Büro-Psychologie Kreativ dank Wohlfühl-Atmosphäre

Gute Ideen auf Knopfdruck? Verordnete Konferenzen hemmen die Kreativität, meint der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Er hält mehr von spontanen Gesprächen zwischen Tür und Angel - und plädiert für Arbeitsplätze, an denen sich die Menschen wohlfühlen.

Von Ruth Hoffmann


Frage: Herr Professor Pöppel, warum kann man in einem Bürohochhaus nicht kreativ sein?

Büro der Zukunft auf Messe Orgatec: Am Arbeitsplatz heimisch fühlen
DDP

Büro der Zukunft auf Messe Orgatec: Am Arbeitsplatz heimisch fühlen

Ernst Pöppel: Man kann schon. Es ist nur schwieriger. Übereinandergetürmte Räume isolieren die Menschen voneinander. Wenn jeder in seinem stillen Kämmerlein vor sich hin brütet, geht kreative Energie verloren.

Frage: Wie sollte es denn sein?

Pöppel: Kreativität findet in einem Radius von 50 Metern statt. Größere Entfernungen bremsen den Prozess, und schon ein einziges Stockwerk kann ausreichen, um ihn ganz zu verhindern.

Frage: Aber man kann sich doch verabreden und treffen.

Pöppel: Ja klar, die berühmten Meetings … Da heißt es dann: Elf Uhr im großen Konferenzraum, und jetzt lasst euch bitte alle mal was Originelles einfallen. So funktioniert das nicht.

Frage: Wie dann?

Pöppel: Ungeplanter, zufälliger. Kreativität passiert einfach, man kann sie nicht verordnen. Wie viele gute Gespräche finden zum Beispiel im Türrahmen statt! Man will gerade wieder gehen, da fällt einem noch was ein. Und schon ist man mittendrin im kreativen Prozess.

Frage: Ein Großraumbüro wäre also ideal.

Pöppel: Wenn jeder dort seinen Platz hat, an dem er sich wohlfühlt, in Ruhe arbeiten und sich mit anderen austauschen kann: ja. Meistens herrscht dort aber große Unruhe, die es schwer macht, sich heimisch zu fühlen. Am schlimmsten ist es, wenn man jeden Tag seinen Platz wechseln muss.

Frage: Warum ist es wichtig, sich auch am Arbeitsplatz heimisch zu fühlen?

Pöppel: Weil wir ein gewisses Maß an Sicherheit brauchen, um uns zu entfalten. Auch der Ort, an dem wir arbeiten, muss darum etwas mit uns zu tun haben. Wir müssen ihn als unseren persönlichen Raum empfinden. Durch Bilder zum Beispiel oder Gegenstände, die uns etwas bedeuten. Sehr wichtig sind auch Fenster, weil sie einen Bezug zur Außenwelt herstellen. Außerdem erhöht jeder Blick nach draußen die Vielfalt, aus der man schöpfen kann

Frage: Wie wirkt sich Zeitdruck auf die Kreativität aus?

Pöppel: Überwiegend negativ. Viele meinen, sie hätten unter Stress besonders gute Ideen. Studien zeigen aber meist das Gegenteil. Druck und Hetze scheinen das Gehirn in einen Angstzustand zu versetzen, der das freie Denken bremst oder sogar blockiert. Es muss aber jeder selbst herausfinden, was ihn inspiriert. Für den einen ist es Zeitdruck, für Schiller war’s ein faulender Apfel – es gibt eben kein Patentrezept.

Das Interview führte Ruth Hoffmann



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