Christian Stöcker

Boogaloo-Bewegung Hass im Hawaiihemd

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Unter die "Black Lives Matter"-Demonstranten in den USA mischen sich schwer bewaffnete Weiße in Hawaiihemden. Die bizarre Bewegung strebt einen Bürgerkrieg an - und hat den gleichen Geburtsort wie Anonymous.
Bewaffnete Demonstranten in Louisville, Kentucky, 30. Mai 2020

Bewaffnete Demonstranten in Louisville, Kentucky, 30. Mai 2020

Foto:

Steven Bullock/ The Photo Access/ Alamy Stock Photo

"Amerika hat eine Schusswaffenkultur, die so robust, vielfältig und kompliziert ist wie Comic-Fans, Fantasy-Nerds, PC-Spieler oder eine beliebige andere Subkultur. (…). Anders als bei Popkultur-Fans beruht das Hobby des Waffenfans aber auf einem Werkzeug, das zum Töten gemacht ist."

Aus einem "Vice"-Artikel über US-Waffennarren

Im oben zitierten "Vice"-Artikel  ist nachzulesen, was manche Männer in den USA motiviert, das eigene Gemächt in Gefahr zu bringen: Während es im Mainstream der US-Waffenfans zum guten Ton gehört, auf Sicherheitsregeln zu achten, zielen diese Männer auf Fotos auf ihren eigenen Penis. Sie wollen damit demonstrieren, dass auch der Finger am Abzug der eigenen, entsicherten Waffe für einen echten Profi kein Risiko darstellt. Das Ganze ist ein kleiner Social-Media-Trend .

Die selbstzerstörerische Liebe zur Schusswaffe ist in den USA bekanntlich verbreitet. Die Lobbyorganisation National Rifle Association (NRA) und die Republikaner bilden seit vielen Jahren eine stabile Allianz. Waffenrecht ist eines der am stärksten polarisierenden Wahlkampfthemen. Ein Teil der US-Waffennarren aber ist nicht nur rechts, sondern rechtsextrem. Und manchen ist die NRA zu zahm. Der rechtsextreme Terrorist Timothy McVeigh etwa, der 1995 in Oklahoma City 168 Menschen tötete und mehr als 800 verletzte, war zuvor aus der NRA ausgetreten, weil sie ihm nicht extrem genug war.

Chance für einen Bürgerkrieg

Erschreckend viele US-Waffennarren sind an einem gewalttätigen Umsturz der staatlichen Ordnung interessiert. Nicht alle, die einen bewaffneten Bürgerkrieg herbeisehnen, sind Rassisten oder Neonazis: Sie verstehen den zweiten Zusatzartikel der US-Verfassung aber als Handlungsanweisung: "Eine wohl regulierte Miliz, die notwendig ist, die Sicherheit eines freien Staates zu erhalten, das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, ist nicht einzuschränken." Die "Black Lives Matter"-Proteste sehen diese Leute als ihre Chance.

Bewaffnete Milizen, die eine hohe Überlappung mit der Prepper-Szene aufweisen, gibt es in den USA schon seit Jahrzehnten. Gewisse Parallelen existieren  zu rechtsextremen Preppern in Deutschland, und zu Teilen der "Reichsbürger"-Szene: Auch sie wollen die staatliche Ordnung nicht anerkennen, auch sie bewaffnen sich, und auch sie sehnen zum Teil einen bevorstehenden apokalyptischen Konflikt herbei.

Letzteres haben sie interessanterweise sowohl mit islamistischen Terroristen als auch mit gewissen Teilen der militanten linksextremen Szene gemeinsam. Der Untergang als Fluchtpunkt ist ideologieübergreifend anschlussfähig.

Die Phrase "When the shit hits the fan" (wenn die Scheiße den Ventilator trifft, also in etwa: Wenn die Kacke am Dampfen ist), abgekürzt WTSHTF, ist in den USA ein in gewissen Kreisen gebräuchlicher Verweis auf diesen angeblich bevorstehenden Kollaps. Auch deutsche Rechtsextremisten nutzen dieses Bild gelegentlich. Der Wunsch, den fiktiven Kollaps zu beschleunigen, hat einen Namen: Akzelerationismus, accelerationism. Das Netz spielt dabei eine zentrale Rolle.

Vom Insider-Witz zur Bürgerkriegsromantik

Die „Alt Right“-Bewegung hat im Vorfeld der US-Wahl 2016 die Mem-Kultur des Netzes aus Insider-Witzen und immer wieder wiederholten Bild-Gags für rechtsradikale Propaganda gekapert. Und mittlerweile hat das pseudoironische Spiel mit Querverweisen die bewaffneten und gewaltbereiten Teile des politischen Spektrums erreicht. In diesen durch Corona-Schutzmaßnahmen, Massenarbeitslosigkeit und die "Black Lives Matter"-Proteste aufgewühlten Zeit kommt dieser neue Einfluss aus dem Netz hinzu zur alten Mischung aus Waffenliebe und Extremismus.

Unter denen, die in diesen Tagen in den Straßen der USA der Polizei gegenüberstehen, zuerst bei Corona-Protesten, jetzt auch bei eigentlich antirassistischen Demos, sieht man immer wieder schwer bewaffnete Männer. Sie tragen zu militärischer Ausrüstung grellbunte Hawaiihemden, verzieren ihre Waffen und Magazine mit Aloha-Mustern.

Die Muster signalisieren Eingeweihten, dass diese Männer auf einen Bürgerkrieg hoffen. Die Entwicklung dieser seltsamen Symbolik ist ohne Bezug zur Mem-Kultur nicht zu verstehen: Am Anfang steht immer ein Insider-Witz.

Die Maske, der Frosch und das Hawaiihemd

Das war bei den "Guy Fawkes"-Masken so, die lange als das Symbol von Anonymous galten (mittlerweile aber auch von deutschen Rechtsextremisten getragen werden). Es war so beim längst als Neonazi-Symbol etablierten "Pepe the Frog". Und es ist jetzt wieder so bei Hawaiihemden und Flaggen mit Iglu-Abbildungen.

Die Erklärung des Hawaiihemd-Memes in Kurzfassung: Schon seit Jahren werden bei 4chan Witze gerissen, die auf einen angeblich besonders miesen Breakdance-Film verweisen: "Breakin' 2: Electric Boogaloo". Irgendwann wurde "Electric Boogaloo" auch als Chiffre für die "Fortsetzung" oder den "zweiten Teil" des amerikanischen Bürgerkriegs bemüht. Heute nennen sich die Fans dieser Idee vom bewaffneten inneren Konflikt deshalb "Boogaloo Bois". Homogen ist diese Gruppe nicht: Manche lieben Trump, manche nicht, viele sind rechtsextrem , manche wollen sich mit schwarzen Demonstranten zumindest vorübergehend verbünden.

Aus Boogaloo wird manchmal auch "Big Luau" gemacht – Luau heißt auf Hawaiianisch "Fest", daher die Hemden. Eine zweite Verballhornung ist "Big Igloo" – schon bei den ersten Protesten gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis tauchten auch Demonstranten mit einer schwarz-weißen US-Flagge auf, die statt der Sterne ein Iglu zierte.

4chan hat damit drei politisierte Subkulturen sehr unterschiedlicher Art hervorgebracht:

  • Die anarchische Protestmarke Anonymous entsprang dem Unterforum /b/ oder "random".

  • Das Politik-Unterforum /pol/ gilt als einer der Geburtsorte der "Alt-Right"-Bewegung.

  • Das Waffennarren-Unterforum /k/ ist der Geburtsort der "Boogaloo Bois"

Zehntausende von Fans

Man könnte das alles als harmlos abtun, wären da nicht die Zahlen: Die größten Fangruppen für die "Boogaloo Bois", "Big Luau" oder verwandte Codes haben dem Recherchekollektiv Bellingcat zufolge  Zehntausende Mitglieder. Das "Tech Transparency Project" fand allein bei Facebook mindestens 125 "Boogaloo"-bezogene Gruppen . Diese Woche verhafteten Beamte der Joint Terrorism Task Force in Las Vegas drei Männer , die in einer Presseerklärung als "angebliche Mitglieder der 'Boogaloo'-Bewegung", bezeichnet werden.

Kombiniert werden die Hawaiihemden gern mit Halbmasken, die Totenschädelmünder oder grinsende Clownsfratzen zeigen. Beides sind Verweise auf die Symbolik militanter rechtsextremer Netzwerke wie "The Base" oder "Atomwaffen Division" .

Und es gibt Bezüge nach Deutschland , sowie klare ideologische Querverbindungen  zu rechtsextremen Mördern wie dem von Christchurch oder Halle. Bewaffnete Akzelerationisten sind die derzeit vielleicht größte Terrorgefahr, überall auf der Welt, besonders aber in den USA.

Wie ernst es den Bürgerkriegsfans dort ist, illustriert ein aktuelles Zitat aus einer einschlägigen Facebook-Gruppe: "Unser Feind ist mächtig und sieht und hört alles, was wir tun und sagen. Es ist, als seien wir beauftragt, einen Gott zu töten, den wir selbst erschaffen haben."

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