Berlin von oben Die ersten Luftbilder Deutschlands

In Luxemburg sind die wahrscheinlich ersten Luftbilder Deutschlands aufgetaucht. Die rund 120 Jahre alten Fotos zeigen, mit welchem Geschick und Wagemut die Technik-Pioniere der Kaiserzeit vorgingen - und mit welchen technischen Problemen sie zu kämpfen hatten.

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Als Hugo Ernst Georg vom Hagen hoch über Berlin schwebte und mit seiner Kamera hantierte, hatte er andere Probleme als heutige Fotografen. Kein zu kleines Display, das den Bildausschnitt nicht optimal anzeigt, kein Autofocus, der zu langsam scharf stellt, kein Gehäuse, das zu kantig für die Jackentasche ist. Stattdessen ein sperriger Holzkasten von der Größe eines Schuhkartons, ein Ziehharmonika-ähnliches Balgen-Objektiv und jede Menge Ärger mit der Belichtungszeit im wackeligen Ballonkorb.

Szenen dieser Art spielten sich Mitte der 1880er Jahre des Öfteren am Himmel über Berlin ab: Vom Hagen, Leutnant und später Major des preußischen Militärs, fotografierte die Reichshauptstadt von oben - eine Pioniertat zu Zeiten, in denen die Fototechnik noch jung und die Luftfahrt eine Angelegenheit für Todesmutige war. Das Ergebnis waren die wahrscheinlich ersten Luftbilder Deutschlands.

Experten geben sich beeindruckt von den Aufnahmen, die das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus einer ungewohnten Perspektive zeigen. "Das erste deutsche Luftbild war nach bisheriger Kenntnis 1887 in der Mark Brandenburg entstanden", sagt Jörg Albertz, emeritierter Professor für Fotogrammetrie und Kartografie an der Technischen Universität Berlin. "Das ist jetzt wohl überholt."

Die Fotos, die derzeit in der Luxemburger Galerie Clairefontaine ausgestellt sind und von denen Albertz bereits digitale Kopien begutachten konnte, seien 1886 oder noch früher entstanden. Die genaue Quelle der Fotos will Marita Ruiter, Direktorin der Galerie, nicht preisgeben. "Von einem Privatmann" habe sie die Aufnahmen erhalten.

Das Berliner Kriegsministerium hatte die Fotosafari in der Luft finanziert. Beeindruckt von den französischen Aufklärungsballons, die während der Belagerung von Paris im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 aufgestiegen waren, wollten auch die Preußen Ballonfahrer einsetzen. 1884 wurde das königlich-preußische Ballon-Detachement gegründet, das zunächst mit ganzen 33 Mann und 50.000 Reichsmark auskommen musste.

Preußische Präzision in der Luft

Während der Rest der Truppe die Ballons entwickelte, war Leutnant vom Hagen mit der Auswahl der geeigneten Kameras, Filmmaterial-Tests und der Konstruktion einer Kamera-Halterung beschäftigt. "Erst nach zahlreichen Experimenten konnte er scharfe Fotos schießen", sagt Kunsthistorikerin Ruiter.

Die Aufnahmen machen vom Hagen zwar nicht zum ersten Luftfotografen der Welt: Der Franzose Gaspar-Félix Tournachon etwa, auch unter dem Namen Nadar bekannt, hatte schon im Juni 1859 die Schlacht von Solferino und im Jahr darauf Paris aus der Vogelperspektive abgelichtet. Technisch aber war der Deutsche seinem französischen Konkurrenten voraus, meint Ruiter. "Nadar hat freihändig fotografiert, vom Hagen war um preußische Präzision bemüht und hat die Kamera mit einer Halterung am Ballonkorb fixiert."

Die Konstruktion ist in der Fotografie-Fachliteratur der Jahrhundertwende beschrieben: Hagens Kamera war auf einem Tisch montiert, der per Winkeleisen am Ballonkorb befestigt war. Mit einer Welle konnte der Fotografie-Pionier sein Gerät um bis zu 90 Grad kippen und auch zur Seite neigen, schreibt Hauptmann Hildebrandt vom preußischen Luftschiffer-Bataillon in einem Fachbuch von 1907. Die Möglichkeit, halbwegs präzise senkrecht nach unten zu fotografieren, war für die Fotogrammetrie - die Landvermessung anhand von Lichtbildern - von großer Bedeutung.

Holzkästen statt Taschenkameras

Dennoch war die damalige Technik ein "wesentliches Handicap", wie Albertz betont. Die Ballonfahrer des 19. Jahrhunderts hatten mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen. Weil regelmäßig Ballast in Form von Sand abgeworfen werden musste, konnten die Sandkörner die Apparate lahmlegen. Die damals bereits erhältlichen Taschenkameras etwa galten wegen ihrer komplizierten Mechanik als besonders anfällig. Zudem mussten die Luftbild-Kameras Objektive von großer Brennweite besitzen und heftige Stöße verkraften - weshalb oft einfache, aber stabile Holzapparate zum Einsatz kamen.

Ein weiteres Problem war, das Gerät halbwegs ruhig zu halten. Erste Fachpublikationen über die Stabilisierung von Kameras mit Hilfe von Kreiseln hat es laut Albertz erst 1890 gegeben. Da die Ballone ständig gependelt haben, waren also kurze Belichtungszeiten notwendig.

Dennoch brachte vom Hagen bemerkenswerte Bilder zurück zur Erde. "Zur Mitte der 1880er Jahre gab es bereits handliche und zugleich lichtstarke Kameras", erklärt der Wiener Historiker Anton Holzer, Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte". Die Möglichkeit, viel Licht durch die Linse fallen zu lassen, habe kurze Belichtungszeiten gestattet.

Für den Fronteinsatz untauglich

Doch vom Hagens Errungenschaften waren nicht lange von Wert, zumindest nicht aus militärischer Sicht. "Bemannte Ballons waren im unmittelbaren Frontgebiet einfach zu groß und zu langsam für den Kriegseinsatz", sagt Holzer. Immer höher hätten die schwerfälligen Fluggeräte aufsteigen müssen, um einen Blick auf das Gebiet des Feindes zu werfen, ohne sofort vom Himmel geschossen zu werden. Die Fotos wurden dadurch immer unschärfer.

Es folgten teils bizarre Experimente. "Um 1900 hat man Versuche mit Brieftauben durchgeführt", sagt Holzer. Minikameras - Spezialversionen sogenannter "Geheimkameras" - seien an den Körpern der Tiere befestigt worden. Die Qualität der Bilder sei entsprechend dürftig gewesen. "Die Vögel haben sich eben nicht so bewegt, wie man wollte."

Sogar mit Raketen hätten die Ingenieure Kameras in den Himmel geschossen, die dann senkrecht hinabschwebten. Durchgesetzt haben sich diese Techniken nicht, denn im Ersten Weltkrieg nahm die Flugfotografie eine rasante Entwicklung: Immer öfter flogen Doppeldecker über die Stellungen des Gegners. Erst freihändig knipsend, dann mit fest montierten Kameras spionierten die Besatzungen den Feind aus. "Die Flugzeuge waren schnell genug, um in kurzer Zeit große Gebiete zu erkunden", sagt Holzer. Mit Hilfe der Reihenfotografie wurden ganze Landstriche im Nu erfasst.

Aus Ballons wurde zu dieser Zeit meist nur noch weitab vom kriegerischen Geschen fotografiert - bei Geländevermessungen in der Heimat oder in den eroberten Gebieten.



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