Ausländer im OP Keine Operation bei "Nix verstehen"?

Kliniken in Deutschland lehnten eine Patientin mit mangelnden Deutschkenntnissen ab. Nach einer Transplantation müsse der behandelnde Arzt dem Patienten Anweisungen erteilen. Verstehe der Kranke diese nicht, sei eine erfolgreiche Nachbehandlung nicht möglich, sagte die Sprecherin einer Klinik in Bad Oeynhausen.


Gießen/Heidelberg - Manche deutsche Krankenhäuser lehnen, nach Darstellung türkischer Ärzte, wegen mangelnder deutscher Sprachkenntnisse der Patienten lebensrettende Operationen ab.

Kommt als nächstes der Sprachtest vor einer Operation?
AP

Kommt als nächstes der Sprachtest vor einer Operation?

Kliniken in Bad Oeynhausen, Heidelberg und Frankfurt am Main verweigerten einer türkischen Patientin, die kein Deutsch konnte, eine Herztransplantation. Dies berichtete die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung in Gießen. Nach Ansicht der türkischen Vereinigung dürfen fehlende Deutschkenntnisse nicht zum Hindernis für eine Operation werden. Bei Kleinkindern, die noch nicht sprechen könnten, oder Taubstummen würden die Ärzte zum Skalpell greifen, sagte der Vorsitzende der Organisation, Yasar Bilgin.

Den Äußerungen der Vereinigung widersprach die Heidelberger Universitätsklinik. "So etwas ist bei uns noch nie vorgekommen", erklärte der ärztliche Direktor der Herzchirurgie, Siegfried Hagl. Im Klinikum würden bei zahlreichen ausländischen Patienten Transplantationen vorgenommen, die kein Deutsch sprechen. Die Universitätsklinik in Frankfurt wies diesen Vorwurf ebenfalls zurück.

Der Fall der 56-jährigen Fatma Elaldi hatte bei den Türken in Deutschland für Aufregung gesorgt. Seit mehreren Jahren ist die seit 1979 in Neuwied lebende Frau schwer herzkrank. Sie spricht kein Wort Deutsch. Der Gesundheitszustand der Türkin hatte sich in jüngster Zeit derart verschlechtert, dass eine Herztransplantation notwendig geworden war. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse hätten die Krankenhäuser in Bad Oeynhausen und Köln die Operation allerdings abgelehnt.

"Compliance" = Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen

Bei der Ablehnung der Frau beruft sich die Klinik in Bad Oeynhausen auf die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Organtransplantation. Darin wird empfohlen, welche Patienten auf eine Warteliste für eine Transplantation kommen sollen und welche nicht. Abgelehnt werden können demnach Patienten, die zum Beispiel drogenabhängig oder alkoholkrank sind, weil bei ihnen die Überlebenschance geringer ist. Ein weiteres Hindernis sei die unzureichende "Compliance". Damit wird die Zuverlässigkeit des Patienten bezeichnet, wenn es darum geht, die Anweisungen des Arztes zu befolgen, bestätigte die Bundesärztekammer in Berlin.

Diese lebenswichtige "Mitarbeit" sei bei einer Patientin, die kein Wort Deutsch könne, eben nicht gegeben, sagte die Sprecherin der Klinik in Bad Oeynhausen, Petra Mellwig. Die Anweisungen der Ärzte könne die Türkin nicht verstehen und zum Beispiel Arzneimittel falsch einnehmen. Bei Komplikationen sei sie nicht in der Lage, Kontakt mit der Klinik aufzunehmen. Eine korrekte Nachbehandlung sei daher nicht möglich gewesen. Die Klinik sei bei dem akuten Mangel an Spenderorganen zu einer strengen Auswahl bei der Besetzung der Warteliste gezwungen.

Der behandelnde Arzt Gero Tenderich sagte Zeitungsberichten zufolge, 40 bis 50 Prozent aller nicht Deutsch sprechenden Patienten überlebten eine Herztransplantation nicht. Grund dafür seien Komplikationen, die auf "soziokulturelle" Probleme zurückzuführen seien. Den Vorwurf, die türkische Frau aus ausländerfeindlichen Motiven abgewiesen zu haben, wies die Klinik-Sprecherin zurück. Es seien in der Vergangenheit zahlreiche Ausländer dort operiert worden, außerdem bestehe allein das Team der Klinik aus 27 Nationalitäten.

Die türkische Gesundheitsstiftung in Gießen vermittelte die Frau mittlerweile an das Herzzentrum in Münster. Wenn ein geeignetes Organ gefunden ist, soll eine Transplantation vorgenommen werden, erklärte Bilgin. Die jahrelange Nachsorge übernehme die Universitätsklinik in Gießen, so der Oberarzt. Die Tochter der Frau, die fließend Deutsch spricht, hatte sich nach Zeitungsberichten bereit erklärt, für ihre Mutter zu übersetzen.



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