SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. August 2007, 15:39 Uhr

Berühmtes Antlitz

Lincolns schiefer Blick

Laserscans enthüllen, wie asymmetrisch das Gesicht des berühmten US-Präsidenten war, und warum er zuweilen schielte. Zwei Forscher entlockten das Geheimnis alten Masken Lincolns - den Fotografen und Maler seineszeit stets von der Schokoladenseite zu zeigen wussten.

Der 16. Präsident der Vereinigten Staaten war für sein asymmetrisches Antlitz bekannt - bei Freunden wie Feinden. Sein "vergnügtes, kluges Gesicht" beschrieb der Zeitgenosse und Abraham-Lincoln-Fan Nathaniel Hawthorne. Lincolns politische Gegner hingegen bemühten sich, ihm eine hässliche Visage zu attestieren. Selbst der Bildhauer des Bergmonuments am Mount Rushmore, Gutzon Borglum, beschrieb das Gesicht als primitiv, unreif und unfertig. Ebenmäßig war das Gesicht der historischen Gestalt jedenfalls nicht. Und Maler und Fotografen im 19. Jahrhundert verstanden es, den Politpromi von seiner Schokoladenseite zu zeigen.

Pocken, Herzkrankheit und Depressionen haben heutige Ärzte Lincoln schon attestiert. Nun wollten ausgerechnet Augenärzte wissen, was es mit dem schiefen Gesicht des im Jahr 1865 ermordeten US-Präsidenten auf sich hat: Mit einem 3D-Laserscanner untersuchte Ronald Fischerman, ein Augenarzt und Geschichtsfan aus Washington, drei Gesichtsdarstellungen Lincolns.

Eine Bronzebüste und zwei Gesichtsabdrücke aus Gips trieb er auf. Zusammen mit der Zahntechnikerin Adriana Da Silveira aus Austin im US-Bundesstaat Texas wandte Fischerman auf die Darstellungen des Präsidenten jene Technik an, die man heute für die Diagnose und Behandlung von Kindern mit Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalten verwendet.

In der Fachzeitschrift "Archives of Ophthalmology" berichten die Forscher jetzt: Lincoln schielte zeitweilig. Auch Zeitgenossen hatten davon berichtet, dass des Präsidenten linkes Auge sich zuweilen nach oben wegdrehte. Fishman und Da Silveira glauben nun, den Grund dafür gefunden zu haben. Eine Verformung in der linken Augenhöhle des Präsidenten können einen Muskel behindert haben, schreiben sie. Auch die Wölbung der Stirnpartie unterschied sich auf der linken und der rechten Seite.

Als Erklärung für die präsidiale Asymmetrie kommen den Forschern zufolge zwei Gründe in Frage: Entweder habe er an einem Entwicklungsfehler gelitten oder die Verformung sei Folge einer schmerzhaften Kindheitserfahrung gewesen. Als Lincoln ein Junge war, trat ihm ein Pferd ins Gesicht.

stx/AP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung