EU-Kommissar Carlos Moedas "Ich verstehe Forscher besser"

In der neuen EU-Kommission spielt das Ressort Forschung nur eine untergeordnete Rolle. Kommissar Carlos Moedas erklärt im Interview, wie er die europäische Wissenschaft dennoch zu radikalen Innovationen führen will.

Träumt von einem einigen europäischen Forschungsraum: Carlos Moedas, der neue Mann für die Forschung in der EU-Kommission
DPA

Träumt von einem einigen europäischen Forschungsraum: Carlos Moedas, der neue Mann für die Forschung in der EU-Kommission


SPIEGEL ONLINE: Herr Moedas, für die Forschung, speziell für die Grundlagenforschung, ist in der neuen EU Kommission offenbar wenig Platz. Präsident Jean-Claude Juncker hat Ihr Ressort komplett der Industrie unterstellt, es taucht zumeist in der untersten Ebene auf. Was können Sie überhaupt bewegen?

Moedas: Ich sehe das ganz anders. Ohne eine industriefreundliche Umgebung hätte es Forschung, speziell die Grundlagenforschung, sehr schwer. Einer der wichtigsten Pläne der neuen Kommission ist zudem der Start eines Investionsprogramms, das gezielt Netzwerke und Infrastrukturen in Europa aufbaut, etwa in Bildung, Energie, Transport - und in der Forschung.

ZUR PERSON
  • AP
    Der Portugise Carlos Moedas, Jahrgang 1970, ist Politiker der liberal-konservativen Partido Social Democrata. Er studierte Ingenieurswesen an der Universität von Lissabon, seinen MBA machte er an der Harvard Buiness School. Als Banker arbeitete er unter anderem bei Goldman Sachs. 2014 wurde er durch den portugiesischen Premierminister Pedro Passos Coelho für ein Amt in der Europäischen Kommission vorgeschlagen. Seit 1. November 2014 ist Moedas Forschungskommissar der EU.

SPIEGEL ONLINE: Hat nicht jede neue Kommission versprochen, dass mit Millionenausgaben bessere Netzwerke entstehen sollen?

Moedas: Ich kann nur für uns sprechen. Und mit unserem Investitionsprogramm ist auch der Abbau von Bürokratie geplant. Das nutzt sicher der Industrie in Europa - aber es ist so angelegt, dass auch Forschung und Bildung davon profitieren. Forschung - und vor allem die Grundlagenforschung - wird nicht zur Seite gedrängt.

SPIEGEL ONLINE: Dabei sind Sie selbst ein Mann der Wirtschaft und kein Wissenschaftler.

Moedas: Na ja, ich habe Maschinenbau studiert und auch als Ingenieur gearbeitet, ich denke doch, dass ich die Forschungs-Community besser verstehe, als viele Politiker. Ich werde nicht ruhen, bis jeder in Europa begreift, dass wir nur durch die Stärkung einer offene Wissenschaft, einer Beteiligung der Bürger in Forschung und Wissenschaft, ein neues Level radikaler Innovationen erreichen werden. Das begründet unseren künftigen Wohlstand.

Ganz unten: Das Ressort Forschung im Organigramm der neuen EU-Kommission
European Commission

Ganz unten: Das Ressort Forschung im Organigramm der neuen EU-Kommission

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun? Das meiste Geld steckt doch bereits im aktuellen Forschungs-Förderprogramm mit dem schönen Titel "Horizon 2020", dessen Aufbau ebenfalls stark durch die Industrie bestimmt wurde...

Modeas: Das Programm ist bereits gestartet, das stimmt. Aber im Bereich Innovation sind wir erst am Anfang. Eine gehörige Portion Vertrauen und Kreativität ist jetzt erforderlich, um den europäischen Forschungsraum auf eine gemeinsame Spur zu bringen, um neue Handlungsoptionen zu entwickeln - zum Beispiel, um praktikable Lösungen für globale Probleme zu finden. Die Richtlinien und die Finanzierung, die wir planen, sollen die Exzellenz der europäischen Wissenschaft und Forschung stärken, das ist mein Ziel. Außerdem sollte die europäische Forschung international sichtbarer werden, sich stärker engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich eher nach einer gut gemeinten Absichtserklärung an. Haben Sie ein Beispiel?

Modeas: Letzten Monat haben wir, zusammen mit der europäischen Pharmaindustrie, ein Forschungsprogramm gestartet: Wir investieren 280 Millionen Euro in die Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen das Ebolavirus. Das kann Leben retten. Das ist so ein Projekt, wie ich es meine - es trägt dazu bei, wissenschaftliche Spitzenleistungen zu ermöglichen und die europäische Industrie zu stärken. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Herausforderungen angegangen. Deshalb ist Wissenschaft so wichtig, sie muss noch viel mehr in den Mittelpunkt rücken - und dafür müssen wir Forschungspolitik in Europa einfacher machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das tun?

Modeas: Zum Beispiel durch die Stärkung der Forschungssysteme in den Ländern. Außerdem muss deren Kooperation ausgebaut, gleichzeitig der Wettbewerb unter den Wissenschaftlern in Europa weiter verbessert werden. Die Stärkung des europäischen Forschungsraums meint auch die Öffnung eines grenzüberschreitenden Arbeitsmarkts für Forscher. Das ist langfristig sinnvoll: Rund 62 Prozent des Produktivitätswachstums in der EU entstehen durch Innovationen. Die Länder, die in der Vergangenheit mehr in Forschung und Innovation investierten, konnten der Wirtschaftskrise am besten widerstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen damit auch Deutschland?

Moedas: Deutschland ist, was Forschungs-Infrastrukturen in Europa anbelangt, führend. Es war der erste EU-Mitgliedstaat, der eine eigene Strategie für die weitere Entwicklung des europäischen Forschungsraums entwickelt hat. Es war auch ein Gewinner des siebten Rahmenforschungsprogramms, dem Vorgänger von "Horizont 2020". 300 Millionen Euro des Gesamtbudgets von 1,8 Milliarden gingen an deutsche Forschungseinrichtungen. Natürlich musste Zeit investiert werden und ein Land muss Prozesse starten, seine eigene Forschung in Richtung Europa zu öffnen, aber Sie sehen: Es lohnt sich.

Forschung in der EU
Die Forschung im System Jean-Claude Juncker
Der Portugiese Carlos Moedas berichtet, so steht es in seinem "Missionletter", stets an das Projektteam unter Vizepräsident Jyrki Katainen - und hier wohl vor allem an Elzbieta Bienkowska, Kommissarin für Industrie und Internationale Märkte. Die Polin gilt als äußerst machtbewusst, Beobachter in Brüssel nennen sie "die eiserne Lady". Juncker selbst schreibt, unter ihrer Leitung solle das Projektteam Wachstum, Industrie und Unternehmertum "die Schaltzentrale der Realwirtschaft werden".
Was macht das Forschungsressort der EU?
Die EU-Kommission ist in Abteilungen – sogenannte Generaldirektionen (GDs) – gegliedert. Die GD für Forschung befasst sich mit der europäischen Forschung - stets mit Blick auf die Erreichung der Ziele der Strategie "Europa 2020". Dazu befördert die GD ihre eigenen Forschungsprogramme und analysiert nationale Forschungspolitik. Durch diese Beurteilung werden Stärken und Schwächen definiert und zu länderspezifischen Empfehlungen formuliert - wenn nötig. Die GD Forschung betreibt die Entwicklung des einheitlichen Europäischen Forschungsraums.
Was ist der Europäische Forschungsraum?
Seit der Mitteilung der EU-Kommission "Hin zu einem Europäischen Forschungsraum" im Januar 2000 stellt die Idee eines gemeinsamen Europäischen Forschungsraums (EFR) einen zentralen Leitgedanken für die Ausrichtung sämtlicher Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen der Europäischen Union dar. Als Ziel des Europäischen Forschungsraums galt damals die Vernetzung zwischen den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission - bis dato gab es weitgehend unkoordinierte Maßnahmen im Bereich der Forschung und Entwicklung auf Programm- und Projektebene. Im Mai 2008 startete der Rat der Europäischen Union dann den Ljubljana-Prozess mit dem Ziel einer verbesserten und stärkeren Gestaltung des EFR durch den Aufbau einer strategischen Partnerschaft zwischen Mitgliedstaaten, assoziierten Staaten und der Europäische Kommission so wie durch die Entwicklung einer langfristigen Vision für den EFR.

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bookwood74 30.12.2014
1.
Was weiss ein Banker schon von Grundlagenforschung ?? Eine Fehlbesetzung. Den Chinesen und Amis wird es freuen.
Untertan 2.0 30.12.2014
2. Juncker
---Zitat--- Präsident Jean-Claude Juncker hat Ihr Ressort komplett der Industrie unterstellt ---Zitatende--- Was ist von Europas größtem Steuerbetrugs-Beihelfer auch schon Anderes zu erwarten?
sfk15021958 30.12.2014
3. Hört sich gut an, aber Vieles ist Show.
Deutschland zahlt 27 % bekommt aber nur 16,6 % als Förderung. Wie kann man so etwas als "Gewinn" benennen. Spitzenförderung in den zurückliegenden Programmen wurde durch die Pflicht, auch zurückgebliebene Forschergruppen aus allen Herrn Ländern der EU einzubinden, konterkarriert, Nur das "Kennenlernen" war unseren Eurokraten wichtig. Geldverschwendung ohne Ende hier wie auch z.B. in der Landwirtschaft.
Einweckglas 30.12.2014
4. 300 Millionen?
"300 Millionen Euro des Gesamtbudgets von 1,8 Milliarden gingen an deutsche Forschungseinrichtungen" und das macht uns nun zu Gewinnern? Deutschland zahlt 19,3 Prozent des gesamten EU-Budgets und bekommt ungefähr die Hälfte zurück. Bei den Forschungsförderungen sind es dann tatsächliche mehr, weil wir dort führend sind? . Was ist denn das für eine Schönrechnerei, die der liebe "Kommisar" dort betreibt? Der Herbst rückt nahe und es gibt hoffentlich genug derzeitige Nichtwähler, die sich endlich aufraffen, um dieses ganze Lügengebäude auf den Kopf zu stellen.
christiewarwel 30.12.2014
5. Schlimmer geht immer
Die Forscher prügeln sich bereits um Stellen und Gelder, aber der Herr möchte noch mehr Wettbewerb, dem neuzeitlichen Allheilmittel für alle Probleme. Befristeter Arbeitsvertrag für ein Jahr, 60 Stunden die Woche, 35 davon bezahlt, 10 SWS Lee/hre dazu; geboten werden marode Infrastruktur, veraltete Geräte und eine Halbtags-TA zum Putzen und Spitzen stecken. Erwartet werden mindestens 2 Publikationen in hochrangigen Journals, Millionen an eingeworbenen Drittmittel und eine Patentanmeldung. Wer möchte gerne? Wie, Sie nicht? Kein Problem. Wir sind offen für alle(s). Grundlagenforschung und Industrie? Widerspruch in sich. Gute Grundlagenforschung ist in D kaum noch förderungsfähig/vorhanden, denn es dauert zu lange, bis daraus Geld wird, dem neuen Allroundmaßstab aller Dinge. Das vernünftigste, das der Mensch für die Forschung tun kann, ist, sein Gehalt der DFG zu spenden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.