Christian Stöcker

Skandale in der Union Mogeln ist ansteckend

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Psychologen erforschen unethisches Verhalten in Organisationen schon lange. Vergleicht man die Erkenntnisse mit den jüngsten Skandalen, wird klar: Die Union hat ein systemisches Problem, keine »Einzelfälle«.
Foto: Christian Ohde / imago images

In den späten Achtzigern verpackten Angestellte der US-Firma Miniscribe Ziegelsteine in Kartons, deklarierten die Pakete als Festplatten und verschicken sie an Großhändler. Bis heute ist unklar, ob diese Aktion die Wurzel des Slangwortes »bricked« für defekte Elektronikgeräte ist, fest steht: Die Miniscribe-Mitarbeiter hatten das Gefühl zu tun, was von ihnen verlangt wurde . Das Unternehmen brauchte dringend Geld, die Ziegelpakete brachten Cash in die Kassen.

Man kann das, was damals kurz vor dem endgültigen Bankrott der Firma geschah, auf gar keinen Fall mit dem vergleichen, was derzeit in der Bundestagsfraktion der Union offenbar wird. Erstens ist das Verschicken von Baumaterial anstelle von Mikroelektronik definitiv strafbar. Ob das bei den Nebentätigkeiten der Unionsabgeordneten auch der Fall ist, ist noch unklar. Und zweitens handelten die Miniscribe-Angestellten aus ihrer Sicht im Interesse ihres Arbeitgebers.

Was sich bei der Union aktuell zeigt, ist nicht mit Druck von oben oder unerreichbaren Unternehmenszielen zu erklären: Die Abgeordneten, die Provisionen kassierten , für autokratische Regimes  oder korrupte ausländische Politiker  warben, handelten alle auf eigene Rechnung.

Doch selbst wenn sie es nicht der Partei, sondern sich selbst zuliebe taten, spielt die Partei eine Rolle in diesem Zusammenhang: Weil sie eine interne Kultur prägt. Gruppen innerhalb von Organisationen erzeugen manchmal einen »sozialen Kokon«, heißt es in einem Überblickskapitel  von Arthur Brief und Kristin Smith-Crowe, »eine Mikrokultur, in der die Normen sich deutlich von denen der Gesamtorganisation oder der ganzen Gesellschaft unterscheiden«.

Bei der Union stellt sich mittlerweile die Frage, welche der beiden Varianten zutrifft: Gibt es innerhalb der Partei eine »Mikrokultur«, der diese sehr geschäftstüchtigen, oft jungen Männer angehören (wir werden sehen, wer noch dazukommt ), deren Aktivitäten jetzt nach und nach öffentlich werden? Oder betrifft diese »Kultur« die Partei als Ganzes?

Mikro- oder Makrokultur?

Es gibt mehrere Hinweise, dass in der Union längst das eingetreten ist, was die Sozialpsychologen Blake Ashforth und Anand Vikas in einer Überblicksstudie »Die Normalisierung von Korruption in Organisationen«  genannt haben. Ich habe aus dieser sehr erhellenden Studie in dieser Kolumne schon einmal zitiert, damals im Zusammenhang mit dem Fall Philipp Amthor. In der Studie werden drei Faktoren benannt, die in Organisationen zur Normalisierung korrupten Verhaltens führt, nämlich

  • »Institutionalisierung, wobei eine ursprüngliche korrupte Entscheidung in Strukturen und Prozesse eingebettet und so zur Routine gemacht wird«,

  • »Rationalisierung, wobei sich eigennützige Ideologien entwickeln, um Korruption zu rechtfertigen oder sogar aufzuwerten« (das Volk brauchte nun mal Masken!),

  • »Sozialisierung, wobei naiven Neuzugängen beigebracht wird, Korruption als gestattet, wenn nicht sogar erstrebenswert zu betrachten« (siehe Amthor).

Nachdem Amthors mit einem Direktorenposten und Aktienoptionen vergütete Liebesdienste für das Unternehmen Augustus Intelligence (erinnern Sie sich noch? ) herausgekommen waren, kritisierte Friedrich »Blackrock« Merz ihn, setzte aber hinzu, er hoffe, dass Amthor »seine politische Arbeit danach fortsetzen kann«. Auch andere Kommentatoren aus der Union schienen damals eher Mitleid mit dem armen Amthor zu haben als ein Problem mit seinen Aktivitäten.

Wenn Korruption mit Spitzenposten belohnt wird

Aus Sicht einer Fraktions- oder Parteispitze müssten solche Einschätzungen eigentlich befremdlich wirken. Amthor hatte ja nicht im Dienste der Partei Ziegelsteine verschickt: Sein Verhalten nutzte nur ihm selbst. Und doch scheint auch das in der Union eine Norm zu sein, von der manche lieber nicht lassen möchten. Es ist bezeichnend, dass die von den Unionsabgeordneten zu unterzeichnete »Ehrenerklärung« explizit nur Verfehlungen mit Corona-Bezug betraf.

Amthor setzt seine Arbeit inzwischen fort, etwa neun Monate nach dem Augustus-Skandal, der hatte ja nichts mit Corona zu tun. In Mecklenburg-Vorpommern wählten die Delegierten der Union ihn mit über 90 Prozent zum Spitzenkandidaten  für die Bundestagswahl. Dieser Vorgang spricht dafür, dass »Geld nehmen für das Ausnutzen des eigenen politischen Einflusses« in der Union nicht nur eine »Mikrokultur« ist. Es ist ein Verhalten, das selbst an der Parteibasis nicht nur toleriert, sondern mit Spitzenposten belohnt wird.

Eine Frage des T-Shirts

Ein zweiter Anhaltspunkt für diese Lesart ist der Widerstand, der sich innerhalb der Unionsfraktion schon jetzt gegen geplante neue Transparenz- und Compliance-Regeln  regt. Wie der SPIEGEL diese Woche berichtet, sprach ein Abgeordneter, der nicht namentlich zitiert werden wollte, von einer »Fraktions-Stasi«. Lasst uns doch in Ruhe mit eurer Ethik – das ist die Ansage.

Es gibt in diesem Zusammenhang ein interessantes Experiment  aus der Sozialpsychologie. Francesca Gino und Kollegen ließen im Jahr 2009 Studentinnen und Studenten einfache Rechenaufgaben lösen. Je schneller sie fertig wurden, desto mehr Geld sollten sie bekommen.

Bloß nicht erwischen lassen

In einem Versuchsaufbau gab es eine vermeintliche andere Versuchsperson, die offenkundig mogelte, viel zu schnell fertig war und den Raum dann mit der maximalen Belohnung verließ. Wenn der Mogler ein neutrales T-Shirt trug, mogelten die anderen Versuchspersonen im Raum anschließend auch häufiger – die Forscher sprechen explizit von »Ansteckung«. Trug der Mogler aber das T-Shirt einer rivalisierenden Universität, nahmen die Mogelversuche der übrigen Versuchspersonen ab.

Unethisches Verhalten, schließen die Autoren »hängt von den sozialen Normen ab, die sich aus der Unehrlichkeit anderer ableiten lassen«. Wenn der Mogler zur selben Gruppe gehört wie man selbst, steckt das Mogeln an. Gehört er zur Konkurrenz, fördert es womöglich sogar die eigene Ehrlichkeit.

In der Union scheint die soziale Norm, dass man sich nur nicht erwischen lassen darf, derzeit noch durchaus verbreitet zu sein. Der erste Schritt von Partei- und Fraktionsspitze sollte es sein, endlich unmissverständlich klarzumachen, dass das nicht zur Organisationskultur gehört. Aber das wird ein langer Weg.

Anmerkung: In diesem Text wurde eine Zwischenüberschrift nach der Veröffentlichung entfernt.