Blitz-Pistole 50.000 Volt, 5 Sekunden K.o.

Schon seit Jahren testen deutsche Polizisten eine Waffe, die nicht tötet. Statt von Kugeln wird das Opfer von einem Stromschlag getroffen und geht zu Boden. Doch niemand traut sich so recht, die so genannte Taser-Pistole offiziell zuzulassen.

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"Air Taser": Lahm gelegt von 50.000 Volt
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"Air Taser": Lahm gelegt von 50.000 Volt

Es gibt Dutzende Einsatzvideos im Internet. Der Ablauf ist in allen Filmen der gleiche. Ein Mann fuchtelt mit den Armen, hat vielleicht sogar ein Messer in der Hand. Ein Polizist zückt die Hightechwaffe, zielt aus etwa fünf Metern auf den Oberkörper und drückt ab.

Der Getroffene geht augenblicklich zu Boden, als hätte ihn der Blitz getroffen. Hat er auch, allerdings kam der elektrische Schlag nicht vom Himmel, sondern aus zwei kleinen Metallhaken, die an Drähten hängen und aus der Pistole, dem so genannten Taser, verschossen wurden.

Über die Drähte werden von der Pistole elektrische Impulse übertragen - der Getroffene ist sekundenlang gelähmt. Die Spannung erreicht Werte bis zu 50.000 Volt, dazu fließt ein vergleichsweise kleiner Strom von rund 160 Milliampere.

Hauptkommissar Mario Hahnemann weiß, wie sich ein solcher Treffer anfühlt: "Es ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das ich so noch nicht kannte." Hahnemann ist Waffenexperte beim LKA Berlin und von einem Taser-Hersteller aus den USA als so genannter "Master Inspector" ausgebildet. Zur Schulung gehört auch, sich einmal selbst abschießen zu lassen.

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Blitz-Pistole: 50.000 Volt aus der Hüfte

"Ich war etwa fünf Sekunden lang außer Gefecht gesetzt", berichtet der Polizist. Für einige Sekunden überlagert der Steuerstrom aus der Pistole den aus dem Gehirn stammenden Steuerstrom der Muskeln. Die Impulse ähneln in Frequenz und Intensität den Signalen, die das Gehirn gibt. "Die Muskeln kontrahieren", erklärt Hahnemann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In dieser Zeit könne ein Polizist dem Beschossenen problemlos Handschellen anlegen. Das Berühren einer gelähmten Person sei für die Beamten völlig gefahrlos, betont der Waffenexperte. Der Strom wirke nur auf den Beschossenen.

Die Wunderpistole wird im waffenverrückten Amerika als Heilsbringer gefeiert. Im Police Department Phoenix (Arizona) sank die Verletzungsquote bei Festnahmen angeblich um zwei Drittel. Im Landkreis Orange County griffen die Beamten fünfmal seltener zur echten Schusswaffe als vor Einführung des Tasers.

Ideal bei Messerstechern

Die Waffe schließt die Lücke zwischen Schlagstock und Pistole, erklärt Lars Lipke, der sie in Deutschland an Privatpersonen und Behörden verkauft. Ein Polizist müsse nicht mehr an einen Messerstecher herantreten, um ihn zu überwältigen - er könne vielmehr aus einer Distanz von einigen Metern schießen, ohne den Tod des Messerstechers oder Umstehender befürchten zu müssen, die von Querschlägern getroffen werden könnten. "Der Taser ist für Betroffene auch angenehmer als Pfefferspray", erklärt der Verkäufer der Waffe.

Doch so recht glauben die deutschen Behörden noch nicht, dass der Taser so ungefährlich ist, wie sein Hersteller und die Händler immer wieder behaupten.

Claus Guggenberger, Sprecher der Berliner Innenbehörde, berichtet von "Bedenken, wonach das Gerät für Herzpatienten oder unter Drogen Stehende eine Gefahr darstellen könnte". Es gebe zum jetzigen Zeitpunkt "noch nicht ausreichende Erkenntnisse" über die Wirkung der Pistole. "Wir wollen sicher sein, dass es keine Folgeschäden gibt."

Modell der Waffe: Pfeile an Drähten und 50.000 Volt

Modell der Waffe: Pfeile an Drähten und 50.000 Volt

Auf der Website des Taser-Herstellers finden sich ärztliche Unbedenklichkeitserklärungen zuhauf - allerdings noch nicht von deutschen Medizinern oder Behörden. Selbst über Todesfälle bei Taser-Einsätzen wird berichtet. Eine Liste nennt 20 zu Tode Gekommene aus dem Zeitraum Juni 2001 bis November 2003. In allen angegebenen Fällen hätten Gerichtsmediziner den Taser als Todesursache ausgeschlossen, heißt es.

"Weltweit wurde der Taser schon über 50.000 Mal von der Polizei eingesetzt", sagt der Waffenhändler Lipke. Und mindestens 80.000 Freiwillige hätten sich von der Blitzpistole beschießen lassen - "ohne Folgeschäden", so Lipke.

In den Augen des Herstellers bilden am ehesten die beiden verschossenen Pfeile ein Risiko. Sie sind mit Widerhaken versehen, damit sie am Gegenüber gut haften. Im Extremfall könnten die Haken auch ein Auge treffen.

"Das klingt gefährlich"

Treffer in der Haut sind angeblich kein Problem: "Da kommt etwas Jod drauf und ein Pflaster drüber", erklärt Hauptkommissar Hahnemann von der Berliner Polizei.

Die größten Ängste gibt es jedoch vor dem Strom, erklärt der Waffenexperte. "50.000 Volt - das klingt gefährlich." Obwohl die Gefahr klein sei, betont Hahnemann, weil nur sehr geringe Ströme fließen. Er nennt den Taser "die friedlichste Waffe, die es gibt", doch die teils irrationalen Bedenken bei manchem Verantwortlichen in der Verwaltung bleiben.

Pfefferspray: Wirksam, aber mit schmerzhaften Folgen
DPA

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In Berlin kam der Taser bislang sechsmal zum Einsatz, fünfmal mit Erfolg und einmal weniger erfolgreich, weil dabei wegen starker Kälte die Batterien schon zu sehr geschwächt waren und der Stromschlag kaum Wirkung zeigte. "Der Beschossene wird bei uns im Anschluss immer von einem Arzt untersucht", berichtet Hahnemann. Dies sei auch in den USA üblich, allein schon, um eventuelle Schadenersatzklagen abwehren zu können.

In Nordrhein-Westfalen gaben Beamte bislang rund 40 Schüsse mit dem Taser ab. Sämtliche Einsätze in Deutschland laufen jedoch offiziell als Test. Meist ging es darum, Selbstmörder kurzzeitig zu lähmen, die sich von einem Dach stürzen wollten, oder außer Kontrolle geratene Gewalttäter festzunehmen, die mitunter selbst bewaffnet waren.

Wenn die Polizisten bei ihren künftigen Einsätzen keine bösen Überraschungen erleben, dann könnten die Innenminister der Bundesländer im Herbst einen Grundsatzbeschluss zum Taser fassen. Dann wollen sie sich über ihre Erfahrungen mit der Waffe austauschen, sagt Sprecher Guggenberger von der Berliner Innenbehörde. "Möglicherweise findet man auch eine bundeseinheitliche Regelung."

In der föderal organsierten Bundesrepublik ist der Waffeneinsatz bei der Polizei Ländersache. Jedes Bundesland hat sein eigenes Polizeigesetz und regelt darin genau, was erlaubt und verboten ist.

Bitte nicht zu nah herantreten!

Auf so gute Geschäfte wie in den USA, wo in einigen Städten alle Polizisten mit einem Taser ausgerüstet wurden, darf der deutsche Firmenstatthalter Lipke kaum hoffen. Hier zu Lande ist der Einsatz von Schusswaffen der "extreme Ausnahmefall", so Polizeisprecher Guggenberger. Er hält die Situation in Deutschland mit der in den USA kaum für vergleichbar.

Billig sind die Taser keinesfalls. Die Behördenversion mit Ziellaser und elektronischer Aufzeichnung jedes abgegebenen Schusses kostet um die tausend Euro.

Und überlisten lassen sich die Waffen unter Umständen auch. Wer sich einer Taser-Pistole gegenübersieht, könnte schnell darauf zulaufen und hoffen, dass der Polizist nicht sofort abdrückt. Bei zu kurzen Entfernungen, zum Beispiel von nur einem Meter, stecken die Pfeile nämlich zu dicht beieinander, so dass der Stromstoß seine Wirkung verfehlt.



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