Autismus-Kinder Roboter dringt in die Stille vor

Autisten nehmen ihre Umwelt als eine Flut von Details wahr - und schotten sich gegen sie ab. Menschen dringen kaum zu ihnen vor. Ausgerechnet einem Roboter ist das jetzt gelungen: Autistische Kinder spielen mit ihm, die Maschine kann sogar Kontakt zu anderen Kindern vermitteln.
Von Jens Uehlecke

Zwölf Sekunden schaut Paul seinem Gegenüber in die Augen. Zwölf Sekunden rutscht er nicht auf dem Stuhl hin und her, ruft nicht "tut weh, tut weh". Zwölf Sekunden – eine kleine Ewigkeit und ein kleines Wunder. Denn der 15-jährige Paul ist Autist. Normalerweise kann er sich nur für wenige Augenblicke konzentrieren, bevor sein Blick wieder durch den Raum zappelt, als verfolge er eine Fliege – und bevor der Fuß wieder zu zucken beginnt, dann das Bein und schließlich der ganze Körper. Nur wenn Kaspar da ist, ist es anders.

Kaspar trägt Jeans, eine Baseballkappe und ein T-Shirt mit viel zu langen Ärmeln. Und ihm gelingt, was Pauls Lehrer oft vergeblich versuchen: Er verwickelt Paul in ein Spiel. Abwechselnd schlagen sie auf ein Plastiktamburin, erst Kaspar, dann Paul, dann wieder Kaspar. Für die Sprachtherapeutin Lisabeth Connor, die das Treffen im Gymnastikraum der St.-Elizabeth’s-Förderschule nördlich von London beobachtet, ist das unfassbar. Schließlich ist Kaspar nur ein ferngesteuerter Roboter. In den Kinderklamotten Größe 52 stecken Teile einer Puppe, ein Computer, Motoren und eine Gummimaske mit menschlichen Zügen.

Seit Wochen ist der Maschinenjunge mit dem Robotikforscher Ben Robins von der University of Hertfordshire unterwegs. Robins besucht eine Förderschule nach der anderen, um eine These seiner Arbeitsgruppe zu belegen: Roboter können helfen, autistische Kinder zu therapieren. Mit einem Notebook, von dem aus vier Kabel in Kaspars Rücken führen, steuert Robins den Roboter wie ein Marionettenspieler seine Puppe. Es surrt leise, Kaspar blinzelt, sssst, Kaspar winkt, sssst, Kaspar verzieht die Lippen zu einem Lächeln. Jetzt grinst auch Paul über beide Ohren. "Unglaublich", flüstert die Therapeutin.

Autisten wie Paul leiden an einer unheilbaren Entwicklungsstörung des Gehirns. Meist treten die Symptome schon in den ersten beiden Lebensjahren auf. Bereits autistische Säuglinge schauen lieber die Gitterstäbe ihres Bettchens an als ihre Mutter. Das Gesicht überfordert sie, anstelle des liebevollen Lächelns sehen sie unzählige Details.

Die Lachfältchen am Mund – für sie irritierend. Die großen Augen mit den hochgezogenen Brauen – ein Rätsel. Nicht nur die Züge der Mutter, ihre ganze Umwelt nehmen Autisten als Flut überscharfer Einzelheiten wahr. Geräusche wie das Quietschen der Gummiente oder das Dingdong der Spieluhr machen ihnen Angst. Kleinste Berührungen versetzen sie in Panik. Die Kinder schotten sich von der Außenwelt ab und verpassen eine normale Entwicklung. Während Gleichaltrige mit Modellautos nachspielen, wie ihre Familie in die Ferien fährt, sortieren Autisten die Autos der Farbe nach – um wenigstens ein bisschen Ordnung in die Welt da draußen zu bringen.

Ihr Leben lang bleiben Autisten unfähig, sich in andere hineinzuversetzen. "Seelenblindheit" nennt der britische Psychologe Simon Baron-Cohen das. Viele empfinden Blickkontakt als unangenehm und unerheblich. Stark betroffene Patienten wie Paul lernen zudem nie richtig sprechen und scheuen jede Initiative. Bricht ihm im Unterricht der Bleistift ab, verlangt er keinen neuen, sondern starrt aus dem Fenster, bis es dem Lehrer auffällt. Rollt auf dem Bolzplatz ein Ball auf ihn zu, schießt er nur, wenn er dazu aufgefordert wird: "Paul! Schuss!"

Kleine Momente der Interaktion - für den Forscher ein Triumph

Jeder Moment, in dem Paul sein inneres Exil verlässt, ist daher kostbar. Als Robins an diesem Morgen den nächsten Jungen hereinbitten will, macht Paul eine Faust und schlägt mit der anderen Hand darauf. In seiner Zeichensprache heißt das: "Mehr!"

Für Robins ein kleiner Triumph. Kaspar vermittelt erfolgreich zwischen Pauls Welt und der der anderen. "Er ist dazu das ideale Werkzeug", sagt der Forscher. "Autisten lieben technische Dinge, etwa Computer und ferngesteuerte Autos. Einen Roboter wie Kaspar lieben sie besonders, weil er puristische Gesichtszüge hat." Sein Verhalten sei kalkulierbarer als das von Menschen, eine verlässliche Konstante in einer Welt voller Unwägbarkeiten. "Noch ist es aber zu früh, einen therapeutischen Effekt festzustellen", sagt Robins. "Das hier sind ermutigende Einzelfälle, mehr nicht. Genaueres werden wir erst nach einer Langzeitstudie wissen."

Paul darf bleiben. Und als Lenny schließlich mit am Tisch sitzt, vollführt der Roboter das nächste Kunststück. Lenny ist neun, und die Situation ist ihm sichtlich unangenehm. Er versteckt sein Gesicht hinter dem Ärmel seines T-Shirts und kichert andauernd in sich hi-nein. Robins drückt ihm eine Minitastatur mit Symbolen in die Hand. Ein Trommelstock steht für die Tamburinschläge. Bam, bam-bam, Kaspar legt los. Äußerlich unbeteiligt steuert Lenny den Roboter, Paul soll ihn imitieren. Dann passiert es: Aus dem Augenwinkel sieht Lenny, dass der Mitschüler auf den Tisch klopft, weil er kein Tamburin hat. Er nimmt Robins eines aus der Hand und hält es Paul hin.

"Diese Jungs würden nie miteinander spielen", sagt die Therapeutin. "Wenn Kaspar ihnen eine Brücke baut, ist das ein riesiger Schritt." Zwei Wochen zuvor, erzählt sie, habe ein Kind einem anderen beim Spielen mit Kaspar sogar die Hand auf die Schulter gelegt. "Wir waren erstaunt, das Kind hatte bis dahin jeden Körperkontakt gemieden." Ein paar Tage später, Kaspar war lange fort, habe sich die Szene beim Sport wiederholt: Ganz nebenbei lehnte sich der Junge bei dem anderen an.

Können Roboter wirklich helfen, die Symptome des Autismus zu lindern? Die Szene dürfte sich so gar nicht abgespielt haben, glaubt man einigen Experten. "Vielleicht animieren Roboter Kinder dazu, miteinander zu spielen", sagt Beate Herpertz-Dahlmann, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates im Bundesverband Autismus. Unwahrscheinlich sei aber, dass sich das auf Situationen übertragen lasse, in denen kein Roboter da ist. "Schließlich lässt sich Autismus auf eine tiefgreifende Störung des Gehirns zurückführen."

Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass die Hirne autistischer Kleinkinder vom zweiten Lebensjahr an deutlich schneller wachsen als gewöhnlich. Ob der Autismus die Ursache dafür ist oder eine Folge davon, ist unklar. Sicher ist nur, dass vor allem die weiße Masse schließlich im Überfluss vorhanden ist. So werden die Nervenfasern zwischen Hirnzellen aufgrund ihres Aussehens in Hirnschnitten genannt. Eine mögliche Erklärung: Beim Hirnwachstum werden normalerweise unnötige Verbindungen gekappt, übrig bleiben nur die, die wirklich gebraucht werden – bei Autisten versagt dieser Mechanismus offenbar.

Das drastische Wachstum betrifft allerdings nur die Verbindungen innerhalb einzelner Hirnareale. Untereinander sind die Regionen viel schlechter verdrahtet. Es ist, als müssten sich die Informationen ihren Weg durch ein Labyrinth unzähliger Feldwege bahnen, weil Schnellstraßen fehlen.

Vielleicht ist das der Grund, warum Autisten sich nach einem Treffen bis auf den letzten Leberfleck an ein Gesicht erinnern, aber nicht sagen können, ob der andere glücklich oder traurig war. "Hirnscans haben gezeigt, dass bei Gesunden ein kleiner Bereich im Temporallappen aktiv wird, wenn sie ein Gesicht sehen. Autisten reagieren nicht darauf", sagt Herpertz-Dahlmann. Sie nähmen Gesichter nicht als Ganzes, sondern als Ansammlung von Details wahr. "Es ist kaum vorstellbar, dass ein Roboter so etwas Grundlegendes beeinflusst."

Zögerlich reagierte zunächst auch der Autismusexperte Simon Baron-Cohen, als er von dem Kaspar-Experiment hörte. Als er dann jedoch Videos davon sah, war er begeistert. Jetzt will er die Arbeit mit dem Roboter genauer verfolgen. Und Fritz Poustka, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt, würde gern selbst mit Kaspar experimentieren "Die Prognose bessert sich deutlich, wenn die Betroffenen lernen, andere zu imitieren", sagt er. "Wir haben gute Erfahrungen mit interaktiven PC-Programmen gemacht, bei denen Patienten am Bildschirm die Mimik von Gesichtern erkennen und nachahmen sollen." Warum sollten also nicht auch Roboter helfen, den sozialen Umgang zu lernen? "Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Autisten je so spontan auf Menschen reagieren wie Gesunde. Ihr Verhalten wird immer hölzern wirken."

Kameras als Pupillen, maskenhaftes Gesicht - das seltsame Wesen schlägt die Brücke

Richard ist diese Debatte egal. Der 16-Jährige ist nicht mehr zu stoppen, wenn Ben Robins mit seiner Umhängetasche über den Schulflur geht. Er weiß, da drinnen sitzt Kaspar. Und er ist zu stämmig, als dass ihn jemand aufhalten könnte.

Heute begegnet Richard dem Roboter zum dritten Mal. Brüllend tobt er durch den Raum, als er bemerkt, dass Lenny noch am Tisch sitzt. Kaspar teilen, das kommt nicht infrage. Als er ihn endlich für sich hat, streichelt er behutsam über den schwarzen Schopf und krempelt ihm die T-Shirt-Ärmel hoch. Tief schaut er ihm in die Augen: "Kameras", murmelt er. "Ja, die Pupillen, das sind Kameras", sagt Robins.

Richard pflegt eine eigentümliche Beziehung zu Kaspar. Längst hat er erkannt, dass das seltsame Wesen eine Maschine ist. Längst weiß er, wie das Programm funktioniert, das den Kopf hin- und herdreht. Und trotzdem drückt er seine Nase vorsichtig auf die des Roboters, als wäre er sein kleiner Bruder.

Auf die Idee, dass Roboter eine besondere Anziehungskraft auf Autisten ausüben könnten, kam Kerstin Dautenhahn, die Leiterin von Robins’ Arbeitsgruppe, bereits vor zehn Jahren. "Damals dachte ich, alle Welt forscht an immer komplexeren Maschinen", sagt sie. "Für Autisten ist aber gerade ein niedrigeres technisches Niveau viel interessanter." Auf einem Kongress in Zürich erzählte sie einem kanadischen Roboterbauer von ihrem Einfall. Prompt schenkte der ihr Labo-1, ein flaches Gefährt mit dicken Reifen und Hitzesensor. "Wir haben es so programmiert, dass es den Standort der Kinder orten und sie verfolgen konnte, ihnen aber davonfuhr, wenn sie selbst darauf zuliefen." Autisten liebten das Spiel.

Der 50 Zentimeter große Kaspar ist nun der erste Roboter mit menschlichem Gesicht, mit dem Dautenhahn und ihr Team experimentieren. Er soll ihnen auch helfen herauszufinden, wie Roboter idealerweise beschaffen sein müssen, damit sich Autisten auf sie einlassen. Die Ergebnisse sollen in das von der EU mit mehr als zwei Millionen Euro geförderte Iromec-Projekt einfließen: Forscher aus sechs Ländern wollen gemeinsam einen Roboter entwickeln, der Kinder mit den verschiedensten Behinderungen beim Lernen unterstützt. Ein Team aus Wien erforscht beispielsweise die Bedürfnisse körperlich Behinderter.

"Von Kaspar haben wir gelernt, dass er gerade auf Autisten unglaublich anziehend wirkt, weil er ein wenig Maschine, ein wenig Mensch ist", sagt Dautenhahn. "Er beherrscht menschliche Ausdrücke, allerdings sind diese immer eindeutig." Leicht geschlossene Augen und herabgezogene Mundwinkel stehen für Traurigkeit, offene Arme und ein Lächeln für Freude. Diese Mimik wirkt so echt, dass sich gesunde Erwachsene unwohl fühlen, wenn sie Kaspar sehen. Zombie-Effekt nennen Roboterforscher dieses Phänomen – es tritt auf, wenn künstliche Gesichter zu stark echten ähneln, zugleich aber auch verstörend leblos sind.

Genau das scheint Kinder wie Richard aber zu beruhigen. Nie käme man auf die Idee, dass gerade der Junge am Tisch sitzt, der gewalttätig wird, sobald ihm ein Mitschüler zu laut ist. Als die Stunde vorbei ist, streicht er Kaspar noch einmal liebevoll über die Gummibacken, fährt noch einmal mit der Fingerspitze über die winzigen Lippen. Und als der Computer herunterfährt und der Roboter in sich zusammensackt, fragt er: "Ist Kaspar traurig?"

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