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27. Oktober 2011, 11:06 Uhr

Bevölkerungswachstum

Die Welt ist nicht genug

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Sieben Milliarden Menschen bevölkern die Erde - und alle wollen essen, trinken, einkaufen, in Wohlstand leben. Schon jetzt verbrauchen sie mehr, als der Planet langfristig bieten kann. Forscher wollen der verhängnisvollen Entwicklung mit neuen Technologien begegnen. Doch das allein reicht nicht.

Wer Jason Clay bei einem seiner Vorträge zuhört, kann es durchaus mit der Angst um die Menschheit zu tun bekommen. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unseren Planeten im Jahr 2050 nicht mehr wiedererkennen", sagt der Wirtschaftsexperte der Umweltorganisation WWF. Die größte Bedrohung auf der Erde ist laut Clay nicht etwa ein Atomkrieg, eine Superseuche oder die drohende Klimakatastrophe - sondern die Landwirtschaft.

"Der Verlust an Lebensräumen und die Waldzerstörung gehen zum größten Teil auf die Landwirtschaft zurück", sagt Clay. Das mache sie nicht nur zur größten Quelle von Treibhausgasen. Sie verschlinge auch doppelt so viel Wasser wie alle anderen Aktivitäten des Menschen zusammengerechnet. "Es kostet heutzutage einen Liter Wasser, um eine Kalorie herzustellen", rechnet Clay vor. Ein Mann von 75 Kilo Körpergewicht braucht 3000 Kalorien pro Tag, und das schon bei mittelschwerer körperlicher Aktivität.

In den sechziger Jahren etwa war das noch kein größeres Problem. Für den Oldie-gewöhnten deutschen Radiohörer mag es überraschend sein, aber als die Beatles ihre größten Hits hatten, gab es auf der Erde etwa halb so viele Menschen wie heute. Am 31. Oktober 2011, so schätzen die Vereinten Nationen, werden es sieben Milliarden sein - und alle wollen essen, trinken, Kleidung kaufen, Kinder haben, in Wohlstand leben.

Um Christi Geburt gab es gerade einmal 300 Millionen Menschen. Bis zum Jahr 1804 dauerte es, um die Bevölkerung um weitere 700 Millionen auf eine Milliarde Menschen wachsen zu lassen. Dann setzte die Industrialisierung ein - und die Weltbevölkerung explodierte. Für die zweite Milliarde brauchte die Menschheit nur noch 123 weitere Jahre, für die dritte 32 und die vierte 15 Jahre. Die siebte und bisher letzte kam innerhalb von nur zwölf Jahren hinzu.

Sieben Milliarden Menschen hätten auf Mallorca Platz

Platz ist auf der Erde reichlich. Würden sich sieben Milliarden Menschen eng zusammenstellen - also etwa einen halben Quadratmeter pro Person einnehmen -, würden sie alle auf Mallorca passen. Doch entscheidend ist nicht, wie viele Menschen auf dem Planeten leben, sondern was sie verbrauchen. Und das ist schon heute zu viel.

Nach Berechnungen des Forscherverbands Global Footprint Network verbraucht die Menschheit derzeit eineinhalb mal so viele Ressourcen, wie die Erde bereithält. Allein der Wasserverbrauch demonstriert die Dimension des Problems. Laut einer Unesco-Studie vom Mai 2011 liegt der weltweite Pro-Kopf-Bedarf bei fast 1400 Kubikmetern pro Jahr - das sind 1,4 Millionen Liter. Und das ist wohlgemerkt nur der globale Durchschnitt. In den USA etwa ist der Pro-Kopf-Verbrauch mehr als doppelt so hoch.

Die rund zwei Liter, die ein Mensch täglich trinkt, fallen dabei kaum ins Gewicht. 92 Prozent des Wasserverbrauchs gehen laut Unesco auf das Konto der Landwirtschaft - was kaum verwundert angesichts der Tatsache, dass etwa die Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch rund 10.000 Liter verschlingt. Unter dem Strich steuert die Menschheit auf einen Gesamtbedarf von zehn Billionen Kubikmetern Wasser pro Jahr zu. Der Bodensee wäre bei diesem Verbrauch in weniger als zwei Tagen leer.

Von einer "untragbaren Last für die Erde" spricht John Sulston, Chef der Bevölkerungsarbeitsgruppe der britischen Royal Society, anlässlich der Vorstellung des Uno-Weltbevölkerungsberichts. "Wir müssen uns überlegen, wie die Erde so viele Individuen versorgen kann." Ähnlich äußert sich John Bongaarts von der New Yorker Denkfabrik Population Council. "Es gibt klare Zeichen, dass die Umwelt mit der jetzigen Einwohnerzahl überlastet ist", sagt der Forscher. "Wir könnten noch mehr Menschen ernähren, aber nur, wenn wir noch mehr Natur verbrauchen. Und das würde zwangsläufig in den Untergang führen."

Wird die Menschheit bald drei Erden brauchen?

In diesem Falle würde Thomas Malthus vielleicht doch noch recht behalten. 1798 stellte der britische Ökonom in seinem "Essay on the Principle of Population" seine Bevölkerungstheorie vor. Demnach kommt zwangsläufig der Moment, in dem die Nahrungsproduktion nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten kann. Kriege, Hungersnöte und Krankheiten würden die Bevölkerung dann wieder dezimieren. Die Fortschritte in Technologie, Landwirtschaft und Medizin haben Malthus bisher widerlegt - zumindest auf globaler Ebene. Ob das aber immer so bleiben wird, ist keinesfalls gesagt.

Hunger und Verschwendung - warum es eigentlich genug zu essen gibt, die Hälfte davon aber im Müll landet

Die Größe der Weltbevölkerung und die Ausbeutung von Ressourcen seien untrennbar miteinander verbunden, meint der britische Forscher Sulston. Damit spricht er die vielleicht größte Furcht an, die unter Fachleuten und Politikern umgeht: Dass der Ressourcenhunger sich nicht vom Bevölkerungswachstum abkoppeln lässt. Sollte das wahr sein und der Pro-Kopf-Verbrauch auf heutigem Niveau verharren oder gar noch steigen, wird die Menschheit im Jahr 2050 womöglich drei Erden benötigen, schrieb WWF-Mann Clay kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Hälfte der Lebensmittel wird nie gegessen

Noch in den sechziger und siebziger Jahren sah die Lage weit entspannter aus. Moderne Hochleistungsgetreidesorten verbesserten insbesondere in Entwicklungsländern die Ernährungslage dramatisch. Die Landwirtschaft produzierte zeitweise mehr, als die Menschen essen konnten. Die sogenannte Grüne Revolution hat die Bevölkerungsexplosion auf diese Weise erst ermöglicht.

Doch inzwischen hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt: Die Technologie droht, den Anschluss an den ständig wachsenden Bedarf der Menschheit zu verlieren. Immer mehr landwirtschaftliche Flächen werden erschlossen, meist auf Kosten gigantischer Zerstörungen von Regenwäldern und anderen wichtigen Ökosystemen. Dennoch ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Hungersnöten in unterschiedlichen Entwicklungsländern gekommen.

Die Tragik besteht darin, dass es im Grunde reichlich Nahrung gibt. "Wir könnten sogar neun, zehn, elf Milliarden Menschen satt machen", sagt Joel Cohen von der New Yorker Rockefeller University. "Das Getreide ist da, schon heute." Aber nur 46 Prozent würden gegessen. "34 Prozent werden an Tiere verfüttert, der Rest ist Biosprit und Schmierstoff." Eine Milliarde Menschen habe ständig Hunger. "Kein Wunder, wenn wir mehr als die Hälfte unserer Nahrungsmittel lieber an Vieh und Maschinen als an Menschen verfüttern", meint Cohen.

WWF-Experte Clay schlägt eine Reihe von Maßnahmen vor, um Nahrungsmittel effektiver bereitzustellen. So müsse man schonender mit Land umgehen. Allein in den vergangenen 150 Jahren habe die Welt die Hälfte ihrer fruchtbaren Böden verloren. Auch könne man es sich nicht leisten, bei der Zucht neuer Getreidesorten auf die Gentechnik zu verzichten. "Die Produktivität pro Hektar muss verdoppelt werden", meint Clay. Ansonsten werde man den steigenden Bedarf niemals decken. Ob das aber gelingen kann, steht zu bezweifeln: "In den kommenden 40 Jahren", sagt Clay, "müssen wir die gleiche Menge an Lebensmitteln herstellen wie in den letzten 8000 Jahren zusammen."

Ein Brandbeschleuniger namens Klimawandel

Zudem ist die drohende Nahrungsknappheit nicht die einzige Ressourcenkrise. Hinzu kommen das bevorstehende Versiegen fossiler Energiequellen und der Klimawandel. Er wird - das halten die allermeisten Wissenschaftler für eine Gewissheit - für viele Bevölkerungsprobleme wie ein Brandbeschleuniger wirken. Die landwirtschaftliche Produktion etwa wird voraussichtlich in vielen Erdteilen sinken, extreme Wetterereignisse werden öfter die Städte treffen.

Auch in den Meeren, die ohnehin stellenweise bereits leergefischt sind, könnte die globale Erwärmung schwerwiegende Folgen haben. Da ein Teil des Kohlendioxids in den Ozeanen landet und sie immer saurer werden lässt, werden Schalentiere angegriffen. Korallen, die Basis des Artenreichtums in vielen tropischen Gebieten, reagieren äußerst empfindlich auf Temperaturerhöhungen. Besonders bedrohlich: Das pflanzliche Plankton, die Basis der Nahrungspyramide, ist seit 1950 global um 40 Prozent geschwunden.

Dass ein heftiger Klimawandel mit gravierenden Folgen abgewendet werden kann, ist derzeit unwahrscheinlicher denn je: Die internationalen Bemühungen liegen weitgehend auf Eis, der Treibhausgasausstoß steigt schneller als je zuvor. Was erst geschehen wird, wenn viele Millionen Menschen in Schwellenländern wie China und Indien Autos und Klimaanlagen benutzen wollen, mögen sich viele Umweltschützer gar nicht vorstellen. Das Ziel, die Erwärmung langfristig auf zwei Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten zu begrenzen, liegt in weiter Ferne.

Der australische Unternehmer und Umweltschützer Paul Gilding glaubt, dass das Problem schlicht zu groß und allumfassend ist, um von den Menschen frühzeitig angegangen zu werden. Denn das würde nicht weniger als einen tiefgreifenden Wandel des gesamten Lebensstils, ja vielleicht sogar des Weltbilds voraussetzen. Realitätsverweigerung sei in einem solchen Fall die natürliche Reaktion, schreibt Gilding in seinem im März erschienenen Buch "The Great Disruption".

Zwar glaubt er, dass die Menschheit die Kurve kriegt - allerdings erst, nachdem die Krise mit voller Wucht zugeschlagen hat. "Unsere Antwort wird dann entsprechend dramatisch sein", schreibt Gilding. Innerhalb weniger Jahrzehnte würde das gesamte Wirtschaftssystem umgekrempelt, inklusive des Verkehrs- und Energiesektors. "Wir werden uns in einem Ausmaß und mit einer Geschwindigkeit ändern, die wir uns heute kaum vorstellen können", so Gilding. "Wir werden mobil machen wie im Krieg."

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