Cédric Villani Mathe-Dandy aus Frankreich

In seiner Heimat gilt Cédric Villani als Popstar. Auf einer Tagung in Heidelberg zeigte der Mathematiker nun, warum er so viele Verehrer hat: Der Franzose verblüffte mit überraschenden Einsichten und einem extravaganten Outfit, zu dem eine Spinne gehört.
Extravagant: Cédric Villani, 39, besitzt mehr als 20 Schmuckspinnen

Extravagant: Cédric Villani, 39, besitzt mehr als 20 Schmuckspinnen

Foto: Jacques Brinon/ ASSOCIATED PRESS

Im 19. Jahrhundert sorgten junge Männer mit einem neuen Kleidungsstil für Aufsehen in England. Sie trugen auffällige, körperbetonte Mäntel, extravagante Hüte und eine möglichst große Schleife um den Hals. Man nannte sie Dandy, Zeitgenossen belächelten sie wegen ihres pfauenhaften Auftretens.

Wer Cédric Villani zum ersten Mal trifft, glaubt zunächst, genau solch einen Dandy vor sich zu haben. Er trägt meist einen dunklen Anzug und um den Hals ein auffälliges Tuch. Am Jackett steckt eine große silberne Spinne - dieser Schmuck ist sein Markenzeichen. Beim Fotografieren wirft er sich gern in die Pose des sensiblen Denkers oder breitet die Arme weit aus.

Villani ist jedoch kein Snob, den allein Äußerlichkeiten interessieren. Er gilt als das wohl größte Mathe-Genie des 21. Jahrhunderts. Der Franzose hat sich intensiv mit Differentialgleichungen aus der statistischen Mechanik beschäftigt. Für seine Arbeiten zur Boltzmann-Gleichung  wurde er 2010 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet - der wichtigste Preis, den Mathematiker bekommen können.

Nun ist er nach Heidelberg gekommen, wo erstmals das Laureate Forum  stattfindet, das junge Forscher mit Koryphäen aus Mathematik und Informatik zusammenbringt. Nicht alle Mathematiker mögen den Auftritt auf der großen Bühne - Villani aber fühlt sich sichtlich wohl im Rampenlicht.

Das Gespräch mit Journalisten macht ihm großen Spaß, er scherzt, fragt zurück. Als eine Reporterin gleich drei Fragen auf einmal stellt, darunter eine zu seinem Liebesleben, erklärt er: "Ich bin froh, dass es nur drei Fragen sind. Wer weiß, wonach Sie sonst noch alles gefragt hätten."

"Mathe ist verdammt schwer"

2012 hat Villani ein Buch über seinen wichtigsten Beweis geschrieben, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist ("Das lebendige Theorem"). Darin mutet er den Lesern einiges zu: komplizierte Formeln, die sich über mehrere Seiten ziehen. Er druckt E-Mails ab, in denen die Formeln im LaTeX-Code  auftauchen, einem Textsatzsystem, mit dem Mathematiker und Physiker ihre Fachartikel layouten.

Dass die Formeln viele Leser überfordern, nimmt Villani in Kauf. "Selbst die meisten Mathematiker verstehen die Formeln nicht. Es gibt vielleicht fünf, die damit etwas anfangen können." Das Buch solle zeigen, was Mathematiker machten, was sie fühlten. "Glauben Sie nicht, dass Mathematik leicht ist. Sie ist verdammt schwer!"

In Frankreich ist Villani fast schon ein Popstar - nicht trotz, sondern wegen der komplizierten Gleichungen. "Viele Leser sagen mir: Die Formeln sehen so schön aus." Er sei mehrmals in Interviews gefragt worden, ob er nicht einige seiner Formeln vorlesen könne. "Die Leute lauschen den Formeln wie einer fremden Sprache", berichtet Villani.

Die Komplikationen des wahren Lebens

Der Weg zur Fields-Medaille war ein harter Kampf. Im Unterschied zum Nobelpreis gibt es dafür eine Altersgrenze. Im Jahr der Verleihung darf der Ausgezeichnete höchstens 40 Jahre alt sein. 2010 bekam Villani den Preis, Anfang Oktober feiert er seinen 40. Geburtstag.

Um ein Haar wäre der Franzose sogar gescheitert. Er hatte seinen Beweis bei einem Fachmagazin zur Begutachtung eingereicht - und dabei wurde eine Lücke entdeckt. Villani war verzweifelt, manch anderes sensible Genie wäre daran zerbrochen. Doch es gelang ihm, das Problem zu lösen.

"Wir wissen inzwischen, dass der ursprüngliche Beweis komplizierter war als nötig." Der Beweis habe viel Zeit und hohe Konzentration benötigt. Da habe die besondere Atmosphäre in Princeton geholfen. "Als Mathematiker braucht man Phasen höchster Konzentration, aber auch Phasen, in denen man viel mit Kollegen spricht."

Bedeutung der Spinne bleibt ein Geheimnis

Auch wenn nur wenige Kollegen seinen mathematischen Gedankengängen folgen können, die wirklichen Herausforderungen sieht Villani außerhalb der Mathematik: "Die Leute denken, Mathematik ist kompliziert." Das stimme jedoch nicht. Mathematik beruhe auf Logik, das gelte für das reale Leben nicht. Villanis Fazit lautet daher: "Das reale Leben ist komplizierter als Mathematik." Nichtmathematiker könnten das anders sehen.

Aber der Franzose flüchtet nicht vor der realen Welt. Er setzt sich intensiv mit ihr auseinander, etwa, wenn er das Bildungssystem in Frankreich analysiert. Die Eliteschule École normale supérieure, an der Villani studierte, bringe zwar mehr Fields-Medaillisten hervor als jedes andere Institut auf der Welt. Doch die mathematische Ausbildung in der Breite sei nicht gut, sagt der Direktor des Instituts Henri Poincaré in Paris.

Und was war noch mal mit dem Liebesleben? Die sehr direkte Frage kontert er schlagfertig: "Ich kann da kaum in die Details gehen. Meine Frau liest womöglich die Zeitung, für die Sie schreiben."

Auch das Geheimnis seiner Schmuckspinnen behält Villani lieber für sich. Ja, es gebe womöglich eine Geschichte dahinter, sagt er, und er habe zu Hause mehr als 20 verschiedene Spinnen und stets eine kleine Sammlung bei sich. Aber warum? "Das ist einfach so", sagt er und lächelt.

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