Australische Studie Macht Dope depressiv?

Heben Joints die Stimmung - oder bewirken sie das Gegenteil? Australischen Forschern zufolge birgt der Cannabis-Konsum Gefahren fürs Gemüt. Ihre Studie schlug Down under, wo Kiffen populär ist, einige Wellen.
Von Michael Lenz

"Ich kann nicht mehr sagen, als schon in der Presse zu lesen war", stöhnt Carolyn Coffey entnervt. Durch eine undichte Stelle ist das wesentliche Ergebnis ihres Teams vorzeitig an die Öffentlichkeit geraten: Intensiver Konsum von Marihuana, so wollen die Forscher um George Patton vom Centre for Adolescent Health in Melbourne belegt haben, kann Depressionen verursachen.

Für ihre aus australischen Forschungsmitteln finanzierte Studie untersuchten Patton und seine Kollegen, zu denen auch Coffey gehört, über sieben Jahre lang die Folgen von Cannabisgenuss bei 2000 Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren. Sieben Prozent der Befragten hatten sich den alten Hippie-Slogan "Am Morgen einen Joint, und der Tag ist dein Freund" zu Eigen gemacht und täglich gekifft.

Bei männlichen und weiblichen Dauerkonsumenten beobachteten die Forscher unterschiedliche Auswirkungen auf den Gemütszustand: So seien unter jungen Frauen häufiger Symptome einer Depression zu beobachten gewesen als unter den männlichen Jugendlichen. Einzelheiten der Studie bleiben jedoch bis zur Veröffentlichung in einem internationalen Fachmagazin unter Verschluss, betont Coffey.

Joints und die australische Surfkultur

Für Gundi Mitton ist Pattons Studie Bestätigung und Trost zugleich. Mitte Januar hatte sich ihr 32-jähriger Sohn in den Wellen vor Sydneys berühmten Strand von Bondi ertränkt. Marcel Mitton, ein populärer Surfer in Bondi, litt seit Monaten unter Depressionen. Verursacht durch Stress und berufliche Sorgen, so die Surfkumpel von Mitton.

Gundi Mitton jedoch sieht die Ursache für den Freitod ihres Sohnes in dessen Kifferkarriere. Marcel rauchte seit über 15 Jahren Marihuana, in seinen letzten fünf Lebensjahren täglich. Mitton war keine Ausnahme in der Surferszene von Bondi: "Joints und die australische Surfkultur gehören zusammen", grinst ein braun gebrannter Wellenreiter, der sich Jacko nennt.

Der Hang zum Joint ist in Australien längst klassen-, szene- und generationsübergreifend. Vierzig Prozent der Aussies hatten 1998 mindestens einmal Marihuana geraucht, ergab eine Untersuchung des Australischen Instituts für Gesundheit und Gemeinwohl (AIHW). Unter Jugendlichen ab 14 Jahren experimentierte gar mehr als die Hälfte mindestens einmal mit anderen Rauschmitteln als Alkohol. Eltern und ihre Kinder unterscheiden sich lediglich in der Art des Konsums: Während die ältere Generation dem selbst gedrehten Joint ihrer Studentenzeit treu bleibt, setzen die Sprösslinge auf den dröhnungsverstärkenden Effekt der Wasserpfeife.

Cannabisindustrie ist "doppelt so groß wie der Weinmarkt"

Für Alex Wodak ist das Geschäft mit dem Hasch gar ein nicht zu verachtender Faktor in der australischen Wirtschaft. Die Cannabisindustrie entspreche "drei Viertel des Umfangs der Bierindustrie und ist doppelt so groß wie der Weinmarkt", sagte der Leiter der Alkohol- und Drogenabteilung des St.-Vincent-Krankenhauses in Sydney bei einer Anhörung des neuseeländischen Parlaments zur Legalisierung von Cannabisprodukten. Wodak ist für eine kontrollierte Freigabe von Cannabis sowie die Besteuerung von Produktion und Handel mit dem Naturprodukt.

Patton glaubt, mit seiner Studie einen Beitrag zur Entwirrung des seit Jahren tobenden Expertenstreits über Ursache und Wirkung von Cannabiskonsum und Schwermut geleistet zu haben. Befürworter sprechen dem Gewächs eine mildernde Wirkung bei Depressionen zu. Unter Verweis auf US-amerikanische Studien sieht Patton hingegen die Beweiskraft für das depressive Potenzial von Marihuana verstärkt.

Wodak vom St.-Vincent-Krankenhaus bezweifelt allerdings die wissenschaftliche Unvoreingenommenheit amerikanischer Untersuchungen. Gut achtzig Prozent aller medizinischen Forschungen über illegale Drogen würden von der US-Behörde National Institute on Drug Abuse finanziert. Diese bevorzuge Projekte, die zur Unterstützung der Antidrogenpolitik der US-Regierung den Nachweis negativer Effekte zum Ziel hätten.

Für Gelegenheitskiffer hat Patton immerhin eine gute Nachricht: Sie können weiterhin unbesorgt ihre Joints bauen. "Gelegentlicher Gebrauch oder auch das Experimentieren haben wahrscheinlich keine Auswirkungen auf die geistige Gesundheit junger Menschen", versichert der Forscher.

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