Australopithecus afarensis Frühmenschen fühlten sich noch in Bäumen wohl

Waren vor gut drei Millionen Jahren lebende Vormenschen schon strikte Fußgänger - oder hangelten sie sich noch regelmäßig durch Bäume? Der Fund von Schulterknochen schafft Klarheit: Vormenschen-Frau "Lucy" und ihre Zeitgenossen waren noch wendige Kletterer.

Schädel eines Australopithecus afarensis: Zu Fuß und kletternd unterwegs
DPA/ Dikika Research Project/ Zeray Alemseged

Schädel eines Australopithecus afarensis: Zu Fuß und kletternd unterwegs


Hamburg - Obwohl sie schon aufrecht gehen konnten, hielten sich vor gut drei Millionen Jahren lebende Vormenschen wohl noch häufig in Bäumen auf. Darauf deuten die Schulterblätter eines Exemplars der Art Australopithecus afarensis, berichten zwei US-Wissenschaftler im Fachmagazin "Science".

Die Schulterblätter seien in Form und Ausrichtung noch relativ affenähnlich und an eine Lebensweise auf Bäumen angepasst. Demnach habe der Mensch in seiner Entwicklung das Klettern länger beibehalten als bisher angenommen.

David Green von der Midwestern University in Downers Grove (US-Bundesstaat Illinois) und Zeresenay Alemseged von der California Academy of Sciences in San Francisco hatten Schulterknochen und Wirbelsäule von "Selam" präpariert und untersucht. Dabei handelt es sich um ein im Jahr 2000 in Äthiopien gefundenes Australopithecus-Skelett.

Schulterblätter bleiben nur selten erhalten

Schon im Jahr 1974 entdeckten Forscher in Äthiopien Hinweise auf A. afarensis - das unter dem Namen "Lucy" berühmt gewordene Teilskelett einer Vormenschenfrau, die vor rund 3,2 Millionen Jahren lebte. Die Frage, ob Lucy und ihre Zeitgenossen strikte Fußgänger waren oder auch auf Bäumen herumkletterten, wird seitdem heftig debattiert.

Ein Grund dafür seien fehlende Fossilien des Schultergürtels, so Forscher. "Weil die Schulterblätter so dünn sind, bleiben sie nur selten erhalten - und wenn, dann meist nur in Bruchstücken", erklärt Alemseged. Zwei intakte Schulterblätter bei dieser Vormenschenart zu finden, sei daher wie ein Hauptgewinn im Lotto.

Das von einem dreijährigen Kind stammende Skelett aus Äthiopien war allerdings beim Fund fast vollständig in einem Sandsteinblock eingebettet. Um die Schulterblätter von "Selam" freizulegen, benötigten die Forscher elf Jahre vorsichtiger Feinarbeit.

Die genaue Untersuchung ergab, dass der Sockel für das Schultergelenk beim Australopithecus-Fossil nach oben zeigte. Damit ähnelt er stark dem der heutigen Menschenaffen. "Diese Form verteilt die Belastung beim Klettern und Über-Kopf-Greifen besser", berichten die Forscher. Das deute darauf hin, dass Australopithecus noch an ein Leben in den Bäumen angepasst gewesen sei. Beim Menschen zeige die Ansatzstelle des Schultergelenks dagegen nach unten und außen.

A. afarensis besaß demnach zwar schon Füße, Hüften und Beine, die an ein aufrechtes Gehen angepasst waren. Dennoch habe dieser Vormensch auch die ursprünglicheren Anpassungen an eine kletternde Lebensweise zunächst beibehalten. "Dies bestätigt die einmalige Stellung, die diese Art in der menschlichen Evolution einnimmt", sagt Alemseged. Sie sei noch nicht ganz Mensch, aber schon klar auf dem Wege dahin.

wbr/dapd



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