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Bakterien: Winzige Mitbewohner im Darm

Foto: REUTERS/Eric Erbe/USDA

Bakterien-Genkatalog Leben im Gekröse

Wir sind Gewimmel: Der Mensch besteht zu 90 Prozent aus Mikroben und anderen Fremdlingen. Bisher sind der Wissenschaft die meisten unbekannt, doch jetzt legen Forscher einen genetischen Katalog von Dickdarmbakterien vor. Er zeigt die überwältigende Vielfalt der Winzlinge.

Wenn der kleine schwarze Punkt auf Ihrer Haut bei der leisesten Berührung davonspringt, dann haben Sie einen Floh. Ein gewisser Charme ist dem nicht abzusprechen. "Viele Weiber, viele Flöhe", seufzte Heinrich Heine, der mit beiden schlechte Erfahrungen machte.

Die sprunggewaltigen Blutsauger sind beileibe nicht die einzigen Wesen mit einer Schwäche für den Lebensraum Mensch. In der Mundhöhle schwimmt die friedfertige Amöbe Entamoeba gingivalis, in den Poren des Gesichts gedeiht das harmlose Spinnentierchen Demodex folliculorum. Und auch Egel und Fliegen, Läuse und Mücken, Pilze, Urtierchen, Viren, Wanzen, Würmer, Zecken fühlen sich wohl im Biotop auf zwei Beinen.

Einige der Geschöpfe siedeln in Regionen des Körpers, die wir selbst noch nie erspäht haben. Bakterien stellen das Gros: Allein auf der etwa zwei Quadratmeter großen Haut leben so viele Mikroben wie Menschen auf der Erde. Mit bis zu 1.000.000.000.000 (in Worten: eine Billion) Lebewesen in einem Gramm Darminhalt zählt der menschliche Dickdarm zu den Orten mit der höchsten Einwohnerdichte überhaupt. 90 Prozent sämtlicher Zellen im Körper sind Bakterien - wir sind mehr Mikrobe als Mensch.

Jagd nach den Genen aller bakteriellen Besiedler

Dass wir ausgerechnet jene Gefährten, die uns so nahe stehen, bisher weitgehend übersehen haben, mag an ihrer Farblosigkeit, Größe und Unbezähmbarkeit liegen. Eine Bazille ist hundert Billiarden Mal leichter als ein Mensch. Die meisten bakteriellen Siedler lassen sich überdies nicht domestizieren: Nur etwa 20 Prozent von ihnen kann man außerhalb des menschlichen Körpers züchten und in der Kulturschale studieren. "Wir wissen noch nicht", sagt der Biologe Bruce Birren vom Broad Institute im amerikanischen Cambridge, "wie viele Arten es gibt".

Dank neuer Nachweismethoden dürfte sich das allerdings schon bald ändern. Bakterien kann man leichter als jemals zuvor aufspüren: Sie werden mittlerweile allein anhand ihres Erbguts identifiziert. Ein Weltbund der Mikrobenjäger, das Internationale Konsortium für das Mikrobiom des Menschen , ist derzeit mit Feuereifer dabei, sämtliche Arten zu katalogisieren. Selbst den kleinsten Keim, der unerkannt im Körper lebt, wollen sie erfassen.

Jetzt haben Mitglieder des Konsortiums in den Stuhlproben von 124 Menschen aus Dänemark und Spanien bakterielle DNA analysiert und die reichen Funde zu einem Mikrobenatlas des menschlichen Darms zusammengefügt: Etwa tausend verschiedene Bakterienarten haben sie entdeckt. Die Keime verfügen zusammengenommen über rund 3,3 Millionen Gene - 150-mal mehr als der Mensch selbst. Mehr als 99 Prozent der Erbinformationen gehören zu Bakterien, der Rest stammt von anderen Mikroben und Viren.

Einige Bakterienarten kommen in sehr vielen Probanden vor, berichten die Forscher um Jun Wang von der Universität Kopenhagen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature" : 75 Bakterienarten fanden sich bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer, 57 Arten kamen gar bei mehr als 90 Prozent vor.

Mikroben sind lebenswichtig für den Menschen

Offenbar gehören diese besonders anhänglichen Keime zu einer Kernmannschaft, ohne die der Darm seine Aufgabe gar nicht erfüllen könnte.

Die mikrobiellen Heinzelmännchen helfen, wo sie nur können. Sie spalten Zuckermoleküle, produzieren kurzkettige Fettsäuren und stellen Vitamine und essentielle Aminosäuren her. Sie schützen die Darmschleimhaut und halten Viren, Pilze und krankmachenden Bakterien in Schach. Im Gegenzug bieten wir ihnen ein Zuhause.

Die Enttarnung der Untermieter wird einerseits zeigen, von welch überragender Bedeutung die Bewohner für die Gesundheit sind. Denn ein keimfreier Mensch wäre eine elende Kreatur. Wer seine Bakterien mit übertriebener Reinlichkeit bekämpfen wollte, würde nur sich selbst schaden. Das zeigen auch die Ergebnisse der "Nature"-Studie: Wer eine chronische Darmerkrankung hat, der besitzt rund 25 Prozent weniger fremde Gene als ein gesunder Proband.

Zum anderen werden wir erkennen, was ein Mensch ist: ziemlich viele. Er ist ein Superorganismus, der nur deshalb existiert, weil die Kleinen dem Großen helfen.

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