Neue Forschung über negative Emissionen Ohne CO2-Abscheidung wird Europa nicht klimaneutral

Jedes Jahr müssten in Europa demnächst Hunderte Millionen Tonnen CO2 abgeschieden und gespeichert werden, um die Klimaziele zu erreichen. Forscher erwarten Konflikte innerhalb der EU.
Windpark in Deutschland: "Ohne CCS ist es so gut wie ausgeschlossen, dauerhaft Treibhausgasneutralität zu erreichen"

Windpark in Deutschland: "Ohne CCS ist es so gut wie ausgeschlossen, dauerhaft Treibhausgasneutralität zu erreichen"

Foto: Bene_A/ Getty Images/

Die EU kann ihr Ziel, 2050 klimaneutral zu werden, nur erreichen, indem sie Hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernt. So lautet das zentrale Ergebnis der Studie "Unkonventioneller Klimaschutz" der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie wird am kommenden Montag erscheinen und liegt dem SPIEGEL vorab vor.

Konventionelle Klimaschutzmaßnahmen zur Emissionsvermeidung wie Erneuerbare Energien oder Energieeffizienz seien alleine nicht genug für Netto-Null, schreiben die Autoren Oliver Geden und Felix Schenuit. Um unvermeidbare Restemissionen aus dem Luftverkehr, der Stahl- und Zementindustrie sowie der Landwirtschaft auszugleichen, müssten auch unkonventionelle Maßnahmen zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre eingesetzt werden - "im Umfang von mehreren Hundert Millionen Tonnen pro Jahr". Zum Vergleich: Deutschland emittierte 2019 gut 800 Millionen Tonnen Treibhausgase.

Aufforstung allein werde für diese enormen Mengen nicht reichen, schlussfolgern die Verfasser. Die Wälder benötigen viel Platz - und wenn sie verrotten oder das Holz verbrannt wird, gelangt das in ihnen gebundene CO2 wieder in die Atmosphäre. Daher müssten auch neuartige Technologien zum Einsatz kommen.

Hierzu zählen die Verfasser unter anderem die Direktabscheidung von CO2 aus der Luft mithilfe neuartiger Kollektoren, wie sie unter anderem das Schweizer Start-up Climeworks entwickelt. Oder die Verstromung von Biomasse mit anschließender Abtrennung und Speicherung des CO2 aus dem Abgas (BECCS). Die genannten Verfahren sind allerdings zum Teil noch nicht technisch ausgereift oder zu teuer.

Es drohen Konflikte zwischen Vorreitern und Nachzüglern in der EU

Zudem sind Verteilungskonflikte zwischen den Mitgliedstaaten vorprogrammiert. Sollte potenziellen Nachzüglern wie etwa dem großen Kohleverstromer Polen zugestanden werden, mit seinen Emissionen 2050 noch über der Null-Linie zu liegen, wären "Vorreiterstaaten wie Deutschland, Frankreich oder Schweden aufgefordert, der Atmosphäre mehr CO2 zu entnehmen als sie noch an Treibhausgasen ausstoßen", schreiben die Autoren. Sie fordern, dass die Vorreiter dafür entlohnt werden.

Dies würde aber höhere Kosten für die Nachzügler bedeuten. Polens Regierung hat in den Verhandlungen auf EU-Ebene zuletzt mehrfach den Standpunkt vertreten, dass ein nationales Netto-Null-Niveau kaum vor 2070 vorstellbar sei.

Viele Mitgliedstaaten haben bislang noch nicht einmal eine Strategie für den systematischen Aufbau von CO2-Entnahmetechnologien entwickelt. Zwar haben einige Regierungen, unter anderem die von Deutschland, Frankreich, Österreich und Schweden, bereits nationale Ziele zur Treibhausgasneutralität verabschiedet. "Doch in keinem der Länder kann bislang von einer nationalen CO2-Entnahmepolitik die Rede sein", sagt Autor Geden im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Nur Frankreich hat bereits angekündigt, zur Erreichung seines Nullemissionsziels eine technologische CO2-Entnahme-Methode einzusetzen. Allerdings hat die Regierung in Paris bisher nicht spezifiziert, wie die entsprechenden Kapazitäten aufgebaut werden könnten und wo das CO2 gespeichert werden soll.

In Deutschland gibt es massive Widerstände gegen CCS, also die Abtrennung und Speicherung des CO2 unter der Erdoberfläche. Hier hat der Bundesrat schon vor Jahren verhindert, die unterirdische Speicherung in größerem Maßstab zu testen. "Ohne CCS", sagt Geden, "ist es so gut wie ausgeschlossen, dauerhaft Treibhausgasneutralität zu erreichen."

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