen: Beim Mammut waren sie gebogen, das Palaeoloxodon trug dagegen gerade Stoßzähne.

Die Fundstelle des Tieres liegt am Ufer des Manzanares. Hier fanden die Ausgräber um José Yravedra von der Complutense University of Madrid (UCM) auf 255 Quadratmetern 82 Knochen eines Elefanten sowie 754 Steinwerkzeuge, die wahrscheinlich zum Zerlegen des Tieres gedient hatten.

+++ Maries Mauer +++

Im 16. Jahrhundert ging es in Leith hoch her. Königin Marie de Guise, die Mutter der berühmten Maria Stuart, verlegte im Jahr 1548 ihren Regierungssitz in die schottische Stadt. Eine der ersten Maßnahmen war es, die Verteidigungsanlagen auszubauen - was sich als richtige Entscheidung erwies, denn schon bald darauf standen die englischen Truppen vor den Toren der Stadt.

Teile dieser Verteidigungsanlagen haben Archäologen nun bei Bauarbeiten zu einer neuen Siedlung mit Sozialwohnungen entdeckt. "Es ist eine der wenigen Strecken der Anlage, die nicht durch Überbauung gestört wurde", freut sich Grabungsleiter Martin Cook. "Wir hoffen, dass wir tiefe Einsichten in die spätmittelalterliche Verteidigung von Leith bekommen werden." Gegen die Soldaten Heinrichs VIII. hielt die Verteidigung. Doch als elf Jahre später seine Tochter Elizabeth I. erneut Truppen nach Norden schickte, nützte sie nichts mehr - Elizabeths Armee konnte die Stadt einnehmen. Marie de Guise starb während dieser Belagerung an Wassersucht. Bei den Ausgrabungen soll es ein Schaufenster geben, durch das Besucher die Arbeiten verfolgen können.

+++ Dicker Abt mit Stachelring +++

In der Hand hielt er noch den Bischofsstab, am Finger steckte sein Ring: In der Abtei von Furness haben Archäologen das unberührte Grab eines Abtes aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Der Tote gehörte dem Zisterzienserorden an, der damals der mächtigste Orden Englands war - mit Furness als der wichtigsten Abtei.

Der Tote war demnach zu seiner Zeit einer der mächtigsten Männer Englands. Mächtig war auch sein Körper: Wahrscheinlich war er zu seinen Lebzeiten stark übergewichtig. Zwischen seinen Wirbel sind Verwachsungen, wie sie typisch sind für Fettleibigkeit. Auch die Position seiner Arme im Grab deutet auf einen gewissen Leibesumfang hin - sie lagen nicht auf der Brust gekreuzt, sondern an den Seiten des Körpers.

Der Abt starb im Alter von 40 bis 50. Sein Bischofsstab ist ein Kunstwerk: Den Kopf zieren vergoldete Medaillons, auf denen der Erzengel Michael einen Drachen besiegt. Auch der Ring ist aus vergoldetem Silber. Unter dem großen Bergkristall oder weißen Saphir ist eine kleine Geheimkammer versteckt - womöglich für einen Knochensplitter oder Haare eines Heiligen. Die Kammer drückt den Träger allerdings als Stachel ins Fleisch.

Die Abtei von Furness ist auch für ihre Geister bekannt. Ob es sich bei dem Toten um einen von ihnen handelt, lässt sich allerdings nicht klären: "Ich würde diesen Geistergeschichten gerne einen Riegel vorschieben und die Aufmerksamkeit auf die Realität lenken", kommentiert Susan Harrison von der Denkmalpflegeorganisation English Heritage. Stab und Ring werden am kommenden Wochenende, den britischen Bank Holidays, erstmals in der Abtei ausgestellt.

+++ Peruanische Familienbande +++

Im Tod lagen sie eng zusammen: 41 Männer und Frauen teilten sich sechs Gräber in 400 Metern Höhe an der windigen Flanke des Berges Cora Cora im Süden Perus. Sie haben auch im Leben vieles miteinander geteilt, wie Forscher von der Universität Warschau und der peruanischen Universidad Catolica de Santa Maria jetzt herausgefunden haben. Bevor die Europäer nach Südamerika kamen, organisierten sich die Menschen dieser Region in sogenannten Ayllu, einer Art Familienverband. Sie nutzen ihr Land gemeinschaftlich und teilten sich auch andere Verantwortlichkeiten. Ihre Toten bestatteten sie in Chullpas - Gemeinschaftsgräber von bis zu zwei Metern Höhe. Die Ergebnisse der Erbgut-Untersuchungen sprechen dafür, dass jeweils eine Ayllu die Toten in einer Chullpas bestattete - und zwar über mehrere Generationen hinweg.

Die Familienbande wurden dabei offenbar über die Männer definiert - die ihre Schwestern mit anderen Ayllus tauschten. Zwei der Chullpas enthielten nur Knochen von Männern mit identischen Y-Chromosomen - also Väter, Söhne, Brüder. Anscheinend gab es aber auch Patchwork-Familien. In einer der Chullpas fanden die Forscher drei männliche Linien. Von den Männern hatten zwei dieselbe Mutter, jedoch verschiedene Väter. Der dritte Mann scheint wiederum ein Halbbruder der Mutter gewesen zu sein.