Sensationsfund in Bulgarien Älteste europäische Überreste des modernen Menschen entdeckt

Sind die Neandertaler wirklich kurz nach der Ankunft des modernen Menschen ausgestorben? Eine Studie zeigt: Beide Arten lebten Tausende Jahre zusammen - und beeinflussten sich offenbar kulturell.
Höhle voller Knochen: Mehr als 10.000 Knochensplitter fanden Archäologen in der Höhle Bacho Kiro

Höhle voller Knochen: Mehr als 10.000 Knochensplitter fanden Archäologen in der Höhle Bacho Kiro

Foto: Tsenka Tsanova/ MPI-EVA Leipzig/ DPA

Der moderne Mensch hat Europa deutlich früher erreicht als bisher bekannt: In Bulgarien haben Forscher Fossilien des Homo sapiens entdeckt, die mindestens 45.000 Jahre alt sind. Die Funde - neben den menschlichen Überresten auch Tierknochen, Werkzeuge und Schmuck - belegen, dass Menschen und Neandertaler in Europa mehrere Jahrtausende lang zusammenlebten.

Und nicht nur das: Die Neuankömmlinge beeinflussten offenbar die Kultur der Neandertaler, berichten Forscher um Jean-Jacques Hublin und Helen Fewlass vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in den Fachblättern "Nature"  und "Nature Ecology & Evolution" .

Die bislang ältesten direkten Belege des modernen Menschen in Europa stammen aus den rumänischen Höhlen Pestera cu Oase und sind etwa 41.000 Jahre alt - nur etwa tausend Jahre älter als die letzten Neandertaler-Funde. Forscher gingen deshalb davon aus, dass die Neandertaler relativ kurz nach der Ankunft des Homo sapiens ausstarben. Die neuen Funde zeigen jedoch, dass beide Arten über Jahrtausende zusammenlebten.

Schädelknochen eines modernen Menschen aus Griechenland sollen sogar 210.000 Jahre alt sein, doch die Ergebnisse sind umstritten.

Dass Menschen und Neandertaler in Europa und auch Asien Kontakt zueinander hatten und gemeinsam Kinder zeugten, ist schon länger bekannt. Analysen an Überresten eines modernen Menschen aus der rumänischen Höhle Pestera cu Oase zeigten, dass einer der Ahnen ein Neandertaler war. Bis heute ist Neandertaler-Erbgut in Menschen nachweisbar, die aus Europa oder Asien kommen. (Welche Spuren der Urmenschen-Sex im menschlichen Erbgut hinterlassen hat, lesen Sie hier.)

Die neuen Funde stammen aus der Höhle Bacho Kiro nahe der Stadt Drjanowo in Zentralbulgarien. Der Fundplatz ist seit Langem bekannt. Bei erneuten Ausgrabungen ab dem Jahr 2015 entdeckte das Team um Hublin weit über 10.000 Zahn - und Knochenfragmente, Werkzeuge aus Stein oder Knochen und Schmuck.

Steinwerkzeuge aus der Karsthöhle Bacho Kiro

Steinwerkzeuge aus der Karsthöhle Bacho Kiro

Foto: Tsenka Tsanova/ MPI-EVA Leipzig/ DPA

Analysen zeigten, dass ein Backenzahn und sechs Knochenfragmente eindeutig vom modernen Menschen stammen. Die Funde müssen etwa 45.000 Jahre alt sein, möglicherweise sogar bis zu 47.000 Jahre. Die Forscher hatten das Alter unter anderem mit der Radiokarbondatierung bestimmt. Analysen von Eiweißen und DNA-Spuren lieferten ein ähnliches Ergebnis.

Die Grundlage der Radiokarbondatierung ist der radioaktive Zerfall des Kohlenstoff-Isotops C-14. Es wird in der Atmosphäre durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Pflanzen, Tiere und auch Menschen. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein neues C-14 mehr auf. Über die Jahre nimmt dann die Menge an C-14 immer mehr ab, und zwar in 5730 Jahren um die Hälfte. Kennt man die Menge an C-14 in einem Fundstück, lassen sich so Rückschlüsse auf sein Alter ziehen.

Für die Werkzeuge nahmen die Menschen weite Strecken auf sich: So hatten die Forscher Feuerstein an dem Fundplatz entdeckt, der dort nicht natürlich vorkommt, sondern aus einer bis zu 180 Kilometer entfernten Region stammt.

"Ausgedehnte Kontaktphase von Neandertalern und Homo sapiens in Osteuropa"

Die Menschen verarbeiteten das Gestein zu spitzen Klingen, die sie für die Jagd und das Zerlegen der Beute nutzen. Die mehr als 12.000 Überreste von Tieren stammen von Wisenten, Rotwild und Höhlenbären. Einige Tierzähne waren absichtlich durchbohrt worden, um sie als Anhänger zu tragen.

Die Formen erinnern an ähnliche Funde aus der Grotte du Renne in Mittelfrankreich, die dem Neandertaler zugeschrieben werden, aber deutlich jünger sind als die aktuellen Funde. Die Forscher vermuten deshalb, der ankommende Homo sapiens könnte die Kultur von Neandertalern in Europa beeinflusst haben.

Die neuen Funde belegten "eine ausgedehnte Kontaktphase von Neandertalern und Homo sapiens in Osteuropa", schreiben die Forscher in "Nature". Diese Kontakte mit dem einwandernden Menschen hätten zu Neuerungen im Verhalten der schwindenden europäischen Neandertaler-Populationen geführt. "Die Bacho-Kiro-Höhle liefert Belege für die erste Ausbreitung von Homo sapiens in den mittleren Breitengraden Eurasiens", sagt Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut. "Erste Pioniere brachten neue Verhaltensweisen nach Europa und interagierten mit lokalen Neandertalern."

koe/dpa