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07. Dezember 2009, 16:01 Uhr

Ausgrabung in der Pfalz

Die Menschenschlachter von Herxheim

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Ein grausiger Fund gibt Archäologen Rätsel auf. In der Pfalz haben Forscher mehr als 500 Tote gefunden, denen vor 7000 Jahren das Fleisch wie bei Schlachtvieh von den Knochen geschabt wurde. Der Verdacht der Ausgräber: Die Menschen wurden verspeist - und sie haben sich offenbar freiwillig geopfert.

Wie zerlegt man ein Rind? Zunächst löst man das Fleisch von den Knochen. Dazu schneidet man mit einem scharfen Messer die Muskelansätze an den Gelenken los. Das faserige Fleisch lässt sich dann gut abschaben, von oben nach unten. Auch nach der Entfernung des Muskelfleisches ist noch viel Gutes übrig: Tief in den Langknochen und Rückenwirbeln sitzt das Mark. Um an die Köstlichkeit heranzukommen, zertrümmert man die Gebeine, schabt das Mark heraus oder kocht sie in Wasser aus. Übrig bleiben ein Haufen nackter Knochen mit Kratz- und Schabspuren sowie die kleinen Trümmer der markhaltigen Skelettteile.

Genau einen solchen Haufen - und zwar einen riesigen - fanden Archäologen bei der Ausgrabung einer kleinen steinzeitlichen Siedlung im pfälzischen Herxheim. Nur dass es sich dabei nicht um Rinderknochen handelte. Stattdessen fanden die Forscher die sorgfältig abgeschabten Reste von rund 500 Menschen. Und dabei haben die Ausgräber noch nicht einmal die Hälfte der Stätte freigelegt. "Wir rechnen mit mehr als der doppelten Menge an Toten", sagt Projektleiterin Andrea Zeeb-Lanz von der Außenstelle Speyer der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

Das sind viele Tote für ein winziges Kaff wie jene Steinzeitsiedlung im heutigen Herxheim. Denn hier standen in der letzten Phase der bandkeramischen Kultur von 5000 bis 4950 vor Christus höchstens zehn Häuser. Die Toten, das haben die Ausgrabungen ergeben, waren keine Einheimischen. Sie kamen aus ganz Europa - aus der Gegend des heutigen Paris, von der Mosel und sogar aus dem mehr als 400 Kilometer entfernten Elbetal. Das verraten die Keramikscherben, die zwischen ihren Rippen liegen. Es ist sogenannte Bandkeramik, die der gesamten Bevölkerungsgruppe ihren Namen gegeben hat: verziert mit bandförmigen Mustern, die bei der Herstellung in den noch feuchten Ton gedrückt wurden.

Leichen wurden fachmännisch zerlegt

Die Fremden brachten nur die allerfeinste Keramik aus der Heimat mit - in vielen Fällen schöner noch als jene, die sie den Toten zu Hause mit in die Gräber legten. Doch auch die Gefäße wurden zertrümmert und zwischen die Knochen gestreut. Ebenso wie brandneue Mahlsteine und Steinklingen. Alles wurde zerhackt, zerbrochen, durchmischt und in Gruben geschüttet.

Der Anthropologe Bruno Boulestin hat die Knochenfragmente akribisch untersucht. Was er dabei allein an Überresten im Fundkomplex neun - einer knapp acht Meter langen Grube - fand, hat er gemeinsam mit Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Antiquity" veröffentlicht. Die Statistik liest sich beklemmend: 1906 Knochenstücke von mindestens zehn Individuen. Davon waren zwei Neu- oder Totgeborene, eines aus der 34. bis 36. Schwangerschaftswoche, zwei sechs- und 15-jährige Kinder sowie sechs Erwachsene, mindestens einer davon ein Mann.

Sie alle - Babys, Kinder, Erwachsene - wurden fachmännisch zerlegt. Und zwar als die Knochen noch frisch waren, wie die Bruch- und vor allem die Schnittspuren zeigen. Für Boulestin liegt die Schlussfolgerung auf der Hand: Die menschlichen Knochen weisen dieselben Verletzungen auf wie die von Schlachtvieh - die Toten von Herxheim wurden fachmännisch als Speise zubereitet. Spuren an den Knochen lassen laut Boulestin auch vermuten, dass die Leichenteile am Spieß gebraten wurden. Er widerspricht damit der Vermutung anderer Forscher, dass das Fleisch im Rahmen eines Begräbnisrituals von den Knochen entfernt und nicht gegessen wurde.

Keine Spuren von Gewalteinwirkung

Wer waren die Toten? Besiegte Feinde vielleicht? Wahrscheinlich nicht, denn die Knochen weisen keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung auf, wie sie typisch für Kriegsverletzungen gewesen wären. Keine eingeschlagenen Schädel, nicht einmal eine Pfeilspitze zwischen den Rippen. Sattdessen scheinen die Toten von Herxheim zu Lebzeiten bei bester Gesundheit gewesen zu sein. Ihre Gelenke sind nicht verschlissen, die Zähne außergewöhnlich gut erhalten und auch von Mangelerscheinungen durch knappe Ernährung keine Spur.

Gegen die Theorie der getöteten Feinde spricht auch, dass die kleine Schar von Dörflern wohl kaum in nur 50 Jahren an so weit auseinanderliegenden Orten wie dem Pariser Becken und dem Elbtal über tausend Gefangene gemacht und sie bis zu den heimischen Höfen getrieben hat. "Man könnte sich auch vorstellen, dass sich freiwillig Menschen zur Verfügung stellten, um hierhin zu kommen und sich rituell opfern zu lassen", vermutet Zeeb-Lanz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Was geschah also zu Beginn des fünften Jahrtausends vor Christus im heutigen Herxheim? Fest steht, dass der Ort schnell berühmt wurde. Seit Beginn der sogenannten Flomborn-Phase um 5300 vor Christus schlummerte die kleine Siedlung noch ruhig vor sich hin. Doch um die Jahrtausendwende geschah etwas, das Menschen aus ganz Europa dazu veranlasste, in den kleinen Ort zu pilgern - eine logistische und kommunikative Meisterleistung in jener Zeit.

Nach höchstens 50 Jahren war alles vorbei

Der Spuk währte allerdings nur kurz: Spätestens um 4950 vor Christus war alles vorbei. Niemand verlor danach noch sein Leben auf Herxheimer Boden - die Siedlung hörte einfach auf zu existieren. Für Archäologen ein verwirrender Befund, denn 50 Jahre sind eine enorm kurze Existenzzeit für einen Ort von solcher Bedeutung. "Und 50 Jahre waren schon das uns bekannte Maximum", sagt Zeeb-Lanz. "Das alles kann sich auch in zwei Jahren oder sogar in nur fünf Wochen abgespielt haben."

Klar ist auch, dass es nicht der Hunger war, der die Bewohner des mysteriösen Dorfs zum Zerlegen ihrer Mitmenschen trieb. Was auch immer sie mit den Opfern anstellten, war Teil einer rituellen Handlung, eine religiöse Zeremonie. Dazu gehörte auch die mysteriöse Bearbeitung der menschlichen Schädel. Zunächst wurde die Haut abgezogen: Ein Schnitt längs über den Kopf, und die Haut ließ sich zu beiden Seiten hin abpellen. Dann ein gezielter Schlag von vorn gegen das Gesicht, einer hinten gegen den Halsansatz, je zwei an den Seiten - das Resultat sah aus wie eine Trinkschüssel.

"Getrunken hat daraus vermutlich aber niemand", sagt Zeeb-Lanz. "Die Ränder sind noch heute so scharfkantig, dass man sich daran die Lippen verletzen würde." Diese seltsam zugerichteten Schädeldecken, sogenannte Kalotten, entdeckten die Ausgräber oft in kleinen Nestern zusammengelegt. Bis zu elf Stück lagen dicht beieinander an einer Stelle. "Je länger und intensiver wir forschen", meint Zeeb-Lanz, "desto mysteriöser wird dieser Ort."

Aber haben seine Bewohner die Toten tatsächlich verspeist? Archäologisch beweisen lässt sich das nicht. Boulestin ist sich seiner Sache sicher, doch nicht alle Mitglieder des Grabungsteams teilen seine Meinung. Auch Projektleiterin Zeeb-Lanz ist vorsichtig: "Wir dürfen nicht vergessen: Das war keine Riesensiedlung. Wer soll das alles gegessen haben?"

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