Bevölkerungswachstum USA durchbrechen 300-Millionen-Marke

Europa und Japan schrumpfen, in den USA jedoch wächst die Bevölkerung weiter: Erstmals wird nun die 300-Millionen-Marke überschritten. Forscher fürchten nicht diese Zahl selbst, sondern den Lebensstil der 300.000.000 US-Bürger - und der ungezählten Illegalen.


Washington - Am morgigen Dienstag um 7.46 Uhr Ostküstenzeit überschreitet die Einwohnerzahl der USA die Marke von 300 Millionen - so jedenfalls hat es das Nationale Statistikamt US Census Bureau hochgerechnet. Alle elf Sekunden wächst die Bevölkerung des drittgrößten Staates der Welt um einen Amerikaner, das ist aufs Jahr gerechnet ein Anstieg von rund 2,8 Millionen. Während sich Europa wegen niedriger Geburtenraten auf demographische Umwälzungen vorbereiten muss, erhöhten die USA in nur 39 Jahren ihre Bevölkerungszahl von 200 Millionen auf 300 Millionen.

Umweltschützer sehen die Entwicklung mit Sorge, denn immer mehr Amerikaner verbrauchen auch immer mehr Energie und natürliche Ressourcen. Vor allem, weil sich das Wachstum nicht in gewachsenen Siedlungsgebieten vollzieht, sondern die Ballungsräume immer weiter ausufern und zersiedelt werden. Große Häuser, große Grundstücke und ausgedehnte Einkaufszentren - "die USA sind ein Land von Vorstädten geworden", sagt die Direktorin des Center for Environment and Population, Vicky Markham. Diese Zersiedelung erfordere mehr Fahrzeuge und mehr Fahrten.

"Das Muster des Bevölkerungswachstums ist wirklich das größte Problem", bestätigt Michael Replogle von der New Yorker Umweltschutzorganisation Environmental Defense. Zwar sind die USA noch immer ein vergleichsweise dünn besiedeltes Land: Auf einer Quadratmeile (2,5 Quadratkilometer) leben 84 Menschen, in der Europäischen Union sind es 300 und in Japan fast 900. Aber mehr als die Hälfte der US-Amerikaner wohnt in küstennahen Gebieten - darunter die Regionen an der Golfküste und an den Großen Seen. Und viele Menschen ziehen aus den Metropolen in die Vorstädte oder sogar noch weiter ins Land hinein.

Bevölkerung um Häfte gestiegen, Autos mehr als verdoppelt

Die derzeit am schnellsten wachsende Stadt ist das kalifornische Elk Grove, ein Vorort von Sacramento. Der Ballungsraum mit den größten Zuwachsraten ist Riverside - dabei liegt es 80 Kilometer von Los Angeles entfernt. "Die Menschen in New York neigen dazu, ihre Stadt als urbanen Dschungel zu sehen, doch die Umweltbelastungen je Einwohner sind recht gering", sagt der Siedlungsforscher Carlos Restrepo von der New York University - geringer jedenfalls als die eines Amerikaners, der in einem großen Vorstadthaus wohne und mehr als ein Auto benötige.

Und so ist die Bevölkerungszahl seit 1967 zwar um die Hälfte gestiegen. Die Zahl der Fahrzeuge hat sich jedoch im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt, die der gefahrenen Kilometer gar verdreifacht. Zudem gibt es heute in den USA fast doppelt so viele Haushalte wie vor 39 Jahren, durchschnittlich leben nur noch 2,6 Amerikaner in jedem Haushalt (1967 waren es noch 3,3) und der Anteil der Single-Haushalte stieg von knapp 16 auf 27 Prozent.

"Wir heizen und kühlen mehr Raum, und die Wohnanlagen sind so verstreut wie nie zuvor", sagt Replogle. Und der Demograph William Frey von der Brookings Institution meint: "Es ist nicht die Bevölkerung, sondern der Konsum, der uns reinreißt."

Die Einwanderung - legale und illegale - trägt zu 40 Prozent zum Bevölkerungswachstum bei. Und so könnte der 300-millionste Amerikaner schon lange geboren sein, denn das US Census Bureau geht in seinen Berechnungen von elf bis zwölf Millionen Menschen aus, die illegal in den USA leben - viele Bevölkerungsforscher halten diese Zahl jedoch für untertrieben.

Stephen Ohlemacher/AP



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