Christian Stöcker

Bürgergeld, Einwanderung, Klima Die Politik des Herabschauens führt in den Abgrund

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Menschen finden es belohnend, auf andere herabzublicken, man sieht das sogar im Gehirn. Ressentiment statt Argument ist deshalb politisch erfolgreich – aber ungeeignet. Und leider gerade wieder populär.
Foto: francescoch / iStockphoto / Getty Images

»Eine traditionsreiche Literatur in der Sozialpsychologie sagt uns, dass Menschen nie damit aufhören, sich zu vergleichen«, heißt es in einem 2014 in »Neuropsychologica«  erschienenen Überblicksartikel. Der erste, der eine »Theorie sozialer Vergleichsprozesse«  formulierte, war vor etwa 70 Jahren der Psychologe Leon Festinger, dem die Welt übrigens auch die Idee der kognitiven Dissonanz verdankt.

Ganz kurz gefasst geht die Logik all der vielen Theorien und Studien zum gleichen Thema so: Wenn wir nach unten schauen können, fühlen wir uns besser. Wenn wir nach oben schauen müssen, ist das oft unangenehm.

Das stimmt nicht immer und unter allen Bedingungen – selbstbewusste Menschen kommen beispielsweise wesentlich besser damit klar , wenn jemand etwas besser kann als sie. Das betrachten sie eher als Ansporn. Weniger selbstbewusste Menschen aber blicken mit Neid nach oben – und mit Genugtuung nach unten.

Sozialer Vergleich ist nicht nur ein theoretisches Konstrukt. Eine Vielzahl neurowissenschaftlicher Studien hat gezeigt: Soziale Vergleiche haben messbare Korrelate im menschlichen Gehirn. Aufwärtsgerichteter sozialer Vergleich wird in seiner im Volksmund oft Neid genannten Ausprägung mit »sozialem Schmerz« gleichgesetzt. Und er aktiviert auch ähnliche Regionen im Kortex wie physische Schmerzen.

Eine der billigsten Methoden für gute Gefühle

Widerfährt einer beneideten Person dagegen ein Unglück, erzeugt das beim neidischen Beobachter oft Wohlbefinden – und Aktivierungen in entsprechenden Teilen des Gehirns. In englischsprachigen Veröffentlichungen wird das deutsche Wort Schadenfreude in diesem Zusammenhang tatsächlich als eine Art Fachbegriff verwendet: »Diese Art des Vergleichs erhöht positive Emotionen wie Erleichterung oder Schadenfreude und reduziert Ängstlichkeit«, heißt es etwa in einem neuropsychologischen Überblicksartikel  von 2017.

Positive Emotionen löst aber oft ebenso der Blick nach unten aus. Hirnregionen wie das ventrale Striatum, die auch auf Belohnungen wie Geld oder schmackhafte Nahrung reagieren, werden in Studien verlässlich dann aktiviert, wenn eine Testperson zum Beispiel mehr Geld gewinnt oder weniger verliert als eine echte oder fiktive Vergleichsperson.

Ähnliche Ergebnisse bekommt man, wenn man den Gehirnen von Sportfans zusieht , die sich Siege oder Niederlagen ihrer eigenen oder einer als Rivalen wahrgenommenen Mannschaft ansehen.

Ganz generell kann man sagen: Eine der billigsten Methoden, jemandem ein gutes Gefühl zu geben, ist, ihn über jemand anderen zu erheben. Oder alltagssprachlich: Es kann sich lohnen, an die niedersten Instinkte zu appellieren.

So funktioniert Populismus

Natürlich ist genau das eine bevorzugte Methode populistischer Politik: Man zeigt mit dem Finger abwärts auf jemanden, der definitiv nicht zur eigenen Wählerschaft gehört, und versucht damit, dieser Wählerschaft positive Gefühle zu verschaffen. Sei es Schadenfreude oder Hochmut.

Gute Politik entsteht mithilfe dieser Methode nie, denn sie ersetzt ja politischen Gestaltungswillen durch Ressentiment. Wer sie einsetzt, macht in Wahrheit deutlich, dass er nichts bewegen will außer Wählerstimmen. Indem man die eigene Zielgruppe in die Lage versetzt, nach unten zu blicken, lenkt man davon ab, dass man ihr eigentlich gar nichts anzubieten hat.

Hierzulande kann man diese Methode im Moment ständig im politischen Alltag beobachten – eine für die Qualität des politischen Diskurses sehr bedauerliche Entwicklung. Und damit meine ich nicht die Partei, deren einziger programmatischer Kern das Ressentiment ist, die AfD. Sondern die Unionsparteien.

Bürgergeld, Einwanderung, Klima: überall das Gleiche

Lassen Sie einmal die politischen Debatten der vergangenen Wochen Revue passieren. Worüber wird gesprochen oder genauer: über wen?

Beim sogenannten Bürgergeld ließ es sich die Union nicht nehmen, einmal mehr das Klischee von den angeblich faulen Arbeitslosen zu bemühen. Natürlich wird das immer anders formuliert, es geht immer um »Anreize, in den Arbeitsmarkt zurückzukehren«. Die stetig wiederholte, aber an den Haaren herbeigezogene Behauptung, das ursprünglich geplante Bürgergeld werde Arbeitslose besserstellen als Geringverdiener, ist so typisch wie perfide: eine Instrumentalisierung des abwärtsgerichteten sozialen Vergleichs.

Friedrich Merz und seine Partei haben versucht, diejenigen, die wenig haben, aufzuhetzen gegen die, die noch weniger haben. Merz behauptete, es gehe um die Frage, ob »derjenige, der in unserem Land arbeitet, mehr verdienen soll als derjenige, der nicht arbeitet und Transferleistungen erhält«. Um diese (falsche) Behauptung aufrechtzuerhalten, wurden Tatsachen verdreht oder weggelassen . Die Union übernahm zu diesem Zweck sogar verzerrte Zahlen von der AfD und der Rechtspostille »Junge Freiheit«.

Aber es ging ja auch nicht um Fakten, es ging um das Ressentiment als Ersatz für Argumente.

Wie lange sind wir noch attraktiv?

Beim Thema Zuwanderung zeigt sich das gleiche Bild. Es ist völlig unstrittig, dass Deutschland dringend Zuwanderung braucht, wir haben zu wenige Fachkräfte, und die Gesellschaft überaltert. Abermals fand Friedrich Merz eine Methode, dieses Thema in eine Fingerübung zum abwärtsgerichteten sozialen Vergleich zu machen, und warnte vor einer angeblich drohenden »Einwanderung in die Sozialsysteme« – ein rechter, längst widerlegter Klassiker: Diese ganzen Ausländer wollen doch nur hierherkommen, um uns auf der Tasche zu liegen.

Tatsächlich liegen die Dinge völlig anders: Es ist eine offene Frage, ob Deutschland noch lange wettbewerbsfähig sein  wird im Hinblick auf die qualifizierten Zuwanderer, die wir so dringend brauchen. Aber es geht Merz eben auch hier nicht um Fakten, sondern ums Ressentiment. Um abwärtsgerichteten sozialen Vergleich, hier mit fiktiven bedürftigen Ausländern, die unbedingt nach Deutschland wollen, um dann Sozialleistungen zu beziehen.

Tatsächlich ist das so kontraproduktiv, dass auch 20 Unionsabgeordnete sich bei der Abstimmung über das neue Einbürgerungsrecht enthielten – sie wissen vermutlich, dass wir Zuwanderung und Einbürgerungen dringend brauchen.

Nichts Sinnvolles beizutragen, aber viel Aggression

Auch beim wichtigsten Thema der Gegenwart und Zukunft, der Klimakrise, setzt die Merz- und Söder-Union aktuell fast ausschließlich aufs Ressentiment: Da gibt es diese Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die ihre Jobs aufgeben und ihre Freiheit riskieren, indem sie sich auf Fahrbahnen festkleben. Nun wird – absolut grotesk angesichts der Tatsache, dass diese Leute eben dezidiert friedlich protestieren – von einer angeblich drohenden »Klima-RAF« schwadroniert, sogar nach vorbeugender Haft gerufen, ein Sonderstrafrecht für Klimademonstranten gefordert.

Das ist so typisch wie durchsichtig: Zum eigentlichen Problem hat die Union nichts Sinnvolles beizutragen – Deutschland kann seine Klimaziele nicht einhalten, und das ist maßgeblich das Erbe von 16 Jahren mit unionsgeführten Bundesregierungen. Also stilisiert man lieber die motiviertesten Mahner, die inhaltlich völlig recht haben, zur großen Gefahr.

Im letzteren Fall kann die Union – scheinbar – davon ausgehen, dass die Mehrheit der Bevölkerung zumindest eine ähnliche Grundhaltung hat: Dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend zufolge  halten es nur 14 Prozent der Befragten für gerechtfertigt, den Verkehr zeitweise zu blockieren, um »einen Standpunkt beim Umwelt- und Klimaschutz zur Geltung zu bringen«. Populistisch auf Klimademonstranten einzuschlagen, sieht also aus wie eine sichere Sache. Aber nur auf den ersten Blick.

Am Ende wird es finster

Das relevantere Faktum aus der gleichen Umfrage ist nämlich dieses: Unabhängig von der Altersgruppe finden mehr als drei Viertel der Deutschen, dass der »Handlungsbedarf beim Klimaschutz« groß oder sehr groß ist. Bei den über 65-Jährigen sind es sogar 85 Prozent, bei den Menschen zwischen 50 und 64 Jahren 82 Prozent.

Mit anderen Worten: Die Kernzielgruppe der Union scheint auch bei diesem Thema deutlich weiter zu sein als die Parteien von Friedrich Merz und Markus Söder.

Wohin eine Politik hinführt, die faktenbasierte Zielstrebigkeit durch entlastendes Ressentiment, durch abwärtsgerichtete soziale Vergleiche als Quell des Wähler-Wohlbefindens ersetzt, kann man seit Jahren in den USA besichtigen. Am Ende sitzt dann ein Ex-Präsident mit Holocaust-Leugnern beim Abendessen, die finden, das »Hitler auch seine guten Seiten« hatte. Über den Zusammenhang zwischen Antisemitismus, dem Holocaust und sozialer Abwertung als Mittel der Politik muss hier wohl nichts mehr gesagt werden.

In zivilisierten Gesellschaften hat das Ressentiment als Argumentersatz nichts verloren.

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