Christian Stöcker

Brexit-Debakel "Unfähig, aus Fehlern zu lernen"

Das Verhalten britischer Politiker im Zusammenhang mit dem Brexit erinnert verblüffend an die Defizite, die gewisse Hirnschäden mit sich bringen. Hat man das einmal verstanden, ist offenkundig, was jetzt zu tun wäre.
Theresa May

Theresa May

Foto: CHRIS J RATCLIFFE/ POOL/ EPA-EFE/ R

"Es erinnert mich an die Mel-Brooks-Komödie 'Blazing Saddles', in der der Sheriff sich irgendwann selbst eine Waffe an den Kopf hält und sagt: 'Wenn Ihr nicht tut, was ich sage, blase ich mir das Gehirn 'raus.'"

Tony Blair, ehemaliger britischer Premierminister, im Januar 2013 zum Vorschlag eines Brexit-Referendums

Der 23. Januar 2013 wird als Tag der historischen Dummheit in die Geschichte des Vereinigten Königreichs eingehen. Damals sagte Tory-Premierminister David Cameron: "Deshalb bin ich für ein Referendum. Ich glaube fest, dass wir dieses Thema aufgreifen sollten, es formen, die Debatte anführen. Nicht einfach darauf hoffen, dass eine schwierige Situation wieder weggehen wird." 

Das mit der schwierigen Situation, von der manche hoffen, dass sie irgendwie wieder weggehen wird, passt besser denn je. Nur sind die Schwierigkeiten heute weit größer als damals. Dank Cameron.

Der Windbeutel

Sein Versprechen, das wissen wir heute, war ein Fehler.

Ausgelöst wurde es von zwei Faktoren: den antieuropäischen Abgeordneten in Camerons eigener Partei; und dem damals wachsenden Erfolg der rechtsnationalen "UK Independence Party" (Ukip), zu diesem Zeitpunkt schon angeführt von dem Windbeutel Nigel Farage. Der machte sich, nachdem das Chaos perfekt war, bekanntlich aus dem Staub. Heute verdient er Geld, indem er bei "Fox News" Amerikanern Europa "erklärt".

Cameron dachte damals, er könne das Referendum versprechen, und anschließend mit der Austrittsdrohung angenehmere Konditionen der EU-Mitgliedschaft aushandeln. Mehr noch: Er versprach es.

Auch dieses Versprechen erwies sich, und das war abzusehen, als Fehler.

Putin schon wieder

Eins muss man einem anderen Staatenlenker lassen: Wladimir Putin weiß immer genau, was gut für Europa und den Westen ist - und setzt dann alles daran, dass das Gegenteil eintritt. In Großbritannien wächst längst der Berg an Evidenz für die innigen Beziehungen zwischen dem russischen Botschafter in London und den Schlüsselfiguren der "Leave"-Kampagne . Von Russlands fleißiger Bot-Armee ganz zu schweigen. Journalisten, die an dem Thema arbeiten, werden von den Brexiteers und russischen Diplomaten gleichermaßen attackiert. Eine bemerkenswerte Allianz.

Nigel Farage selbst hat mehrfach gesagt, er bewundere Wladimir Putin . Heute nennt er den zweifelsfrei bewiesenen Vorwurf, dass Russland sich sehr bemüht hat, das Ergebnis zu beeinflussen, "lächerlich". 

Putins und Farages durchsichtige Motivation hätte den Brexiteers eine Warnung sein können. Stattdessen ließen sie sich von Russland helfen bei ihrer Kamikaze-Mission.

Noch ein gravierender Fehler.

Nigel Farage

Nigel Farage

Foto: Leon Neal/ Getty Images

Sieht das nicht langsam aus, als gebe es da ein Muster? Ein Muster, das Fachleute kennen, die mit Hirngeschädigten arbeiten. Aber dazu gleich.

Das funktioniert!

Camerons Zugeständnis an die Populisten und ihre russischen Freunde funktionierte, wie ihm jeder Politikwissenschaftler hätte vorhersagen können, hervorragend - aus Sicht der Populisten. Bei der Europawahl 2014 wurde Ukip Großbritanniens stärkste Partei.

So läuft das, wenn man versucht, die Positionen von Populisten zu übernehmen: Man stärkt sie. Noch ein gravierender Fehler (schöne Grüße an Horst Seehofer).

Als sie schließlich abstimmten, hatten die Briten einen zermürbenden, von durchsichtigen Lügen geprägten Wahlkampf hinter sich. Praktisch jedes zentrale Versprechen, das die Brexiteers jemals gegeben haben, ist längst gebrochen oder als unerfüllbar entlarvt . Nicht nur die Lüge mit den 350 Millionen Pfund pro Woche fürs britische Gesundheitssystem.

Lügen zu Wahrheit, Dreck zu Gold

Die tatsächliche Motivation für den Brexit war aber auch gar nicht rational: Es ging um Fremdenfeindlichkeit, um Zukunftsangst, um die Spätfolgen der Kränkungen eines ehemaligen Weltreiches, um stumpfen Nationalismus, um postimperialen Größenwahn. Lauter miserable Motivationen für eine historische Entscheidung.

Am Ende wollte die knappe Mehrheit der Abstimmenden lieber den Lügnern glauben. Das war der folgenschwerste Fehler von allen.

Es ist nämlich nicht möglich, Lügen in Wahrheit zu verwandeln, auch wenn viele der Beteiligten weiterhin so tun, als ginge das. Als könne Theresa May mit ein paar Wochen oder Monaten mehr aus Dreck Gold machen.

"Unfähig, aus seinen Fehlern zu lernen"

An dieser Stelle der versprochene Ausflug in die Neuropsychologie. In einer vielzitierten Studie aus den Neunzigern , publiziert von Antoine Bechara und Kollegen, steht folgende Beschreibung: "Patient E.V.R. ist ein prototypisches Beispiel für diese Störung. Er entscheidet oftmals gegen seine eigenen Interessen und ist unfähig, aus seinen Fehlern zu lernen."

Die Störung, an der Patient E.V.R. litt, heißt nicht "Brexit". Es handelte sich um eine Läsion im ventromedialen Bereich des präfrontalen Kortex. Patienten mit Hirnschäden im präfrontalen Kortex haben "gewisse Schwierigkeiten mit realistischen Planungsaufgaben", heißt es in einer anderen Studie .

Bei Patient E.V.R. hatte das zum Beispiel zur Folge, dass er in einem simplen Karten-Aufnahme-Spiel einfach nicht lernte, welcher Kartenstapel ihm verlässlich höhere Gewinne bescherte. So oft er auch spielte, er machte immer wieder die gleichen Fehler - und verlor.

Eigentlich gäbe es nur eine Konsequenz

Patienten wie E.V.R. könnten zwar durchaus "Handlungsmöglichkeiten und Zukunftszenarien entwerfen", heißt es in der Studie von Bechara und Kollegen. "Ihr Defizit scheint darin zu liegen, sich auch diesem Wissen entsprechend zu verhalten."

Es gibt zum Glück einen fundamentalen Unterschied zwischen Hirnschäden und politischen Entscheidungen: Die ersteren sind in der Regel irreversibel. Die zweiteren kann man häufig noch korrigieren.

Wären die Briten und ihre Volksvertreter in der Lage, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, gäbe es nur eine Konsequenz: ein zweites Referendum. Diesmal ohne Lügen.