Christian Stöcker

Bauernproteste und Politik Klima-Freunde sind nicht eure Feinde

Christian Stöcker
Ein Kommentar von Christian Stöcker
Ein Kommentar von Christian Stöcker
Manche der protestierenden Bauern und auch Teile der Aktivistenbewegung Extinction Rebellion halten Umweltschutz für ein "linkes" Thema. Doch der Wunsch, den Planeten lebenswert zu erhalten, ist weder rechts noch links.
Landwirte aus ganz Deutschland protestierten vergangenen Dienstag in Berlin

Landwirte aus ganz Deutschland protestierten vergangenen Dienstag in Berlin

Foto: epd

8600 Trecker legten diese Woche den Berliner Straßenverkehr lahm. An einem hing, einer Reporterin der "Berliner Morgenpost" zufolge , ein Transparent mit der Aufschrift: "Darf mein Kind noch Bauer werden?".

Ich finde das eine bemerkenswerte Frage, in mehrfacher Hinsicht. Einmal, weil das Kind ja vielleicht gar nicht Bauer (oder Bäuerin) werden will. Zum anderen aber, weil diese Frage suggeriert: Wenn wir nicht weiterhin die Lebensräume für Insekten zerstören und mit zu viel Stickstoff düngen dürfen, kann mein Kind nicht mehr Bauer werden.

Sechs Milliarden an Subventionen

Das Gegenteil ist richtig: Wenn die Wildbienen eines Tages weg sind, wird das auch für Bauern das eine oder andere Problem erzeugen. Das Gleiche gilt für verschmutztes Grundwasser. Und wenn in Deutschland in 30 oder 40 Jahren ein völlig anderes Klima herrscht als heute, mit wesentlich mehr Extremwetterereignissen von Dürre bis Hagelsturm, dann wird es auch schwierig mit der Landwirtschaft. Es ist jetzt schon 1,5 Grad wärmer geworden bei uns. Auch und gerade die Landwirte müssten also ein Interesse daran haben, dass wir unsere Lebensweise nachhaltig verändern.

Umweltauflagen, auch wenn sie vordergründig nichts mit dem Klima zu tun haben, sind kein Selbstzweck. Sie dienen dem Erhalt unserer Lebensgrundlagen, auch der Grundlagen der Landwirtschaft. Ein Teil der Regelungen, die die Bundesregierung jetzt umsetzen will, basieren auf EU-Regularien. Wenn nicht gehandelt wird, drohen Strafzahlungen. Zur Erinnerung: Die EU schüttet jährlich 58 Milliarden Euro an Agrarsubventionen aus, mehr als sechs Milliarden davon landen in Deutschland. Die EU ist keine böse Bürokratie, die Landwirte schikaniert.

Wer ist eigentlich radikal?

Die protestierenden Bauern nennt, anders zum Beispiel als die Aktivisten von Extinction Rebellion, niemand radikal. Dabei ist die Position, sich EU-Regeln verweigern zu wollen, die den Einsatz von giftigen Stoffen reduzieren sollen, ja durchaus ziemlich extrem.

Beide, Bauern und Klimaaktivisten, nutzen die gleiche Protestform: Sie legen den Straßenverkehr lahm, bevorzugt in der Bundeshauptstadt. Aber jedes Mal, wenn Extinction Rebellion oder Fridays for Future, so wie diesen Freitag, wieder einmal das Gleiche tun wie die Bauern diese Woche, fabuliert wieder irgendein Kommentator oder Politiker, dass das bestimmt irgendwann mit Gewalt enden wird.

Ich persönlich halte Extinction Rebellion in Teilen für durchaus problematisch und ihren Mitgründer Roger Hallam für einen unklugen Dauerprovokateur, der dem Anliegen der Klimabewegung mehr schadet als nützt.

Es ist auch ein Fehler, wenn Klimaaktivisten sich, und sei es nur aus Pragmatismus, mit Linksextremisten verbünden, die am liebsten als Erstes "Das System" zum Einsturz bringen wollen, oder gleich die Demokratie infrage stellen, weil sich mit ihr das Weltklima angeblich nicht retten ließe. Wir müssen die soziale Marktwirtschaft umbauen, nicht zerstören.

Weitervergiften wie bisher

Aber dass Verkehrsblockaden von Leuten, die den Planeten retten wollen, routinemäßig als problematisch und potenzielle Vorstufe zur Gewalt gedeutet werden, während Verkehrsblockaden von Leuten, die gern weitervergiften wollen wie bisher, als bedenkenswerter Protest behandelt werden, leuchtet mir nicht ein. Im Übrigen sind die Klimademonstranten natürlich erstens um Größenordnungen mehr Leute und zweitens, was noch viel wichtiger ist, ein wirklich internationales, ja globales Phänomen.Fridays for Future ist die erste dezentrale globale Nichtregierungsorganisation, und das macht Hoffnung.

Teile der weiterhin sehr national denkenden Bauern, die mit ihren Treckern in Hamburg und Berlin den Verkehr lahmlegten, haben übrigens ihrerseits durchaus Bezüge zu radikalen Positionen - nur aus einer anderen, sehr problematischen Richtung.

Video: Bauer auf Rügen - "Wir wirtschaften in Generationen"

SPIEGEL ONLINE

So teilt die AfD die Forderungen der Bauern vollständig. Sie versucht sich, weil der Hass auf Flüchtlinge offenbar nicht mehr so zieht, jetzt zu einer Art Anti-Umwelt-Partei weiterzuentwickeln. Zu den Organisatoren der Bauernproteste wiederum gehören Leute, die auch gern mal die Narrative aufnehmen, mit denen Klimawandelleugner beständig Zweifel an der Schuld des Menschen an der Klimakrise zu sähen versuchen.

Argumente aus dem Fundus der Klimawandelleugner

Wie die "taz"  in den vergangenen Wochen zeigte, ist die Initiative "Land schafft Verbindung" eben keine unabhängige Graswurzelbewegung empörter Landwirte, sondern unterhält enge Verbindungen zum Bauernverband  Schleswig-Holstein. Der wiederum leugnet den menschengemachten Klimawandel zwar nicht, zitiert bei Facebook  aber dann doch auch mal in epischer Breite jemanden, der behauptet, die CO2-Konzentration folge der Temperaturentwicklung, nicht umgekehrt - eine wissenschaftlich diskreditierte Position.

Anschließend wird behauptet, die Landwirtschaft habe "die beste Hebelwirkung", um CO2 aus der Atmosphäre zu halten, und das ist schlicht Unsinn. Notwendig ist vor allem, unsere Energieversorgung von CO2-Herstellung auf erneuerbare Energien umzustellen und zwar flächendeckend. Die Landwirtschaft selbst trägt, wenn man korrekt rechnet, im Moment 14 Prozent zum deutschen CO2-Budget bei, glaubt man Berechnungen des Thünen-Instituts , einer Forschungseinrichtung des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Eine andere Wirtschaftsweise könnte das verändern.

Demonstrationsschild auf der Bauern-Demonstration am 26.11.2019 in Berlin

Demonstrationsschild auf der Bauern-Demonstration am 26.11.2019 in Berlin

Foto: STPP/ imago images

"Durch die Demokratie verraten"?

Eigentümlich waren auch die Wortmeldungen einiger Teilnehmer des Protestzuges diese Woche in Berlin. An einem Trecker hing ein Transparent mit der Aufschrift "Freie Bauern - durch Demokratie verraten", an einem anderen eins mit dem Satz "Die Politik ist tot". Da denkt man unwillkürlich an Roger Hallam, der auch schon mal die Demokratie infrage stellt, wenn's ums Klima geht. Nur dass die demokratiekritischen Gift-Fans sich im Zweifel eher bei der AfD zu Hause fühlen dürften.

Diese neue Zielgruppe der Rechtsradikalen aber ist womöglich viel kleiner als angenommen. In Deutschland gibt es laut Bauernverband  fast 270.000 landwirtschaftliche Betriebe, die Zahl schrumpft seit vielen Jahren. Wie viele der deutschen Landwirte hinter den 8600 Treckern stehen, die durch Berlin fuhren, ist aber völlig unklar. Mancher Bauer sieht, so wie nun auch die Unionsparteien, vielleicht längst ein, dass die Vernichtung von Ökosystemen und die Verschmutzung des Grundwassers auf Dauer auch der Landwirtschaft selbst schadet. Und dass die Freunde der Nachhaltigkeit nicht ihre Feinde sind.

Der Wunsch, den Planeten lebenswert zu erhalten, ist weder rechts noch links. Gleichermaßen ist nichts "Konservatives" an der Forderung, weiterhin Ökosysteme schädigen zu dürfen. Bewahrt wird so nämlich gar nichts - außer einer Wirtschaftsweise, die uns alle in den Abgrund führen wird.