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17. Juli 2015, 16:25 Uhr

Rekonstruktion

Frau bekommt nach 5600 Jahren wieder Gesicht

Das "Mädchen aus der Blätterhöhle" starb vor mehr als 5000 Jahren. Eine Rechtsmedizinerin hat nun das Antlitz der jungen Frau rekonstruiert. In einer Fußgängerzone würde diese kaum auffallen.

Nachdem Forscher ihren Schädel in einer Höhle gefunden haben, hat eine Frau aus der Jungsteinzeit wieder ein Gesicht bekommen. Die Frankfurter Rechtsmedizinerin Constanze Niess rekonstruierte Gewebe, Haut und Haare der 17 bis 22 Jahre alten Frau, deren Schädel in der Blätterhöhle im westfälischen Hagen entdeckt worden war und die vor 5600 Jahre gelebt hatte.

"Ich habe darauf geachtet, dass sich das Alter in dem Gesicht widerspiegelt", sagte Niess zur Präsentation ihrer Arbeit am Freitag in Hagen. Feinheiten wie Tränensäcke oder Fältchen, aber auch Augen- und Haarfarbe ließen sich nicht am Schädel ablesen. Da habe sie in Absprache mit Forschern eine gewisse künstlerische Freiheit bei der Gestaltung gehabt.

Frau gehörte zu jungsteinzeitlichen Jägern

Höhlenforscher hatten den Schädel 2004 zusammen mit anderen Skelettresten entdeckt. "Sie hat eine eher flache Stirn und verhältnismäßig breite Wangenknochen", erklärte Niess. Rund 60 Stunden habe sie an dem Kopf gearbeitet. Insgesamt hat die Expertin bereits rund zwei Dutzend Toten ein Gesicht gegeben. Darunter sind auch forensische Fälle, bei denen die Polizei die Identität unbekannter Toter klären will.

Der Schädelfund in der Blätterhöhle sei etwas ganz Außergewöhnliches, sagte Ralf Blank, Historiker und Archäologe beim Historischen Centrum Hagen. Die Frau repräsentiere eine Population jungsteinzeitlicher Jäger und Sammler. Laut Lehrmeinung hätte es diese zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geben dürfen, sagte Blank. Man sei davon ausgegangen, dass sich die Menschen bereits vom Ackerbau ernährten.

Das Gesicht zu sehen, sei faszinierend. "Ein ganz bewegender Moment", sagte der Archäologe. "Sie würde nicht auffallen wenn sie in Hagen durch die Innenstadt liefe."

In den vergangenen Jahren hatte es eine Vielzahl solcher Gesichtsrekonstruktionen gegeben, unter anderem von Tutanchamun, Bach, Richard III. und Störtebeker. Womöglich kommen Forscher dabei eines Tages sogar ganz ohne Schädel aus. Denn nur 20 Gene sollen darüber bestimmen, wie unser Gesicht aussieht. Langfristig könnten sich so aus Proben unserer Erbinformation Phantombilder erstellen lassen.

hda/dpa

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