Aborigines Eins mit der Welt

In ihren Homelands pflegen die Aborigines wieder ihre alte Kultur. "National-Geographic"-Autor Michael Finkel verbrachte zwei Wochen mit Australiens Ureinwohnern - und erlebte Menschen, die ihr Glück in der Abgeschiedenheit finden.

Die beiden Männer ergreifen ihre Speere und laufen barfuß über die rote Erde zum Wasser. Rein in das Aluminium-Dingi, Motor anwerfen, und schon saust das Boot über eine der seichten Buchten der Arafurasee an der rauen Küste von Australiens Northern Territory. Am Bug steht Terrence Gaypalwani, breitbeinig, um das Gleichgewicht zu halten, und starrt aufs Wasser. Er ist 29, ein erfahrener Jäger. Am Motor sitzt Peter Yiliyarr, 40 Jahre alt. Die Küste ist ein Gitterwerk aus Mangrovenwurzeln, die Sonne ein Heizstrahler. Kein anderes menschliches Wesen weit und breit.

Ich bin zu Besuch in Matamata, einem verlorenen 25-Seelen-Nest im Busch. Bevor ich anreisen durfte, brauchte ich die Erlaubnis von Phyllis Batumbil, Gaypalwanis Mutter. Sie ist die Matriarchin von Matamata, eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. In Matamata gibt es zwei Telefone. Eins gehört Batumbil. Ich wählte die Nummer, und Batumbil war dran. Batumbil ist Künstlerin. Den Kontakt hatte mir der Manager einer Galerie vermittelt, die ihre Arbeiten ausstellt. Ich fragte Batumbil, ob ich zwei Wochen in Matamata verbringen dürfe. Ich charterte eine Chessna. Der Pilot ließ die Maschine tief über den Busch gleiten - dünne, hohe Bäume, die weit auseinanderstehen. Dann erreichten wir eine Lichtung mit fünf güterwagenähnlichen Häusern. Matamata.

Unter einem alten Mangobaum sitzt Batumbil inmitten ihrer fünf Hunde. Ich entlade zwei Seesäcke mit persönlichen Dingen und ein Dutzend Tüten mit Lebensmitteln. "Dinner für 25", sage ich. Ob ich mir vorstellen könne, so viel an einem Tag zu fangen, nur mit einem Speer? Und dasselbe am nächsten Tag und am übernächsten? "Die Aborigines", sagt sie, "haben das jeden Tag getan, über 50.000 Jahre."

Ein Albtraum kultureller Auslöschung

Und 49.800 Jahre hatten sie den Kontinent für sich allein. Dann, am 29. April 1770, landete der britische Entdecker James Cook mit seinem Schiff "Endeavour" an der Südostküste. Die folgenden Jahrhunderte wurden zum Alptraum nicht nur kultureller Auslöschung - Massaker, Krankheit, Alkoholismus, Zwangsassimilierung, Unterwerfung. Derzeit leben über eine halbe Million Aborigines in Australien, das sind knapp drei Prozent der Bevölkerung.

Der größte Teil der Welt hatte 10.000 Jahre, um sich dem Rhythmus einer sesshaften Agrargesellschaft anzupassen, in der Geduld, Planung und Konservierung entscheidend sind für das Überleben. Von den Aborigines, denen die britische Kolonialmacht ihr Land genommen hatte, erwartete man, dass sie sich buchstäblich über Nacht umstellten. Ungebremster Konsum plus unbegrenzter Vorrat einer Ware wie Alkohol führten zur Katastrophe. Dasselbe gilt für Zucker. Ebenso für das Rauchen.

In der Stadt, in der Batumbil und ihr Mann auf Elcho Island lebten, konnte man nur schwer der Verlockung des Alkohols und der damit verbundenen Gewalt entgehen. Batumbil und ihr Mann erkannten, dass ein glückliches Leben nur in Abgeschiedenheit möglich ist. Also zogen sie in den Busch. "Wir kehrten heim", sagt sie. Nachdem sie umgezogen waren, bekam Batumbil zwei Söhne und eine Tochter. Ihre Enkel, heute junge Erwachsene, leben alle in Matamata.

"Ich mache mir Sorgen um die nächste Generation"

Es dauert 30 bis 40 Jahre, bis ein Yolngu das Aborigine-Wissen verinnerlicht hat und zu dem wird, was Batumbil ein "wandelndes Lexikon" nennt. Viele Aborigine-Gruppen haben bereits ihr letztes "Lexikon" begraben. "Ich mache mir Sorgen um die nächste Generation", sagt sie. Marvin Ganyin, einer ihrer Enkel, überzeugt mich davon, dass ihre Sorge unberechtigt ist.

Ganyin ist 23, er hat einen zweijährigen Sohn. Das Erste, was er mir zeigt, ist das Handy-Video einer Straßenschlägerei, bei der er mitgemacht hat. Doch eines Tages klopft er mir auf die Schulter, gibt mir einen Speer und bedeutet mir mitzukommen. Wir gehen in den Busch, einen Ort, an dem jedes Wesen darauf aus zu sein scheint, dich zu töten. Wir kommen an einen Hügel. "Ein heiliger Hügel", sagt Ganyin. Hier wachsen die Bäume für Didgeridoos. Weiter geht es zu einer natürlichen, mit Austern gesprenkelten Mole aus schwarzem Gestein. Ganyin knackt einige auf, und wir schlürfen sie aus einer Schalenhälfte. Dann schleudert er seinen Speer, spießt eine riesige Krabbe auf.

Wir klettern hinüber zum Mangrovenwald. Ganyin bricht eine Wurzel ab und zieht einen dicken weißen, etwa 30 Zentimeter langen Wurm aus dem weichen Holz und quetscht ihn zusammen. Er gibt mir den Wurm. "Iss", sagt er. Ich esse. Es gebe nichts Besseres auf der Welt, als seine eigenen Mahlzeiten zu jagen, sagt er. Seinem Sohn bringt er das Jagen schon jetzt bei. Der werde alles lernen, was zur Lebensweise der Yolngu gehört, da ist sich Ganyin ganz sicher. Er wird ein "Lexikon" werden.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe Juni 2013, www.nationalgeographic.de 


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