Zerstrittene Forscher Gestörte Chemie zwischen Nobelpreisträgern

Einst entwickelten sie gemeinsam die komplexen Computermodelle, die jetzt mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Heute reden Arieh Warshel und Martin Karplus nicht mehr miteinander. Doch einer von beiden will das nun ändern.

Ex-Kollegen: Zwischen Arieh Warshel (links) und Martin Karplus (rechts) bestehen offenbar größere Kommunikationsprobleme
USC; Karplus

Ex-Kollegen: Zwischen Arieh Warshel (links) und Martin Karplus (rechts) bestehen offenbar größere Kommunikationsprobleme


Kein Gruppenbild im Freudentaumel, stattdessen drei einzelne Portraits: Es ist kein Zufall, dass die drei Chemie-Nobelpreisträger sich den Fotografen bislang nicht gemeinsam gezeigt haben. Denn Arieh Warshel ist nach eigenen Angaben mit einem seiner Co-Preisträger zerstritten. Er habe kurz mit seinem "Freund" Michael Levitt gesprochen, doch nicht mit Martin Karplus, sagte der israelisch-amerikanische Staatsbürger Warshel am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Mit "dem anderen" pflege er keinen Umgang.

Womöglich aber werde sie die gemeinsam Auszeichnung wieder zusammenbringen. "Wir werden nun reden, und vielleicht bringe ich ihn dazu, mir ein Essen auszugeben", sagte Warshel. Er hatte sowohl mit dem amerikanisch-britischen Staatsbürger Levitt als auch mit Karplus gearbeitet, der die österreichische und die US-Nationalität hat.

Die drei Molekularchemiker erhalten den Chemie-Nobelpreis 2013 nach Angaben der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften für ihre bahnbrechende Arbeit zur Entwicklung universeller Computermodelle für die Voraussage chemischer Prozesse. Diese Modelle finden nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Industrie Anwendung.

Nobelpreis-Forschung in einer Minute erklärt

Arieh Warshel sagte vor Reportern in Los Angeles, er sei um zwei Uhr morgens per Telefon über die Auszeichnung informiert worden. Seitdem habe er mit Israels Präsident Schimon Peres und Regierungschef Benjamin Netanjahu telefoniert. Dieser habe ihn um eine kurze Erklärung gebeten, doch gewarnt, er werde sie womöglich nicht verstehen. "Also hielt ich ihm einen einminütigen Vortrag. Er verstand ihn und sagte, fortan werde er seine Minister zwingen, was immer sie wollen, in nur einer Minute zu sagen", sagte Warshel, sehr zum Amusement der Journalisten.

Für den frisch gekürten Nobelpreisträger Karplus bedeutet die renommierte Auszeichnung eine große Genugtuung. Seine Kollegen hätten in den siebziger Jahren nicht an seine Ideen geglaubt, sagte Karplus dem Deutschlandfunk. "Es hat halt gedauert, bis die Welt wirklich gemerkt hat, dass wir so mit den Atomen spielen und nutzbare Sachen daraus machen können." Heute würden Tausende Universitäten und Unternehmen mit den von ihm mitentwickelten Computermethoden arbeiten. "Jetzt sind sie eine Zentrale der Chemie."

Wie Warshel wurde auch Karplus von vielen Nobelpreis-Gratulanten gefragt, was seine Computermodelle denn genau berechneten. Jedesmal habe er "auf einfache Art und Weise" seine Arbeit beschreiben müssen, sagte Karplus: "Wenn man mag, wie eine bestimmte Maschine funktioniert, nimmt man sie auseinander. Wir machen das mit Molekülen."

Chemie-Nobelpreis/ Nobelpreisträger
2015
2014
2013
2012
2011
Daniel Shechtman (Israel) für seine bahnbrechenden Erkenntnisse im Bereich der Kristallforschung.
2010
Richard Heck (USA), Ei-ichi Negishi und Akira Suzuki (beide Japan) für die Verbindung von Kohlenstoffatomen zu komplexen Molekülen.
2009
Venkatraman Ramakrishnan (Großbritannien), Thomas A. Steitz (USA) und Ada E. Yonath (Israel) für die Studien zur Struktur und Funktion des Ribosoms.
2008
Osamu Shimomura (Japan), Martin Chalfie und Roger Tsien (beide USA) für die Entdeckung und Weiterentwicklung des grün fluoreszierenden Proteins.
2007
Gerhard Ertl (Deutschland) für seine Studien von chemischen Verfahren auf festen Oberflächen. Gerhard Ertl im SPIEGEL-Gespräch über seinen Weg zum Erfolg.
2006
Roger D. Kornberg (USA) für seine Arbeiten über die molekularen Grundlagen der Gentranskription in eukaryotischen Zellen.
2005
Yves Chauvin (Frankreich), Robert Grubbs und Richard R. Schrock (beide USA) für die Entwicklung der Metathese-Methode in der organischen Synthese.
2004
Aaron Ciechanover , Avram Hershko (beide Israel) und Irwin Rose (USA) für die Entdeckung des Ubiquitin-gesteuerten Proteinabbaus.
2003
Peter Agre und Roderick MacKinnon (beide USA) für seine strukturellen und mechanischen Studien von Ionenkanälen in Zellmembranen.
2002
John B. Fenn (USA) und Koichi Tanaka (Japan)für ihre Entwicklung von weichen Desorptions-/Ionisations-Methoden für massenspektrometrische Analysen von biologischen Makromolekülen sowie Kurt Wüthrich (Schweiz) für seine Entwicklung der kernmagnetischen Resonanzspektroskopie zur Bestimmung der dreidimensionalen Struktur von biologischen Makromolekülen in Lösungen.
2001
William S. Knowles (USA) und Ryoji Noyori (Japan) für ihre Arbeiten über chiral katalysierende Hydrierungsreaktionen sowie Barry Sharpless (USA) für seine Arbeiten über chiral katalysierende Oxidationsreaktionen.
2000
Alan J. Heeger (USA), Alan MacDiarmid (USA/Neuseeland) und Hideki Shirakawa (Japan) für die Entdeckung und Entwicklung von leitenden Polymeren.
1999
Ahmed Zewail (Ägypten und USA) für seine Studien des Übergangszustands chemischer Reaktionen mit Hilfe der Femtosekundenspektroskopie.

che/AFP/dpa

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
gandhiforever 10.10.2013
1. Der Artikel erweckt den Eindruck,
als ob die Staatsbuergerschaft etwas mit dem Zerstrittensein zu tun habe.
cassandros 10.10.2013
2. Die Wetteraussichten: trüb und gewittrig
Zitat von sysopUSC; Karplus; DPAEinst entwickelten sie gemeinsam die komplexen Computermodelle, die jetzt mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Heute reden Arieh Warshel und Martin Karplus nicht mehr miteinander. Doch einer von beiden will das nun ändern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/chemie-nobelpreis-koennte-warshel-und-karplus-wieder-versoehnen-a-927060.html
Das wird aber womöglich bei einigen das romatische Bild von einer "scientific community", in der es so herrlich international zugeht und alle friedlich und kooperativ im Team arbeiten, eintrüben. ;-)
ReneMeinhardt 10.10.2013
3. Gibt es wirklich Tausende
Universitäten, die damit arbeiten? Das bezweifle ich.
cassandros 10.10.2013
4. Unternehmen wir was? - Okay. Gehen wir zur Uni.
Zitat von ReneMeinhardtUniversitäten, die damit arbeiten? Das bezweifle ich.
Ich lese: "Heute würden Tausende Universitäten_ und Unternehmen _mit den von ihm mitentwickelten Computermethoden arbeiten."
Newspeak 10.10.2013
5. ...
Es wäre nebenbei schön, wenn man nicht nur die Anstrengungen der Preisträger würdigte, ihr Thema kurz und allgemeinverständlich auszudrücken, sondern als Gesellschaft auch mal umgekehrt ein klein wenig Anstengungen auf sich nähme, um selbst mehr von den Naturwissenschaften zu verstehen, die uns immerhin ein Leben im Wohlstand ermöglichen. Das einseitige, "erklärt uns die Welt, aber bitte nicht so kompliziert, wie sie ist" ist ein wenig unverschämt auf Dauer.
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