Bibliothek von Alexandria Die gewagte Mission des neuen Wissenstempels

Im ägyptischen Alexandria ist 2300 Jahre nach Gründung der legendären Superbibliothek ein neuer Wissensspeicher entstanden. Die Architektur des Hightech-Palasts sprengt Grenzen, die Mission ist waghalsig: Die Bibliothek soll mit den Ressentiments zwischen Islam und westlicher Welt aufräumen.
Von Bernd Musa
Bibliothek von Alexandria: Die gewagte Mission des neuen Wissenstempels

Bibliothek von Alexandria: Die gewagte Mission des neuen Wissenstempels

Foto: Tobis Film

Die neue Bibliothek ist das Prunkstück der Hafenstadt. Nur hundert Meter vom Ort des antiken Vorbilds entfernt bohrt sich das Bibliotheksgebäude in Form eines Riesenzylinders tief in die Uferpromenade. Es sieht aus wie ein funkelnder Meteorit - martialisch und ein wenig beunruhigend. Fast hat man hat den Eindruck, es sei gewaltsam in die Stadt eingedrungen wie einst Alexander der Große in Ägypten.

In die Granitwände des Rundbaus sind meterhohe Buchstaben und Zahlen aus allen Sprachen der Welt gemeißelt. Das schräge Flachdach besteht aus Glas und Aluminium. Die in der Sonne glänzende Scheibe mit ihren 160 Metern Durchmesser neigt sich dem Mittelmeer zu. Direkt unter dem Sonnendach befindet sich das Prunkstück der Bibliothek: der Lesesaal. Er darf sich mit seinen 18.000 Quadratmetern getrost der Weltgrößte nennen.

Das Faszinierende ist seine stufenförmige Anordnung. Eine Terrassenlandschaft, ein ganzer Bildungskosmos ist hier entstanden. Die Ebenen reihen sich aneinander und schieben sich ineinander, sind offen und gleichzeitig miteinander verbunden. Eine Kaskade aus Glas, Holz und Metall. Hier ist ein Garten des Wissens entstanden. Etwa zehn Millionen Bücher, 2000 Arbeitsplätze für Besucher, und überall Hightech.

Zehn Millionen Bücher sind nicht sehr viel, aber darum geht es auch nicht. Die Deutsche Nationalbibliothek etwa beherbergt etwa doppelt so viele "Einheiten", die Library of Congress in Washington gar dreimal so viele.

Die neue Bibliothek setzt voll und ganz auf digitale Medien

Die neue Bibliothek von Alexandria will als vernetzter Online-Speicher gewissermaßen überholen, ohne einzuholen. "We are born digital", betont Ismail Serageldin, der Bibliotheksdirektor. "Es ist die erste Bibliothek, die im 21. Jahrhundert für das 21. Jahrhundert gebaut wurde. Unsere Existenz hängt gänzlich von digitalen Materialien ab. Wir haben zum ersten Mal die Möglichkeit, das gesamte Wissen allen Menschen jederzeit zur Verfügung zu stellen."

An Bildschirmen können Benutzer in digitalisierten Manuskripten und Drucken blättern. Staunend stehen die Besucher vor diesen großen Touchscreen-Monitoren, auf denen sie spielend leicht Buchseiten umblättern, vergrößern und in jede gewünschte Sprache übersetzen lassen können. Die Originaldokumente befinden sich verstreut in den Museen überall auf der Welt. Dort liegen sie meistens schick herausgeputzt und fein säuberlich vor Licht und Luft geschützt in Vitrinen. Benutzen darf man sie dort allerdings so gut wie nie.

Insgesamt 220 Millionen Dollar kostete der Prestigebau. Sie stammen von der Unesco, von europäischen Regierungen, von Staatschef Hosni Mubarak und sogar vom ehemaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein. Scheichs und Schurken haben ihr Geld in diese Einrichtung gesteckt.

Eine Brücke nach Europa

Das Besondere der Bibliothek von Alexandria ist ihre Einbindung in den regionalen Kontext. Das Bildungssystem von Ägypten wird in einem Bericht der Uno als katastrophal bezeichnet. Die Internetnutzung sei die niedrigste der Welt. Ägypten drohe den Anschluss zu verlieren.

Um dem entgegenzuwirken, will Bibliothekschef Serageldin die Bildungschancen der jungen Leute verbessern. Nur 50 Prozent der Jugendlichen haben einen Schulabschluss. Bibliothekare versuchen mit speziellen Multimedia-Programmen, das kreative Können beim Nachwuchs zu fördern und ein globales Bewusstsein zu entwickeln.

Vom nahegelegenen Campus der Universität führt eine Fußgängerbrücke direkt zum Bibliotheksgebäude. Die elegante Konstruktion aus Glas und Granit will mehr als nur Zugang zum Wissenszylinder sein. Sie durchbohrt ihn regelrecht, um dann vor der Uferpromenade symbolisch im Nichts zu enden. Dahinter ist nur das Meer, die Verbindung zu Europa. Das ist ihr eigentliches Ziel. Die Bibliothek soll als Brückenkopf den Weg frei machen für den offenen Wissensaustausch, für einen gleichberechtigten Dialog der Kulturen.

Ein langer und gefährlicher Weg - wie Wissenschaftler den Dialog zwischen Islam und westlicher Welt fördern wollen

Im Juni 2009 rief US-Präsident Barack Obama in seiner Kairoer Rede im die islamische Jugend zum Dialog auf. Man solle einander einfach mehr zuhören, forderte er in Interviews. Bibliothekare hatten schon vorher in Kooperation mit der amerikanischen Botschaft das Projekt "The Big Read" ins Leben gerufen. Westliche Literatur wie "Fahrenheit 451" wurde zum Theaterstück umgebaut und in der Landessprache auf die Bühne gebracht. Werke großer Autoren wie Harper Lee und John Steinbeck sollen als Film, Vortrag oder Aufführung dem arabischen Kulturkreis nahegebracht werden. So sehen Schritte zur Verständigung aus.

"Wir haben mehr als 500 Veranstaltungen jährlich", resümiert Serageldin. Mit Konferenzen und Kulturevents spricht er eine neue Generation von Ägyptern an. Sein Angebot reicht von Umweltschutz über Geschlechterforschung bis hin zur internationalen Friedenspolitik. "Wir werden das erste arabische Friedensinstitut sein", prognostiziert er.

Das bedeutendste Buch für 1,3 Milliarden Muslime weltweit spielt in der Alexandrinischen Bibliothek natürlich eine besondere Rolle: der Koran, die Offenbarungen Allahs an seinen Propheten Mohammed. In Schaukästen zu besichtigen sind alte Manuskripte und Frühdrucke der Schrift. Serageldin will das Werk aber nicht nur ausstellen. Für ihn ist die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt ebenso wichtig. Wie schwierig das im Einzelnen ist, musste der Chefbibliothekar immer wieder feststellen.

Vorwurf der Blasphemie

Vor einigen Jahren warb der ägyptische Philosoph Hasan Hanafi von der Universität Kairo mit einem Vortrag in der Bibliothek vorsichtig für mehr Freiheit bei der Auslegung von Koranversen: "Einige Passagen sind widersprüchlich, insbesondere die, in denen es um Toleranz und um den Aufruf zum Dschihad, zum heiligen Krieg, geht." Damit setzte er sich dem Vorwurf der Blasphemie aus. Seine Forscherkollegen, die die heilige Schrift mit wissenschaftlichen Methoden analysieren, erhalten schon mal Morddrohungen. Wenn in der Bibliothek israelische Bücher zu finden seien, würde er sie persönlich verbrennen - so hatte Ägyptens Kulturminister Faruk Hosni noch im Jahr 2008 gedroht.

Isamail Serageldin lässt sich davon nicht beeindrucken. Er knüpft an die weltoffenen Prinzipien der im dritten Jahrhundert vor Christus gegründeten Vorgängerbibliothek an. Vor 2300 Jahren verband sie in Alexandria mit ihrer Universität ("Museion") die hellenistische Zivilisation mit den ägyptischen und asiatischen Kulturkreisen.

Hier traf sich alles, was Rang und Namen hatte. Euklid erforschte die Geometrie, Aristoteles unterrichtete Philosophie, Archimedes entwickelte seine Hebelgesetze. Aristarch entdeckte fast zwei Jahrtausende vor Kopernikus, dass die Erde um die Sonne kreist. Und Eratosthenes berechnete schon damals erstaunlich präzise den Erdumfang. In der antiken Bibliothek entstand auch die Septuaginta, die erste Übersetzung des Alten Testaments vom Hebräischen ins Griechische.

Hochrangige Wissenschaftler und Schriftsteller gaben sich ein munteres Stelldichein. Es waren die Koriphäen in ihren Disziplinen, und heute wären viele von ihnen Nobelpreisträger. Nie wieder gab es einen solch hochkarätig besetzten Think-Tank.

Wissens-Diebstahl machte die Bibliothek groß

Alexandria entwickelte sich schnell zum Handelszentrum der globalisierten Antike. Der gesamte Transithandel zwischen Rom und Indien wurde im Hafen abgewickelt. Jede Woche mussten 300 Schiffe entladen werden. Tausende Säcke und Amphoren wanderten in die Speicher. Es existierten schon Manufakturen mit modernen Webstühlen, und Papyrus wurde in alle Länder exportiert. Es bildete sich ein früher Vorläufer für unsere moderne Gesellschaft heraus. Man könnte Alexandria als Prototyp für das New York von heute bezeichnen.

Beim Beschaffen von wissenschaftlichen Ressourcen ging es mitunter derb zu. Es war üblich, alle auf Schiffen mitgeführten Schriften zu konfiszieren. Die Schriftrollen landeten dann auf den Schreibtischen von Kopisten, die das Original in die Bibliothek gaben und den Eigentümern nur Abschriften aushändigten. Der dreiste Diebstahl hatte Methode. 700.000 Rollen beherbergte die Bibliothek in ihren besten Zeiten. 200 Kilometer von Gizeh entfernt war ein neues Weltwunder entstanden - eine Art Pyramide des Wissens.

Die Bibliothek überstand die folgenden Jahrhunderte jedoch nicht unbeschadet. Im Jahr 48 vor Christus legten Cäsars Soldaten zum Schutz seiner Schiffe ein Feuer im Hafen, das die aufgebrachte Menge vom Strand fernhalten sollte. Der Überlieferung nach gerieten dabei unbeabsichtigt auch Getreidespeicher und die Bibliotheksmagazine in Brand.

Obwohl nur ein Teil der Bestände vernichtet worden war, erholte sich die Bibliothek nie von diesem Verlust. Ihr Untergang hatte begonnen. Nach und nach verlor sie ihren guten Ruf. Die Wissenschaftler kehrten der Bildungseinrichtung den Rücken. Auf die Leitungsposten schoben die Römer Kriegsveteranen oder in die Jahre gekommene Sportler ab.

Religiöse Gewalt: Das Ende des antiken Wissenstempels

Religiöse Gewalt griff in Alexandria um sich. Vor rund 1600 Jahren waren es kriegerische Christen, die ägyptische und griechische Tempelanlagen zerstörten. Sie bekämpften auch den für sie heidnischen Wissenschaftsbetrieb: Im Jahr 391 zerstörten sie das Serapeion - der Tempel barg zehntausende Schriftrollen.

Um 640 waren es dann Araber, die Alexandria nach langer Belagerung eroberten. Sie fanden viele Papyrusstücke aus den Beständen der Bibliothek. "Wenn die Schriften der Griechen dasselbe sagen wie der Koran, dann sind sie überflüssig und brauchen nicht erhalten zu werden", entschied ihr Anführer. "Sagen sie aber etwas anderes, dann sind sie schädlich und müssen zerstört werden." So bediente man sich der Schriftrollen, um damit die Bäder der Stadt zu beheizen. Der Wissensquell im Nildelta war versiegt.

Die neue Bibliothek von Alexandria will das Wissen der Welt bewahren. Und damit in diesem digitalen Wissensspeicher das gute alte Medium Buch nicht zu kurz kommt, gibt es gleich neben dem Lesesaal etwas Besonderes: Gäste können aus einem Online-Katalog Bücher auswählen, die dann vor ihren Augen hergestellt werden. Eine sogenannte Espresso-Book-Machine, von der weltweit nur ein Dutzend Exemplare existieren, macht's möglich. Abruf vom Verlag, Drucken und Binden - das alles dauert nur wenige Minuten. Dann kann man sein Lieblingsbuch mit nach Hause nehmen.