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30. September 2011, 18:31 Uhr

Berliner Charité

Rückgabe von Kolonialzeit-Schädeln endet im Streit

Bei der Rückgabe von 20 Totenschädeln an Namibia hat es einen Eklat gegeben. Die deutsche Staatsministerin Cornelia Pieper wurde bei der Zeremonie in Berlin ausgebuht. Daraufhin verließ sie vorzeitig die Veranstaltung. Namibische Vertreter fühlten sich ebenfalls brüskiert.

Berlin - Ein ohnehin wenig ruhmreiches Kapitel der deutschen Forschungsgeschichte ist mit einem Eklat zu Ende gegangen. Bei der Rückgabe von Schädeln aus Namibia, die während der deutschen Kolonialherrschaft (1904 - 1908) nach Berlin gebracht wurden, hat es am Freitag massive diplomatische Verstimmungen gegeben.

Die Schädel stammen von Mitgliedern der Stämme Herero und Nama. Sie waren bei Aufständen gegen die Kolonialherrschaft der Deutschen ums Leben gekommen. Deutsche Wissenschaftler hatten die Köpfe vor über hundert Jahren nach Berlin gebracht und für ihre Rassenforschung benutzt.

Die Vertreterin der Bundesregierung, Cornelia Pieper, wurde nach ihrer Rede in der Charité ausgebuht. Rund ein Dutzend Zuschauer der Zeremonie forderten die Staatsministerin im Auswärtigen Amt lautstark auf, sich für die Verbrechen der Deutschen während der Kolonialzeit in Namibia zu entschuldigen. Pieper lehnte das ab. Stattdessen sagte sie: "Im Namen der Bundesregierung bitte ich sie um Versöhnung."

Weitere Aussagen machte Pieper dann nur in eigenem Namen, nicht als Vertreterin der Bundesregierung: "Ich möchte Ihnen gegenüber auch ganz persönlich mein tiefes Bedauern, meine Scham ausdrücken." Sie gedenke "mit Hochachtung" der gestorbenen Menschen. Das war vielen Anwesenden nicht genug, sie buhten die Staatsministerin nach ihrer Rede deswegen aus. Pieper verließ daraufhin die Feier, noch bevor der namibische Minister für nationale Angelegenheiten das Wort ergriffen hatte.

Unmittelbar vor der geplanten Rückgabe der Schädel war es zu Verstimmungen auf diplomatischer Ebene gekommen. Das Auswärtige Amt hatte am Dienstag mitgeteilt, dass der offizielle Gastgeber der Zeremonie die Berliner Charité sei und damit nicht die Bundesregierung. Das hatte die namibische Delegation brüskiert.

Das Mitglied des namibischen Parlaments, Katuutire Kaura, beklagte: "Die deutsche Regierung ignoriert uns vollständig." Der Minister für nationale Angelegenheiten werde nicht wie geplant die Übergabe-Urkunde unterschreiben, da dies auch kein gleichrangiger Vertreter der deutschen Regierung tun werde. Stattdessen unterschrieb daraufhin eine Vertreterin des namibischen Rats für Nationales Erbe die Urkunde. Für die deutsche Seite übernahm das der Vorstand der Berliner Charité, Karl Max Einhäupl.

chs/cib/dapd

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