Brexit-Folgen Wenn sich Forscher Oxford nicht mehr leisten können

Großbritannien wird bald die EU verlassen. Für viele Forscher könnte die Insel dann zu teuer werden, warnt die renommierte Royal Society. "Der wissenschaftliche Austausch ist in Gefahr."
Studenten an der Oxford University

Studenten an der Oxford University

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Die Deutsch-Britin Ulrike Tillmann ist Vize-Präsidentin der renommiertesten Wissenschaftlerorganisation Großbritanniens, der Royal Society. Sie lebt seit 1990 auf der Insel und lehrt als Mathematik-Professorin an der Oxford University.royalsociety.org: The Royal Society 

SPIEGEL ONLINE: Großbritannien verlässt die EU voraussichtlich im März 2019. Weil die Verhandlungen nicht vorankommen, droht ein harter Brexit. Was bedeutet das für die Wissenschaft?

Ulrike Tillmann: Viele Mitglieder der Royal Society machen sich große Sorgen. Es drohen harte Einschnitte für den Wissenschaftsbetrieb, wenn die Regierung es nicht vorher schafft, wichtige Dinge vertraglich oder gesetzlich zu regeln.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Tillmann: Es geht um die freie Wahl des Arbeitsortes. Die ist sehr wichtig für Universitäten und Institute - natürlich auch in Großbritannien. Doch wenn ab März 2019 alle Forscher aus EU-Ländern ein Visum brauchen, um hier zu arbeiten, könnten deutlich weniger kommen. Wir kämpfen für eine Wissenschaft ohne Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Visumspflicht denn so schlimm? Die gibt es ja auch in anderen Ländern - und auch dort gehen Forscher hin.

Tillmann: Eine Visumspflicht wirkt abschreckend. Zudem könnte es sehr teuer werden. Wir haben ausgerechnet, dass ein ausländischer Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin mit Partner und zwei Kindern bei fünf Jahren Aufenthalt zwischen 5000 und fast 10.000 Pfund Visumsgebühren und andere Kosten tragen muss. Und zwar gleich zu Beginn. Wir haben schon von Forschern gehört, die sich das kaum leisten können. Deshalb wünschen wir uns möglichst visafreie Aufenthalte für Wissenschaftler, insbesondere aus EU-Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Situation bei Studenten und Doktoranden aus?

Tillmann: Auch da könnte die Attraktivität britischer Universitäten deutlich sinken. Bislang zahlen Studenten aus EU-Ländern genauso hohe Studiengebühren wie Briten. Das sind für Bachelor-Studenten etwa 9000 Pfund pro Jahr. Für Studenten aus Nicht-EU-Ländern sind die Gebühren hingegen doppelt bis viermal so hoch. Nach einem harten Brexit, ohne ein Sonderabkommen, müssen EU-Bürger wahrscheinlich auch diese hohen Sätze zahlen, weil sie als ganz normale Ausländer gelten.

Bei Doktoranden könnte es zu einem Finanzierungsengpass kommen, damit ist der wissenschaftliche Austausch in Gefahr. Um nur ein Beispiel zu nennen: Fünf meiner sieben aktuellen Doktoranden und Doktorandinnen kommen vom europäischen Festland, darunter auch zwei Deutsche. Die zwei, die jetzt abschließen, treten im Herbst Stellen in Kopenhagen und Leipzig an.

SPIEGEL ONLINE: Die EU finanziert über den European Research Council Forschungsprojekte europaweit - auch in Großbritannien. Was passiert damit?

Tillmann: Wir hoffen, dass Großbritannien weiterhin an allen ERC-Programmen teilnehmen kann. Es gibt immerhin ein grundsätzliches Bekenntnis von Theresa May, das zu unterstützen. Großbritannien müsste dann natürlich weiter Geld in den ERC einzahlen - das ist allen Beteiligten klar.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits bekäme Großbritannien vom ERC auch weiter Forschungsgelder ausgezahlt.

Tillmann: Ja, aber wahrscheinlich nicht ganz so viel, wie wir einzahlen. Doch wir profitieren nicht nur von den ausgezahlten Forschungsgeldern, sondern auch von der ständig stattfindenden Begutachtung der Forschungsprojekte durch den ERC. Diese ist wichtig für die Qualität der Forschung. Und natürlich profitieren auch EU-Forschungsprojekte von der kritischen Begutachtung durch Wissenschaftler aus Großbritannien. Wir hoffen, dass das so bleibt.

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