Biowaffen-Experten Grippe birgt große Gefahren

Als Biowaffe eingesetzt, könnten Grippeviren eine größere Bedrohung darstellen als Milzbrand oder Pocken, warnen US-Experten. Die Influenza besitze ein "enormes Potenzial für Bioterrorismus".


Grippeimpfung: Programm ausdehnen?
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Grippeimpfung: Programm ausdehnen?

Gefahren lauern oft nicht in der Ferne, sondern in der vertrauten Umgebung: Dieser Meinung ist auch ein Team von US-Forschern, das die Waffentauglichkeit von Grippeviren eingeschätzt hat. In den falschen Händen könnten die Erreger, so ihr im "Journal of the Royal Society of Medicine" veröffentlichtes Fazit, gefährlicher sein als zum Beispiel Pockenviren.

Die Experten um Mohammed Madjid von der University of Texas hatten in einer Studie vor zwei Jahren herausgefunden, dass eine Grippeimpfung das Risiko fataler Herzattacken um 66 Prozent senken kann. Ausgehend von dieser und anderen Untersuchungen haben die Wissenschaftler jetzt die Sterblichkeit bei Influenza-Infektionen neu berechnet.

Bisherige Schätzungen gingen davon aus, dass Grippeviren zum Beispiel in den USA pro Jahr zu etwa 20.000 Todesfällen führen. Madjid und Kollegen halten dagegen eine über viermal höhere Zahl - rund 90.000 Todesfälle - für realistischer. Darüber hinaus besitzen Grippeviren nach Ansicht der Forscher viele Eigenschaften, die sie für Terroristen interessant machen könnten.

Während es bekannte Bestände von Pockenerregern weltweit nur in zwei Hochsicherheitslaboren in den USA und Russland gebe, seien Grippeviren überall verfügbar, schreiben die Forscher. Als weitere Vorteile der Influenza führen die Wissenschaftler die einfache Übertragung als Aerosol und die geringe Inkubationszeit von ein bis vier Tagen an - bei Pocken liegt diese bei zehn bis 14 Tagen.

Sorgen bereiten Madjid und Kollegen vor allem die zunehmenden Möglichkeiten, das Erbgut von Erregern zu manipulieren oder gar synthetische Viren zu konstruieren. Skrupellose Forscher könnten etwa, so die Befürchtung, die Genomsequenz des Erregers der Spanischen Grippe missbrauchen. Das Erbgut des Virus, das 1918 bis zu 40 Millionen Menschen dahinraffte, wird derzeit entschlüsselt und soll bald veröffentlicht werden.

Angesichts der möglichen Bedrohung schlagen die Wissenschaftler eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen vor. So soll die Weltgesundheitsorganisation das Problem durch eine interdisziplinäre Expertenrunde untersuchen lassen. Zudem sollte das Impfprogramm ausgedehnt, die Medikamentenvorräte erhöht und die Sicherheit in den Labors verbessert werden. Auch die Sequenzierung der Influenza-Erreger wäre, so die Forscher, möglicherweise sinnvoll - jedoch nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.



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