Brustkrebs Die Gefahr, mit der Mann nicht rechnet

Beim Thema Brustkrebs ist meist nur von Frauen die Rede. Doch die Erkrankung kann auch Männer treffen - und jedes Jahr werden es mehr.


 Männer: Brustkrebs kann auch sie treffen
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Männer: Brustkrebs kann auch sie treffen

Es fing an mit einer kleinen, aber wesentlichen Veränderung an der Brust. In der Sauna entdeckte Eckhard Retlow, dass eine seiner Brustwarzen plötzlich eingezogen war. Doch erst als er Wochen später bei sich einen walnussgroßen Knoten im Gewebe ertastete, suchte er einen Arzt auf - die überraschende Diagnose: Brustkrebs. "Hätte ich damals schon gewusst, dass auch Männer diese Krankheit bekommen können, hätte ich die Zeichen schon viel früher erkannt", sagt der 64-Jährige. "Ich hätte den Tumor auch finden können, als er noch so groß wie eine Haselnuss war. Dadurch hätte die Bildung von Metastasen wahrscheinlich vermieden werden können."

Dem Firmenchef wurden operativ Brustwarze und Brustdrüsengewebe entfernt, es folgten Bestrahlungs-, Chemo- und Hormontherapien. Doch der Krebs kam immer wieder zurück. "Metastasen hatten sich an mehreren Stellen im Körper gebildet, und die Lymphknoten waren befallen", sagt Retlow, der sich inzwischen aufgrund der Krankheit aus dem Berufsleben zurückgezogen hat.

"Ich hätte die Zeichen viel früher erkannt"

Bereits mehrfach prophezeiten ihm Ärzte, er hätte nur noch wenige Wochen zu leben. Die Voraussagen erwiesen sich immer als falsch. Doch von Normalität ist in seinem Leben keine Rede mehr. Starke Kopfschmerzen, Inkontinenz, Gefühllosigkeit und Schwäche bestimmen heute seinen Alltag. Retlow hat sich zum Ziel gesetzt, andere Männer auf die unterschätzte Gefahr hinzuweisen. Denn heute weiß er: "Wenn der Krebs rechtzeitig erkannt worden wäre, müsste ich jetzt wohl nicht mit all den Folgeerscheinungen leben."

Die Unwissenheit bei Männern bestätigen auch die Experten. "Männer haben das Problem, dass ein Mammakarzinom eher spät entdeckt wird, denn es rechnet kaum jemand damit - obwohl die Brust des Mannes sehr gut abtastbar ist", sagt Professorin Rita Schmutzler, Leiterin des Zentrums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Universitäts-Frauenklinik Köln. Sie rät bei ersten Anzeichen wie Schwellungen, Verdichtungen, Rötungen oder der Bildung von Sekret aus der Brustwarze sofort zur Vorsicht. Besonders, wenn die Veränderungen nur einseitig auftreten, kann dies ein Hinweis auf ein bösartiges Geschehen sein. "Gutartige Brustveränderungen, bedingt durch Hormon- oder Stoffwechsel-Störungen treten in der Regel gleichzeitig auf beiden Seiten auf.

Männerbrust: Unwissenheit kann gefährlich werden
Achim Achilles

Männerbrust: Unwissenheit kann gefährlich werden

Im Vergleich zu den registrierten Fällen bei Frauen ist die Krankheit bei Männern immer noch eine Rarität. "Unter den letzten 3000 Brustkrebs-Patienten, die wir in unserer Klinik behandelt haben, waren 12 Männer", sagt Professor Walter Jonat, Direktor der Universitäts-Frauenklinik in Kiel. Doch dass der Brustkrebs bei Männern zunimmt, belegt die Zahl der Todesfälle: Während 1991 in Deutschland laut Statistischem Bundesamt noch 120 Männer dem Mammakarzinom zum Opfer fielen, stiegt die Zahl innerhalb von zehn Jahren nahezu kontinuierlich auf 230 Tote im Jahr 2002. Im Vergleich dazu waren die Todesfälle durch Brustkrebs bei Frauen im gleichen Zeitraum leicht rückläufig.

Eine ähnliche Zunahme bei Männern wird den Experten zufolge aber in den meisten Industrie-Ländern registriert. "Zu den Ursachen gehört vermutlich der veränderte Lebensstil. Mehr Alkohol sowie Essen, das zunehmend das weibliche Hormon Östrogen enthält, begünstigen den Krebs", erläutert Jonat. Ansonsten gibt es aber keine gesicherten wissenschaftlichen Ansätze für die Zunahme.

Essen enthält zunehmend Östrogen

Wird Brustkrebs entdeckt, erfolgt die Behandlung bei Männern genauso wie bei Frauen. "Allerdings belastet die Therapie Männer meistens besonders, denn bei ihnen kann man die Brust kaum schonen, und die Brustwarze wird meist komplett entfernt", sagt Rita Schmutzler. Eine regelmäßige Kontrolluntersuchung wie bei Frauen halten die Ärzte bei Männern jedoch nicht für sinnvoll, dafür sind die Fälle zu selten. "Jede Veränderung der Brustwarze, der Brust oder ihrer Haut sollte aber selbstverständlich vom Arzt geklärt werden", rät Jonat.

Außerdem empfehlen die Wissenschaftler jedem, den eigenen Stammbaum genau zu betrachten. "Es macht Sinn zu gucken, ob es in der Familie Fälle von Brustkrebs gegeben hat. Eines der zwei bekannten Risikogene für Brustkrebs führt nämlich auch bei Männern in etwa fünf Prozent der Fälle zu Brustkrebs. Der Hausarzt hilft dann dabei, das individuelle Risiko zu ermitteln und die betroffenen Männer bei Bedarf an ein spezialisiertes Zentrum für erblichen Brustkrebs zu überweisen", sagt Rita Schmutzler.

Bei Eckhard Retlow hat es diese Risiko-Faktoren in der Familie nicht gegeben. Er empfiehlt deshalb mehr Sensibilität im Umgang mit dem Körper. "Männer sollten ihren Brustbereich regelmäßig beobachten oder von ihren Frauen liebevoll abtasten lassen. Und wenn sie dort etwas spüren, dürfen sich auch Männer nicht scheuen, in die Frauenklinik zu gehen. Denn dort ist das Fachwissen am größten."

Kai Gerullis, ddp



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