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Vallon-Pont-d’Arc: Naturgetreue Replik öffnet für Besucher

Foto: JEAN-PHILIPPE KSIAZEK/ AFP

Nachbau der Chauvet-Grotte Eine Tropfsteinhöhle aus Beton

Die Entdeckung der Chauvet-Grotten mit ihren prähistorischen Höhlenmalereien war eine Sensation, für Besucher blieben sie jedoch geschlossen. Jetzt wird das Unesco-Weltkulturerbe erstmals zugänglich - als naturgetreue Kopie.

Löwen eingefroren im Moment des Angriffs, Rhinozerosse im Kampf verkeilt, Pferdeköpfe hintereinander gestaffelt wie bei einem Rennen: Die Tiermotive in Schwarz und Ocker sind von überwältigender Vitalität - und rund 36.000 Jahre alt.

In den Tropfsteinhöhlen des südfranzösischen Départements Ardèche ritzten und malten Menschen der Urzeit ihre Lebensumgebung in die Wände. Mit bloßen Fingern schufen sie überraschend modern wirkende Bilder. Umrisse wurden in Holzkohle gezeichnet, mit Flint in die raue Oberfläche gezeichnet, Farbpigmente auf den Fels geblasen und mit der Handfläche aufgedrückt. Von der Außenwelt abgeschlossen in Kavernen aus Kalkspat und Schiefer, überdauerten die Werke Jahrtausende.

Die Entdeckung der Höhlenmalerei vor zwanzig Jahren war eine Sensation. Doch für die meisten Menschen blieben die Kavernen oberhalb des Rhônetals verschlossen - die Konservierung des unterirdischen Areals hatte oberste Priorität. Nur eine Handvoll Wissenschaftler hatte seither Zugang zu der Grotte und den imponierenden Wandgemälden. Die Öffentlichkeit blieb ausgeschlossen.

Nicht länger. Am 25. April steht die Höhle erstmals für Besucher offen - allerdings nur als Replik des Originals . Nach sieben Jahren Planung und 24-monatiger Bauzeit eröffnet Präsident François Hollande die detailgenaue Nachbildung jenes Ortes, der seit vergangenem Jahr in die Liste der Unesco-Weltkulturgüter aufgenommen wurde. Kostenpunkt des Nachbaus in Beton und Kunstharz: 55 Millionen Euro.

"Ein Moment großer Emotion"

Der Aufwand hat sich gelohnt. Immerhin zählen die prähistorischen Darstellungen zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Kunst. Die Wandmalereien sind von seltener Qualität; fast tausend Fresken, Zeichnungen und Reliefs zieren die mäandernden Höhle, darunter 425 beeindruckende Tierdarstellungen und die einzigartige Zeichnung eines weiblichen Unterleibs.

Entdeckt wurden die Malereien am 18. Dezember 1994 von drei Amateur-Höhlenforschern. "Für mich war es ein Moment großer Emotion, vielleicht der Höhepunkt meiner Karriere", erinnert sich der Archäologe Jean Clottes, der damals als erster Experte die Darstellungen begutachtete. "Das hatte nichts mit Wissenschaft zu tun. Mir war klar, dass ich vor großartigen Kunstwerken stand."

Seither wurden die Kavernen systematisch erforscht. Geologen, Biologen, Kartografen und Paläontologen untersuchten nicht nur die Malereien im Detail - jüngste Grabungen im Höhlenboden förderten auch Werkzeuge aus Feuerstein, Knochenreste und Holzkohle von Feuerstätten zu Tage - Belege für lange dauernde menschliche Präsenz.

Chemische Analysen von Feuerstellen lassen deren genaue Datierung und sogar Rückschlüsse auf die einst entwickelten Temperaturen zu. Ergänzt wurden sie durch Berechnungen der hängenden Tropfsteine, Radiokarbondatierungen und Massenspektrometrie sowie Untersuchungen an mikroskopisch kleinen Proben aus den Farben der Wandmalereien.

"Vermächtnis der Menschheit"

Das Ergebnis: Hatten zuvor die Grotten von Lascaux - Felsmalereien aus 18.000 Jahren vorchristlicher Zeit - unter Experten als Gipfel prähistorischer Malerei gegolten, so revolutionierte die Entdeckung in der Nähe von Vallon Pont d'Arc das Verständnis vorgeschichtlicher Kunst: Die Fresken sind doppelt so alt, der Detailreichtum der Darstellungen einmalig.

Dieses "Vermächtnis der Menschheit", so Hervé Saulignanc, ist jetzt wenigstens in der Rekonstruktion zu besichtigen. Kein Themenpark wie Disneyland, betont der Präsident des Départements Ardèche, sondern eine anspruchsvolle Reproduktion.

Tatsächlich ist, unter wissenschaftlicher Begleitung, ein neuer Superlativ entstanden. Kaum zwei Kilometer Luftlinie vom historischen Fundort entfernt, duckt sich eine futuristische Betonburg in die Wälder bei Razal: Auf 3000 Quadratmetern, etwa einem Drittel der Originalgröße, zeigt sie die wichtigsten Motive der Höhlenmaler: Panther, Bären, Mammuts, eine Eule.

Dazu wurde die Tropfsteinhöhle digital vermessen und mit diesen Daten eine mächtige Halle erschaffen. An deren Stahlträger hängt ein Netz von kilometerlangen Metallkabeln, die die Replik der Höhle tragen - Kavernen, Grotten, zerklüftete Spalten, die exakt wie das Original aussehen - Stalagmiten und Stalagtiten inklusive. Auf die so geformten Höhlenwände, ein Mosaik aus verschieden großen Formteilen, wurden anschließend 6000 Aufnahmen projiziert: Ausgeführt wurden die Zeichnungen dann wie vor rund 36.000 Jahren von Hand.

Alain Dalis gehört zur dem Spezialisten-Team aus Architekten, Bühnenbildnern und Dekorationsmalern, die in monatelanger akkurater Arbeit die Vorlagen in Mörtel und Plaste übertrugen. "Ich bin voller Bewunderung und Demut für jene Werke", sagt der 48-Jährige, den seine Kollegen anerkennend als genialen Fälscher beschreiben. Seine Mittel waren dieselben wie die der prähistorischen Vorbilder: Flint und Holzgriffel, Farben aus Oker, Asche oder Mineralien. An manchen der Wandbilder arbeitete der detailbesessene Künstler monatelang.

Die Rekonstruktion ist verblüffend: Denn nicht nur die visuellen Eindrücke sind akkurat nachgebildet, sondern auch Kälte, Feuchtigkeit, Dämmerlicht, selbst der Modergeruch der Kaverne. Schnell ist vergessen, dass sich der Besucher durch eine Urzeit bewegt, die gerade mal zwei Jahre alt ist: Die Zeitreise in die Vergangenheit der Menschheit ist perfekt. Und erschwinglich: Eintritt 13 Euro .

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