Bosch-Projekt 100 Köpfe für spritsparende Spaßautos

Bosch macht Ernst bei der Entwicklung von Hybrid-Antrieben. Der Automobilzulieferer hat ein "Projekthaus Hybridsysteme" ins Leben gerufen, in dem sich rund 100 Techniker mit der neuen Technik befassen. Ihr Ziel: Spaßautos, die nebenbei Sprit sparen.

Von Jürgen Pander


Smart Power System: Eine elektronische Steuerung schaltet den Motor je nach Bedarf automatisch an und aus

Smart Power System: Eine elektronische Steuerung schaltet den Motor je nach Bedarf automatisch an und aus

Die Abstimmung der unterschiedlichen Komponenten eines Hybridsystems ist ein technisches Puzzlespiel. Energiemanagement, Bremsen, Automobilelektronik sowie Benzin- und Dieseleinspritzung müssen aufeinander abgestimmt werden. Die Techniker des Bosch-Projekthauses tüfteln an diversen Hybridvarianten, denn "der Markt für solche Fahrzeuge ist zersplittert", erklärt Bosch-Sprecher Stephan Kraus.

Ein Beispiel seien die sogenannten "Micro Hybrids", die vor allem zur Kraftstoffeinsparung beitragen sollen. Als simpelste Lösung hat Bosch das "Smart Electronic Start-Stop-System" (SES) entwickelt, das 2006 in einem neuen Kleinwagen in Europa auf den Markt kommen wird.

Streng genommen wird das gar kein Hybridfahrzeug sein, denn der Antriebsstrang kommt ohne zusätzlichen Elektromotor aus. "Aber das Funktionsprinzip ist das eines Hybridautos, denn der Verbrennungsmotor wird immer dann abgestellt, wenn er nicht gebraucht wird", sagt Kraus. Geregelt wird das automatische Stoppen und Anlassen des Motors über ein zusätzliches Steuergerät sowie mit Sensoren an Gas- und Kupplungspedal - und über einen robusteren Anlasser.

Die Idee ist nicht neu, bislang aber scheiterten solche Systeme aufgrund ihrer Trägheit beim Neustart des Motors stets an der mangelnden Akzeptanz der Autofahrer. "Man muss einen sehr schnellen Startvorgang hinbekommen, damit die Kunden diese Technik akzeptieren", sagt Kraus. In der Entwicklung ist deshalb ein Start-Stopp-System, bei dem der warme Motor - zum Beispiel im Stop-and-Go-Verkehr - lediglich durch das Einspritzen von Kraftstoff und einen Zündfunken wieder gestartet wird, und der Anlasser in diesem Fall gar nicht betätigt wird.

In der Konstruktion deutlich aufwendiger und damit teurer sind Fahrzeuge, die als "Mild Hybrids" oder "Strong Hybrids" bezeichnet werden. Bei diesen Typen unterstützt ein Elektromotor den Verbrennungsmotor zumindest zeitweise bei der Antriebsarbeit. In der Regel verfügen "Mild Hybrids" über eine Elektromaschine, die zwischen 10 und 25 Kilowatt leistet, während Elektromotoren von "Strong Hybrids" mindestens 50 Kilowatt leisten und damit eine größere Wirkung erzielen. Solche Fahrzeuge kommen über kürzere Strecken ausschließlich mit dem E-Motor vorwärts und fahren damit emissionsfrei.

"Wir arbeiten an solchen 'Vollhybriden'", sagt Kraus. "2007 wird ein Fahrzeug von einem europäischen Hersteller mit unserer Technik auf den Markt kommen." Bei dem Auto werde es sich um einen Lieferwagen handeln, denn bei dieser Fahrzeugklasse sei die Hybridtechnik besonders sinnvoll. Schließlich seien Kurier- oder Lieferwagen häufig im Stadtverkehr mit zahlreichen Ampelstopps unterwegs, wo laut Kraus Verbrauchseinsparungen von bis zu 30 Prozent möglich sind. Der Spareffekt kommt aber auch deshalb zustande, weil das Hybridsystem in einem Lieferwagen ausschließlich als Spritspartechnik eingesetzt wird.

Bosch-Elektromotor: Mit 50 kW emissionsfrei fahren

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Bei den Hybrid-Pkw aber steht vor allem die "Fahrspaßoptimierung" im Vordergrund. Die Verbrauchsreduzierung ist eher ein willkommener Nebenaspekt - in diese Richtung deuten jedenfalls die Vermarktungsstrategien der Hersteller.

"Das zusätzliche Drehmoment des Elektromotors verbessert auch die Fahrdynamik spürbar", sagt Projekthaus-Leiter Manfred Walter. Hybridfahrzeuge dieser Art würden nichts mehr zu tun haben mit eher freudlosen Spritsparmobilen, die im allgemeinen Verkehrsfluss nur mühsam mithalten können - im Gegenteil.

Doch auch eine Minderung des Verbrauchs und eine Steigerung der Fahrdynamik werden allein nicht ausreichen, damit sich Hybridautos auf breiter Front durchsetzen. Wenn dies gelingen soll, müssen nach Ansicht von Bosch vor allem auf zwei Themenfeldern noch Verbesserungen erzielt werden.

Das eine ist die Batterietechnik: Die Forderung lautet, die Stromspeicher billiger, leichter und haltbarer zu machen. Der zweite Bereich mit großem Entwicklungspotential ist die Abstimmung der einzelnen Antriebssysteme beim Beschleunigen und Bremsen. Es geht dabei um ein ruckfreies, feinfühliges und für die Fahrzeuginsassen tatsächlich unmerkliches Zusammenspiel der unterschiedlichen Motoren oder - beim Bremsen - ein geschmeidiges Zusammenwirken des Generators, der die kinetische Energie in Strom umwandelt, mit der eigentlichen Bremsanlage.

Den Hybridanteil an den Neuzulassungen in Westeuropa im Jahr 2010 prognostiziert Bosch mit zwei Prozent und schätzt, dass dann etwa 50 verschiedene Pkw-Hybridmodelle weltweit auf dem Markt sein werden.



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