Brasilien Die Rückkehr von Contergan

Vor fast 50 Jahren wurde Contergan in Deutschland verboten, weil es Tausende Kindern zu Krüppel machte. In Brasilien gilt der gefährliche Wirkstoff Thalidomid dagegen noch immer als Wundermittel. Maria Leide, Lepra-Beauftragte am brasilianischen Gesundheitsministerium, erklärt, warum.


SPIEGEL ONLINE: In Brasilien wird nach wie vor das umstrittene Medikament Talidomida verwendet, das denselben Wirkstoff enthält wie Contergan. Warum?

Leide: Talidomida gilt als sehr effektives und günstiges Medikament. Der Wirkstoff wird vorwiegend gegen Lepra eingesetzt, vor allem im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit, wenn die Patienten bereits unter starken Symptomen leiden und im Krankenhaus behandelt werden. Das Medikament ruft sehr starke Körperreaktionen hervor. Der Körper zerstört dann nicht nur die Leprabazillen, sondern zum Teil auch das Gewebe, in das sie sich eingenistet haben.

Zur Person
Maria Leide W. de Oliveira, 57, ist verantwortlich für das Lepra-Programm des Gesundheitsministeriums in Brasilia. In Brasilien ist Lepra noch immer eine weit verbreitete Krankheit. Zwischen 2001 und 2006 wurden jährlich 45.000 neue Fälle registriert.
SPIEGEL ONLINE: Durch welche Symptome macht sich Lepra bemerkbar?

Leide: Die Sensibilität der Haut nimmt an den befallenen Stellen ab. Sie wird trocken, schwitzt nicht mehr. Es bilden sich weiße, rötliche oder bräunliche Flecken oder schmerzende Beulen. Füße und Hände schwellen an. In Armen und Beinen treten Kribbeln und pochende Schmerzen auf. Körperhaare fallen aus, vor allem die Augenbrauen. Die Muskeln im Gesicht, in den Händen und in den Füßen fühlen sich taub an.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist der Wirkstoff nicht ohne Grund sehr lange absolut verboten gewesen. Schwangere Frauen, die ihn in den sechziger Jahren verwendeten, haben zum Teil Kinder ohne Arme oder mit anderen körperlichen Verformungen zur Welt gebracht. Wieso schränkt man die Abgabe von Thalidomid nicht auch in Brasilien viel stärker ein?

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Titelbild: Foto Xinhua / Imago
Leide: Ich hielte das für keine gute Entscheidung. Natürlich sind solche Fälle tragisch, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Thalidomid vielen Leprakranken hilft. Die Brasilianer stehen dem Medikament grundsätzlich positiv gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn keine Alternative im Kampf gegen Lepra?

Leide: Noch nicht. Die Krankheit lässt sich alternativ mit Corticosteroiden, also Hormonen der menschlichen Nebenniere, behandeln. Allerdings ist Thalidomid wirksamer.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird der Einsatz von Thalidomid in Brasilien kontrolliert?

Leide: Verschrieben wird das Medikament über ein spezielles Rezept, von dem ein Durchschlag zur Nachkontrolle in den Apotheken bleibt. Beaufsichtigt wird der Umgang mit Thalidomid durch das Gesundheitsministerium und dessen Kontrollbehörde, die Agência Nacional de Vigilância Sanitária.

SPIEGEL ONLINE: Und wie verhindern Sie Missbrauch?

Leide: Thalidomid unterliegt wie alle anderen Medikamente den gesetzlichen Bestimmungen gegen medizinische Fehler. Mit Plakaten und TV-Spots informieren wir die Leute über Vorsichtsmaßnahmen beim Gebrauch von Thalidomid. In Brasilien gibt es zudem gut 15.000 Gesundheitsstationen, an die sich Lepra-Kranke wenden können. Außerdem sollten künftig nur noch Apotheken Thalidomid lagern dürfen. Bislang dürfen es auch Ärzte im Schrank haben. Ich habe selbst als Ärztin 30 Jahre lang Thalidomid verschrieben, und nie ist etwas passiert. Aber es könnten Ärzte in Versuchung kommen, das Medikament vorschnell an Patienten weiterzugeben. Ihnen sollte die Zulassung entzogen werden.

Das Interview führte Barbara Hardinghaus


"Das Wundermittel": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL eine ausführliche Reportage über die Rückkehr des Skandalmedikaments Contergan in Brasilien.



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