Brexit ohne Abkommen Spitzenforscher warnen vor Verlust von Milliardenförderung

Großbritannien gilt als einer der renommiertesten Wissenschaftsstandorte weltweit. Ein Brexit ohne Abkommen, fürchten Experten, könnte die Forschung im Land in wichtigen Bereichen lahmlegen.

Boris Johnson (rechts) zu Besuch beim Institut für Wissenschaft und Technik der Waseda Universität in Tokio
Eugene Hoshiko/ DPA

Boris Johnson (rechts) zu Besuch beim Institut für Wissenschaft und Technik der Waseda Universität in Tokio


Der britische Premierminister Boris Johnson möchte sein Land bis zum 31. Oktober aus der EU führen. Doch noch gibt es kein Abkommen, das den Brexit regeln würde.

Wirtschaftsexperten warnen seit Monaten, dass es bei einem No-Deal-Brexit zu erheblichen wirtschaftliche Einbußen kommen könnte. Nun melden sich auch mehrere renommierte Wissenschaftler kritisch zu Wort.

Die Nobelpreisträger Paul Nurse und Andre Geim, die beide in Großbritannien forschen, werfen Johnson laut "Guardian" vor, den weltweit guten Ruf des Landes als Wissenschaftsstandort zu zerstören. Großbritannien könnte im Fall eines EU-Auftritts ohne Abkommen aus Milliarden Euro schweren Forschungsprojekten ausgeschlossen werden und in der Folge an wissenschaftlichem Renommee verlieren.

"Wir werden gute Leute verlieren"

Der Premier benehme sich "wie ein Clown", sagte Biochemiker Nurse. Er bekam 2001 den Medizin-Nobelpreis und leitet mit dem Crick Institute in London die größte europäische Forschungseinrichtung im Bereich der Biomedizin. "Unsere Reputation sinkt."

Nurse befürchtet, dass es mit einem No-Deal-Brexit schwieriger werden wird, gute Wissenschaftler nach Großbritannien zu holen. "Die Wissenschaft ist eine extrem internationale Aktivität", so der Forscher. Der Brexit sei genau das Gegenteil. "Damit lockt man die schlausten Köpfe der Welt nicht an. Wir werden gute Leute verlieren und Schwierigkeiten haben, neue zu finden."

Der Physik-Nobelpreisträger Andre Geim von der University of Manchester warnt, dass sich einmal gekündigte Kooperationen zwischen großen Forschungsinstituten nicht kurzfristig wieder reaktivieren ließen. "Ein Brexit ohne Abkommen wäre für die Wissenschaft wie eine Dürre für Obstbäume. Sie können keine Ernte erwarten, wenn Sie die Pflanzen im nächsten Jahr wieder gießen. Die Bäume sind dann tot."

Die Regierung in Großbritannien hatte versichert, sich nach dem Brexit weiter am EU-Förderprojekt "Horizont Europa" beteiligen zu wollen. Es umfasst 100 Milliarden Euro, die an verschiedene Forschungsprojekte vergeben werden, und soll im Jahr 2021 starten. Bei der EU ist man allerdings skeptisch, dass Großbritannien bei einem Austritt ohne Abkommen teilhaben könnte.

Der ehemalige EU-Generalsekretär für Forschung und Innovation, Robert-Jan Smits, glaubt nicht daran. Im Falle eines No-Deal-Brexits gebe es keine Chance mehr, darüber zu verhandeln, sagte er. Die EU sei dann wohl nicht mehr zu Gesprächen zu dem Thema bereit. Smits wurde 2018 von der Fachzeitschrift "Nature" in die Liste der für die Wissenschaft einflussreichsten zehn Personen des Jahres gewählt.

"Gravierende Folgen für die Wissenschaft"

In der "Zeit" äußerte sich auch der Chef der britischen Royal Society, Venkatraman Ramakrishnan, kritisch zu einem möglichen EU-Austritt Großbritanniens ohne Abkommen. Er hoffe, dass es noch eine Einigung mit der EU geben werde, sagt er. Andernfalls könne das gravierende Folgen für die Wissenschaft haben. Er nennt das Vorgängerprojekt von "Horizont Europa", "Horizont 2020", als Beispiel.

Aus dessen Mitteln würden aktuell zahlreiche Stellen in Großbritannien finanziert. Sie könnten im Fall eines ungeregelten Brexits plötzlich wegfallen. Das würde beispielsweise auch den Bereich von klinischen Versuchen und die Entwicklung neuer Medikamente betreffen. Laut Ramakrishnan würde in dem Bereich eine Finanzierungslücke von einer halben Milliarde Euro pro Jahr entstehen, falls Großbritannien "Horizont 2020" vorzeitig verlässt. Die Regierung habe bislang nicht zugesagt, die Lücke im Fall der Fälle auszugleichen.

Insgesamt blickt Ramakrishnan jedoch nicht ganz so kritisch in die Zukunft wie seine Kollegen. Er ist überzeugt, dass Großbritannien zumindest langfristig als große Wissenschaftsnation erhalten bleiben wird. "In vielen europäischen Forschungsprojekten spielen britische Wissenschaftler eine führende Rolle", sagte er. "Würden alle Verbindungen gekappt, verlöre die EU diesen Antrieb zur Exzellenz."

jme

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Seite 1
123rumpel123 11.10.2019
1. könnte aber vielleicht auch nicht
Wird eher das Gegenteil passieren. Eine Forschung , die ohne Behinderung von EU-Vorschriften agieren kann, wird definitiv eher Mittel anziehen. Zumal die Aussagen im Konjunktiv, wie immer, gemacht wurden.
Sendungsverfolger 11.10.2019
2. Warnung
Wir warnen hier, wir warnen da, wir warnen tralla-lalla-la .... tusch. Könnte man mal bitte aufhören, jede "Warnung" von Experten, Spezialisten, Gesellschaften, Vertretern, Insidern und was WTF noch so rumläuft, als weisheitsbringende News zu verkaufen (wobei jede Warnung bezüglich des Brexit ja richtig, aber meistens nicht neu ist)? Gilt auch für "Warnungen" bezüglich des Wirtschaftswachstums, der Umweltschädigung, des Klimas, des gesellschaftlichen Wandels und der Mundhygiene. Und danach sollte man gleich die "Forderungen" von Politikern eliminieren. Denn von wem können diese denn etwas fordern, wenn nicht von sich selbst, entsprechende Gesetze zu installieren, die sie selbst beschließen können? Hö? Ich "fordere" z.B. weniger "Forderungen" und "Warnungen" in den täglichen Nachrichten. Aber ich bin ja kein journalistischer Politiker.
Sendungsverfolger 11.10.2019
3. Welche denn?
Zitat von 123rumpel123Wird eher das Gegenteil passieren. Eine Forschung , die ohne Behinderung von EU-Vorschriften agieren kann, wird definitiv eher Mittel anziehen. Zumal die Aussagen im Konjunktiv, wie immer, gemacht wurden.
Oooch Rumpelchen, WELCHE EU-Vorschriften behindern die Forschung? Also jetzt echte, nicht von Ihnen ausgedachte ... ;-)
_Mitspieler 11.10.2019
4. Umkehrschluss
Dann werden diese Forschungsgelder eben in EU-27 investiert. Das gibt in der Folge dort nen echten Kick. In Paris, Berlin, München usw.. Es werden nicht nur Forschungsgelder verschoben werden, sondern auch Lehrstühle und Studenten und mit ihnen entstehen auch in den EU-27- Hochschulverwaltungen und im weiteren Umfeld neue Arbeitsplätze. Das wirkt in der EU-27 wie ein Investitionsprogramm. Englisch kann doch hier im universitären Bereich eh jeder. Sprachbarrieren bestehen also nicht. Wir hier können Englisch. Aber können die Engländer auch Deutsch, Französisch, Niederländisch? Eher nicht.
zynischereuropäer 11.10.2019
5. @123rumpel
Hätten Sie auch ein konkretes Beispiel für solch eine forschungsbehindernde Vorschrift oder ist das nur wieder die übliche heiße Luft der Brexiteers? Zumal Forschung in der EU und GB ja aktuell trotz der angeblich bösen Vorschriften auch ganz gut funktioniert, wie man den Artikel und den Forschern entnehmen kann. Klar gibt es auch Vorschriften, die mMn Forschung behindern, wie zB in der Gentechnik, aber das ist u.a. eine gesellschaftliche Diskussion. Zu erwarten, dass das nach dem Brexit alles auf dem Scheiterhaufen landet ist naiv, die Einstellungen ähneln sich da ja doch. Siehe Einstellung der Briten zu amerikanischen Genfood, mit dem sie demnächst beglückt werden dürften. Und dabei lässt man ganz außer acht, dass insbesondere ausländische Forscher bestimmt sehr erpicht drauf sind in ein zutiefst gespaltenes und in Teilen ziemlich ausländerfeindliches Land zu ziehen. Die Kunst und Musikszene hat ja bereits darauf hingewiesen, dass Künstler teilweise heute schon einen Bogen um GB machen. Und da geht es nur um Konzerte, nicht die Verlagerung des Lebensmittelpunktes. Auf die Kapriolen des Home Office gehe ich gar nicht ein, die sprechen für sich - für interessierte: Fall der amerikanischen Forscherin, die trotz Stelle ausgewiesen werden soll und des indischstämmigen britischen Arztes, der seine Mutter parallel pflegt und die nun ausgewiesen werden soll, obwohl sie dem Land nicht zur Last fällt. Aber ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung mit konkretem Beispiel :) Seriöse Quelle nicht vergessen!
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