Bremen Universität will gegen Tierversuch-Verbot klagen

Die Bremer Universität will das Aus für die Affenversuche am Institut für Hirnforschung nicht akzeptieren und sich notfalls durch alle Instanzen klagen. Der Bremer Senat hatte weitere Experimente zuvor aus ethischen Gründen untersagt.


Bremen - "Dies ist ein unzulässiger Eingriff in die grundrechtlich geschützte Wissenschaftsfreiheit", sagte der Rektor der Universität, Wilfried Müller, am Donnerstag. Die Bremer Gesundheitsbehörde habe nicht richtig abgewogen zwischen der Bedeutung der Versuche für die Forschung und der Belastung für die Makaken.

Gegen die Entscheidung des Bremer Senats will die Universität Widerspruch einlegen. "Zudem werden wir eine einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht auf den Weg bringen, um die Versuche fortzusetzen", erklärte Müller. Eine Unterbrechung der Forschung hätte eine "dramatische Wirkung". Fünf aus Drittmitteln finanzierte wissenschaftliche Mitarbeiter könnten ihre Stellen verlieren und acht Doktorarbeiten nicht beendet werden.

Die Universität betonte, dass alle Anforderungen des Tierschutzgesetzes erfüllt seien. "Wir versuchen, die Belastung für die Tiere so gering wie möglich zu halten", erklärte der Hirnforscher Andreas Kreiter. Das Institut besitzt derzeit 24 Affen. Die Experimente laufen seit 1998, die Genehmigung war zuletzt 2005 verlängert worden und läuft Ende November aus.

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, erklärte, er betrachte die Ablehnung des Antrages "mit großer Sorge um die vom Grundgesetz verbriefte Freiheit von Wissenschaft und Forschung". Der Deutsche Tierschutzbund wertet die Entscheidung des Bremer Senats dagegen als "Sieg für den Tierschutz". Auch die Forschung müsse sich an gesellschaftlichen Maßstäben orientieren, sagte Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel, der auch Vorsitzender des Bremer Tierschutzvereins ist.

Heftiger Streit um Tierschutz

Wenn es die Forschung versäume, sich selbst ethische Grenzen zu setzen, müsse sie es sich gefallen lassen, von außen reglementiert zu werden, sagte Apel. Er forderte Hirnforscher Kreiter auf, sein gesamtes Forschungsvorhaben offenzulegen. "Dann könnte sich jeder selbst ein Bild davon machen, welche Leiden Kreiter den von ihm verwendeten Ratten und Affen zufügt", sagte Apel. Jeder könne dann sehen, dass nicht an der Heilung von Krankheiten gearbeitet werde, sondern an reiner Grundlagenforschung.

Die Forscher verteidigten ihre Arbeit mit einem Mangel an alternativen Methoden. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum moderne Ansätze der Medizintechnik für Diagnostik und Therapie der Epilepsie im Forschungsprojekt von Andreas Kreiter im Ablehnungsbescheid unberücksichtigt bleiben", sagte Reinhard Fischer, Makaken-Beauftragter der Bremer Universitätsleitung. Zudem werde das Untersuchungsdesign ständig im Sinne der Ziele des wissenschaftlich fundierten Tierschutzes optimiert. Auch die Tierhaltung an der Universität Bremen sei "international vorbildlich".

Nach Fischers Angaben ging es in dem nun abgelehnten Antrag um die Erforschung von Wahrnehmung und um die Entwicklung medizintechnischer Komponenten für die drahtlose Übertragung von Hirnsignalen. Bislang müssten Parkinson-Patienten dauerhaft Kabel tragen, die ins Hirn führten, sagte Fischer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Über diese Kabel erfolgt die sogenannte Tiefenhirnstimulation. Durch gezielte Stromstöße an der richtigen Stelle tief im Gehirn können der Tremor, das für Parkinson charakteristische Zittern, oder Bewegungsstörungen unter Kontrolle gebracht werden.

Die Erkenntnisse aus Affenversuchen seien für die Heilung kranker Menschen von großer Bedeutung, betonte Fischer. Ein typisches Beispiel für derartige Experimente findet sich in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature". US-Forschern ist es bei Versuchen mit Affen erstmals gelungen, einzelne Hirnzellen über einen speziellen Schaltkreis direkt mit gelähmten Muskeln zu verbinden. Bei den Tieren mit einem gelähmtem Arm habe sich die Beweglichkeit des Handgelenks wieder herstellen lassen, berichten die Wissenschaftler. Die Methode könnte künftig Gelähmten mit Rückenmarks-Verletzungen helfen, sich wieder bewegen zu können.

hda/dpa/ddp



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