Biohof in Verdacht Niedersachsens Ehec-Management verwundert Experten

Hat Niedersachsen den Ehec-verdächtigen Biohof zu spät komplett gesperrt? Das Landwirtschaftsministerium in Berlin sieht das so. In Hannover ist man sich keines Fehlers bewusst - doch tatsächlich wirft das Krisenmanagement Fragen auf.

Biohof in Bienenbüttel: Modalitäten der Sperrung sorgen für Diskussionen
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Biohof in Bienenbüttel: Modalitäten der Sperrung sorgen für Diskussionen

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Berlin - Jetzt also doch. Hunderte Proben haben Forscher ausgewertet - und nun erstmals den Ehec-Erreger auf Sprossen gefunden, die von dem verdächtigen Biohof im Landkreis Uelzen stammen. Noch ungeklärt ist die Frage, wie das gefährliche Bakterium dorthin kam. Sicher ist dagegen: Das Krisenmanagement der niedersächsischen Behörden wird noch für Diskussionen sorgen.

Der Grund: Niedersachsen hatte tagelang nur die Sprossenzucht des Betriebs gesperrt. Anderes Gemüse hingegen hätte das Unternehmen noch verkaufen dürfen. Nur weil die Firma freiwillig darauf verzichtete, gelangten keine Produkte in den Handel.

"Unserer Auffassung nach hätte der Betrieb von den zuständigen Behörden vor Ort sofort komplett geschlossen werden müssen", kritisiert nun der Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums, Holger Eichele.

In einer Schaltkonferenz von Ehec-Fachleuten des Bundes und der Länder am Mittwoch hatten die Niedersachsen zugegeben, den Biohof nur teilweise gesperrt zu haben. Das Eingeständnis sorgte in der Runde zunächst für ungläubiges Staunen - und dann für zahlreiche Nachfragen. Die Vertreter aus Hannover hätten juristische Bedenken gegen eine Totalsperrung vorgebracht, heißt es von Teilnehmern.

Am Freitag änderte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium dann doch seine Meinung - und sperrte den Hof komplett. Weil die Verzehrwarnung für Gurken, Tomaten und Salat in Norddeutschland aufgehoben worden sei, habe sich eine neue Situation ergeben, erklärt Ministeriumssprecher Hahne: "Man kann nicht mehr sicher davon ausgehen, dass sich die Verbraucher von dem Gemüse fernhalten."

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Ehec-Epidemie in Deutschland: Ein Sprossen-Krimi
Die betroffene Firma legt Wert darauf, dass nach der behördlichen Sperrung des Sprossenbetriebs auch keine anderen Produkte wie Obst, Gemüse, und Kartoffeln verkauft worden seien: "Seit Sonntag hat kein Produkt unseren Betrieb verlassen", hieß es in einem Statement auf der Web-Seite des Hofs.

Diese Selbstbeschränkung war rein freiwillig. Aber sollte Lebensmittelsicherheit tatsächlich vom Wohlwollen eines einzelnen Unternehmens abhängen? Hätten die Behörden nicht von Anfang an härter durchgreifen müssen?

Schriftlicher Sperrbescheid erst nach Tagen

Ebenfalls diskussionswürdig: Der Firma war die behördliche Verfügung über die teilweise Sperrung des Hofs tagelang nur mündlich bekannt. Ein entsprechendes Schriftstück gab es nicht. Erst am Mittwoch habe es einen schriftlichen Bescheid gegeben, erklärt das Landwirtschaftsministerium in Hannover. Der Betreiber des Hofes hingegen erklärt, erst an diesem Freitag sei ein Schreiben bei ihm eingegangen. Wie auch immer: Als das Dokument ankam, war die Firma bereits seit fast einer Woche teilweise gesperrt. Es sei "völlig üblich", eine entsprechende Anordnung zunächst nur mündlich zu erteilen, verteidigt sich das Ministerium.

"Indizien reichen für eine Verurteilung"

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Trotzdem ist durchaus wahrscheinlich, dass das Berliner Verbraucherministerium sein Missfallen über die Kollegen in Hannover äußern wird. So wie es das schon einmal getan hat, im Zuge des Dioxin-Skandals im Winter. Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) hatte damals personelle Konsequenzen gefordert, weil sie sich aus Hannover zu spät über eine Zuspitzung der Geschehnisse informiert sah. Das war wenige Tage bevor der aktuelle Landesminister Gert Lindemann offiziell vereidigt wurde. Sie werde nicht länger akzeptieren, dass "der Bund politisch haftbar gemacht wird", wenn in den Ländern Skandale passierten, grollte Aigner.

Lindemann verwahrte sich gegen die Kritik - und startete ins Amt. Wer das Verhältnis beider Häuser verstehen will, muss die berufliche Biografie der beiden Minister ansehen. Der Jurist Lindemann war von November 2005 bis Januar 2010 Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium in Berlin - und als Fachmann mit allseits anerkannten Kenntnissen der wohl wichtigste Mann im Haus.

Doch das gab Probleme, spätestens als der damalige Minister Horst Seehofer als Ministerpräsident nach München wechselte und ihm Ilse Aigner nachfolgte. "Herr Lindemann hat sich intern als Minister aufgespielt, weil er Ilse Aigner nichts zugetraut hat", sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn. "Die Ministerin hat ihn dann rausgeworfen, weil das Verhältnis absolut zerrüttet war. Man kann nicht behaupten, dass sich die beiden mögen."

Selbstkritik von Daniel Bahr

Lindemann hatte nach seiner Berufung als niedersächsischer Minister Wert darauf gelegt, dass es zwischen ihm und Aigner keine Spannungen gebe. Sein Abschied aus dem Aigner-Ministerium sei "in menschlich anständiger Atmosphäre" geschehen, sagte er der "Hannoverschen Allgemeinen". Trotzdem muss man davon ausgehen, dass Lindemann seiner ehemaligen, in der Ehec-Krise ebenfalls wiederholt kritisierten Chefin zeigen wollte, wie man das Problem richtig anpackt. Über den Erfolg lässt sich streiten.

"Über das niedersächsische Personal wollen wir in Niedersachsen gern alleine entscheiden", hatte Gert Lindemann nach dem Dioxin-Skandal in Richtung Berlin gesagt. In der Ehec-Debatte steht solch eine Entscheidung möglicherweise bald wieder an.

Selbstkritische Töne kommen indes aus dem Bundesgesundheitsministerium. Minister Daniel Bahr (FDP) sagte laut einem Vorabbericht im ZDF-"heute journal", dass die Kommunikationswege verbessert werden müssten. Das Gesundheits- und auch das Verbraucherministerium seien in "Haftung genommen" worden "für einen vielstimmigen Chor selbsternannter Experten, die andauernd spekuliert haben". Dadurch seien die Menschen verunsichert worden. "Es muss uns gelingen, mit einer Stimme zu sprechen."

Ehec-Bekämpfung: Zuständigkeiten der Behörden
SPIEGEL ONLINE

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Ministerin Aigner habe ihren niedersächsischen Kollegen Lindemann im Januar indirekt zum Rücktritt aufgefordert. Das trifft nicht zu. Lindemann wurde erst einige Tage nach Aigners Äußerung offiziell vereidigt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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bibernell 04.06.2011
1. Sehr auffällig..
finde ich, dass noch kaum ( erst jetzt, das Restaurant in Lübeck..) Berichte über Gruppenerkrankungen gab. Diverse Foristen, so auch ich, haben immer wieder die Frage gestellt, wieso gerade bei solchen Gruppenerkrankungen ( am selben Ort zu selben Zeit das Gleiche gefuttert und gleichzeitig erkrankt...) der Rückschluss auf die Quelle nicht gezogen werden kann. Mir selbst sind andere Gruppenerkrankungen bekannt, nicht nur die, aus der Kantine in Frankfurt, und nie wurde darüber berichtet. Also, nochmal : welchem Denkfehler unterliegt man mglw., wenn man meint, dass solche Gruppenerkrankungen ein deutlich einfacheres Verfolgen der Nahrungswege möglich machen, als das Verfolgen der Speisen von Einzelerkrankten ? Hä ?
heinrichp 05.06.2011
2. Allheilmittel
Zitat von sysopBei der Suche nach der Quelle der Ehec-Epedemie standen zunächst spanische Gurken im Verdacht, die Erreger zu verbreiten. Nun hat sich dies als falsch herausgestellt. Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert und wollen wissen, was sie noch gefahrlos essen dürfen. Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
Jede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
W. Robert 05.06.2011
3. Gefährliches Spiel
Ganz offensichtlich sind derartige veränderte Bakterien gentechnisch sehr einfach herzustellen, angeblich experimentieren in Frankreich Gymnasiasten speziell mit derartigen Aufgabestellungen aus einem "Bio-Baukasten". Überall gibt es militärische Labore, die speziell zur biologischen Kriegsführung und deren Abwehr unterhalten werden. Man muss sich klar sein, dass diese biologischen Kampfstoffe speziell zum Töten von Menschen entwickelt werden und das Fatale ist, dass mit fortschreitender "Globalisierung" nicht nur jeder Kampfstoff von jedem besseren Studenten hergestellt werden kann und dass sich derartige "Seuchen" auch sofort global ausbreiten, wie man an den Neuinfektionen mit EHEC in den USA schon sieht. Jedenfalls gibt es enorm viele Ungereimtheiten in diesem Fall, angeblich wurde die Quelle der Konterminierung noch nicht gefunden, was höchst seltsam erscheint. Zudem steht jetzt praktisch die gesamte Nahrung unter Generalverdacht und immer neue Theorien verbreiten sich in Windeseile. Zuerst sind es die spanischen Gurken, dann weiß man es wieder nicht so genau, dann gerät natürlich Bio-Kost unter Generalverdacht, andere halten die Gentechnik (wohl zurecht) für den Verursacher. Fakt ist, dass unsere Regierung und auch die Presse kaum noch Vertrauen genießt, zu oft wurde an den Fakten gedreht. Die WHO und die Pharmaindustrie sind nach dem "Schweinegrippe"-Skandal erst recht im Zwielicht. Keiner garantiert uns, dass derartige mutierte Bakterien nicht eines Tages die Menschheit ausrotten. Wir verhalten uns wie im Mittelalter mit unserer aggressiven Politik und vergessen, dass die modernen Waffen jederzeit das Ende der Gattung bewirken können und nicht wenigen Spinnern wäre eine drastische Bevölkerungsreduktion auf gewaltsame Weise ganz recht.
Montanaman 05.06.2011
4. Anders ist richtig
Zitat von heinrichpJede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Anders herum wird ein Schuh daraus: VOR dem "technisierten und kapitalistischen Zeitalter" haben die Menschen ungesund gelebt, waren sie doch schutzlos Seuchen wie Cholera ausgeliefert, die hunderttausende Menschenleben forderte: http://de.wikipedia.org/wiki/Cholera#Geschichte_der_Krankheitsausbr.C3.BCche Natürlich leben wir heute viel gesünder als die Menschen vor hundert Jahren - das kann man etwa an der rapide steigenden Lebenserwartung sehen.
dillerjohann 05.06.2011
5. Es gibt keine gefahrlose Welt.....
Diese Welt steht für den ständigen Wandel. So sind Epidemien, immer wieder aufgetreten weil Menschenmassen, zu dicht, zu eng, zu Unhygienisch, auf einander treffen.Veränderungen in den Klimatischen Bedingungen sind nicht zu Unterschätzen, dazu kommt der Raubbau, der seit Industrialisierung um sich greift.Bis jetzt sind alle Mutmaßungen, die EHEC betreffen, in Leere gelaufen.Massentierhaltung, Monokulturen,Chemie und Radioaktive Strahlung,Umweltverschmutzungen, in unermesslichen Ausmaß, führen zu negativen Ergebnissen, die unser Leben beeinflussen.Wir werden wieder umdenken müssen, um in einer Welt leben zu können, in der die Gefahren, besser ein zu schätzen sind,und mehr Natürlichkeit unser Leben bestimmt.Eine Welt ohne Gefahren wird es niemals geben, denn die größte Fehlerquelle ist der Mensch!
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