Berliner Charité Hungerkur für den Klinik-Koloss

Sieben Nobelpreise haben Mediziner der Berliner Charité gesammelt, doch der Ruhm vergangener Zeiten ist verblasst. Jetzt steht Europas größte Uniklinik vor einer tiefgreifenden Reform: Sie soll als modernes Unternehmen Spitzenforschung leisten - und bekommt weniger Geld.

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Die Hauptstadt wirbt gern mit ihren klugen Köpfen. Eine Image-Anzeige etwa zeigt Charité-Chef Detlev Ganten in der Gemäldegalerie, ausgehfein im schwarzen Anzug, in der Hand ein Blutdruckmessgerät. Dessen Manschette umschließt den Oberarm einer Marmorstatue. "Ein vielversprechender Befund", sagt der Werbe-Ganten: In keiner Metropole werde so viel geforscht wie in Berlin.

Im wahren Leben hat Ganten, 64, wenig Zeit für solche Auftritte. Seit Anfang 2004 ist der Mediziner Vorstandsvorsitzender der Traditionsklinik - und muss die schwierige Fusion zweier Großkrankenhäuser aus Ost und West vollenden. Die heutige "Charité - Universitätsmedizin Berlin" gibt es erst seit knapp zwei Jahren, als Freie und Humboldt-Universität ihre Kliniken zusammenlegten.

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Berliner Charité: Schwieriger Wandel

Kaum halbwegs geeint, muss der Gesundheitsgigant noch dazu radikal sparen: Knapp 100 Millionen Euro Forschungsmittel wird das Pleiteland Berlin der Hochschulmedizin ab 2010 jährlich streichen.

Außerdem drohen Einbußen durch das neue Abrechnungssystem der Krankenkassen. Auf die Uni-Kliniken mit ihren oft komplizierten Fällen dürfte sich die Umstellung auf Fallpauschalen besonders dramatisch auswirken. Insgesamt rund 266 Millionen Euro könnten so 2010 im Charité-Haushalt fehlen - in etwa der Etat einer mittelgroßen deutschen Hochschule.

Und die Hauptstadtmedizin soll mit wenig Geld auch noch mehr Leistung bringen; denn Berlin will sich als "Gesundheitsstadt" profilieren. Die Tradition verpflichtet: "Wir dürfen die Exzellenz der Charité nicht aufs Spiel setzen", sagt Ganten.

Vergangener Ruhm verpflichtet

Den Ruhm vergangener Tage hat der Chef immer vor Augen. An der Wand seines Dienstzimmers hängt ein Porträt des Bakteriologen Robert Koch, einst Charité-Arzt und Leiter des Berliner Hygiene-Instituts. Seine Tuberkulose-Forschung brachte ihm 1905 den Nobelpreis für Medizin ein. Der letzte von insgesamt sieben Nobelpreisen für die Heilanstalt liegt zwar schon ein halbes Jahrhundert zurück, doch auch die heutige Charité könnte ein natürlicher Kandidat sein für einen jener oft beschworenen Leuchttürme in der bundesdeutschen Forschungslandschaft.

Mit 15.000 Mitarbeitern ist die Einrichtung Europas größtes Uniklinikum, in Berlin ist sie der zweitgrößte Arbeitgeber. Mehr als 120.000 Kranke werden jährlich durch die Stationen der Charité geschleust, fast eine Million kommen zur ambulanten Versorgung. Ärzte und Wissenschaftler werben jedes Jahr 100 Millionen Euro Drittmittel ein und bilden rund 8000 Nachwuchsmediziner aus, einige davon in einem vielgelobten Reformstudiengang.

Für die Zukunft träumt Klinikleiter Ganten von einem hochmodernen Gesundheitsunternehmen, einer weltweit bekannten Marke Charité - doch dafür muss er sie erst einmal ganz neu erfinden.

Koloss soll schlanker werden

Die Verjüngungskur ist auf rund 80 Teilprojekte verteilt: So werden die 128 Kliniken und Institute zu 17 "CharitéCentren" zusammengefasst. Die dürfen mit einem Globalbudget eigenständig wirtschaften, müssen sich aber auch von unnötigem Ballast trennen. Noch hält der Gesundheitskoloss viele Bereiche mehrfach vor, etwa Labormedizin oder Computersysteme.

Eine Diagnostikfirma soll künftig Dienstleistungen der Klinik vermarkten; auch mit Studien für die Pharmaindustrie, hoffen die Sanierer, lässt sich Geld verdienen. "Wir haben die Infrastruktur und die Patienten, um in kurzer Zeit große Medikamentenstudien durchzuführen", sagt Ganten.

Und warum soll ein dankbarer Patient nicht auch mal einen neuen Hörsaal stiften? Für professionelles Spendensammeln liegen bereits Konzepte in der Schublade.

Kritik an Vorgaben aus der Politik

Gelingt die Operation Charité, setzt Ganten damit Maßstäbe für eine moderne, effiziente Hochschulmedizin. Doch vom neuen Berliner Universitätsmedizingesetz, das seit dem 1. Januar die rechtliche Grundlage für den Umbau schafft, sehen sich Ganten und Medizindekan Martin Paul eher behindert als unterstützt.

Das Gesetz schreibe zu komplexe Entscheidungsmechanismen vor, kritisiert Paul. "Wenn wir ein Wirtschaftsunternehmen sein sollen, kann man uns nicht die Organisationsstruktur einer Behörde vorgeben", klagt der Mediziner. So kommen zu den derzeit sechs Organen von Medizinsenat bis Fakultätsrat auch noch die 17 Leitungen der neuen Zentren. "Wie soll man mit so vielen Organen und Gremien effizient arbeiten?", zweifelt Ganten.

Das Gesetz von Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) sieht außerdem vor, dass die Präsidenten der beiden Mutteruniversitäten nicht mehr wie bisher im Aufsichtsrat vertreten sind - für Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität (FU), eine "absurde Entscheidung". Schließlich, so Lenzen, "leisten die Unis die ganze vorklinische Ausbildung". Für den FU-Chef ist der Rausschmiss ein Schritt in Richtung einer eigenen medizinischen Universität: "Eine fünfte Uni kann sich Berlin aber auf keinen Fall leisten."

Einsparungen treffen Nachwuchskräfte

In der Wissenschaftsbehörde will man von einer Medizin-Uni nichts wissen: Der Ausschluss der Hochschulspitzen solle die Universitäten vor Schadensersatzklagen schützen. Zudem hätten die Präsidenten nicht selten die Interessen ihrer jeweiligen Hochschule über jene der Charité gestellt.

Und schließlich kommt zum politischen Gezerre noch Gegenwind aus dem eigenen Haus. Denn die ersten Einsparungen trafen gerade jene Mitarbeiter, die die Zukunft des Unternehmens sichern sollen: Assistenzärzte und Nachwuchsforscher.

"An das Geld der jungen Ärzte mit den befristeten Verträgen kommt man eben am leichtesten ran", klagt Chirurg Olaf Guckelberger, Sprecher der Ärzteinitiative an der Charité. Ende November legten die Mediziner für eine Woche die Arbeit nieder, aus Protest gegen unbezahlte Überstunden und Lohnkürzungen. Auch beim "Tag der Ärzte" bei dem morgen mehr als 5000 Mediziner aus ganz Deutschland mit einer Kundgebung und einem Marsch durch die Innenstadt gegen Arbeitsbedingungen und Bezahlung protestieren wollen, werden wohl wieder Charité-Ärzte dabeisein.

"Wenn die Situation nicht besser wird", droht Guckelberger, "laufen die guten Leute davon."



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