Christian Stöcker

Ostdeutschland Diese Kolumne ist eine Unverschämtheit

Woher kommt die Ablehnung gegenüber Zuwanderern, die Aggression, die Begeisterung für autoritäre und völkische Gedanken in Teilen Ostdeutschlands? Die Antwort dürfte gerade linken Theoretikern nicht gefallen.
Demonstranten in Potsdam

Demonstranten in Potsdam

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa

"Kränkungen quälen Neurotiker und hetzen Querulanten, sie stacheln Amokläufer und Terroristen an, sie motivieren Kriegstreiber und Diktatoren."

Der Psychiater Reinhard Haller in „Die Macht der Kränkung“ (2015)

Von den zahlreichen Videos von den Straßen von Chemnitz, die man in den vergangenen Wochen im Internet zu sehen bekam, ist mir eins besonders im Gedächtnis geblieben. Eine tapfere blonde Frau versucht darin, von allen Seiten eingekreist, einer Gruppe von zornigen Menschen zu erklären, dass es sinnlos ist, alle Flüchtlinge für die Taten einzelner Flüchtlinge verantwortlich zu machen. Sie wird dafür aggressiv angegangen, unter anderem von einem Mann in Daunenjacke, der wütend hervorstößt, er habe "vierzig Jahre lang gearbeitet".

Bemerkenswert finde ich das Video deshalb, weil der Mann seine persönliche Lebensleistung offenbar irgendwie in Beziehung setzt zu der Tatsache, dass nach dem Chemnitzer Stadtfest ein Mann erstochen worden ist. Der Mann in der grauen Jacke, das wird in dem kurzen Clip mehr als deutlich, empfindet sich selbst als Opfer. Nur als Opfer wovon?

Zwei Drittel Deutsche zweiter Klasse?

Der Mann in der grauen Jacke ist mit seiner Opferempfindung nicht allein. Glaubt man einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2009 , fühlten sich damals 42 Prozent der Ostdeutschen als "Bürger zweiter Klasse". Nur 48 Prozent von ihnen hielten die damalige Bundesregierung für eine Anwältin gesamtdeutscher Interessen.

Mittlerweile ist es schlimmer geworden. Die "Sächsische Zeitung" ließ Anfang 2018 in Sachsen wieder die Frage nach dem Zweiteklassegefühl stellen . Nun antworteten von den befragten Sachsen zwei Drittel, sie fühlten sich als Deutsche zweiter Klasse. Unter den AfD-Anhängern waren es 84 Prozent.

Mit anderen Worten: Substanzielle Teile der Bevölkerung der östlichen Bundesländer fühlen sich bis heute diskriminiert. Und ein nicht unwesentlicher Teil dieser Gekränkten hat Flüchtlinge offenbar als Symptom für diese Diskriminierung identifiziert, als Kristallisationspunkt der von ihnen erlebten Missachtung.

Das Gefühl, Opfer zu sein

Das ist keine neue Erkenntnis. Über die Jahre ist immer dokumentiert worden , dass sich etwa viele Sachsen vom "Westen", gegängelt, ausgegrenzt, belächelt, ausgetrickst fühlen. Das Gefühl, Opfer zu sein, hat sich über die Jahre offenbar zu einem Bestandteil ostdeutscher Identität verfestigt.

Der Begriff "Identity Politics" ist eine Schöpfung der angloamerikanischen Linken. Wer ihn genau erfunden hat, ist umstritten, in jedem Fall stammt er aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren, aus der Zeit des Erstarkens der Bürgerrechtsbewegungen in den USA. Der "Stanford Encylopedia of Philosophy" zufolge bezeichnet der Begriff "ein breites Spektrum politischer Aktivitäten und Theorien, die auf der gemeinschaftlichen Erfahrung von Ungerechtigkeit durch die Mitglieder bestimmter sozialer Gruppen gründet". "Identity Politics" ist einmal als aufklärerisches Projekt gestartet.

Wer sich diskriminiert fühlt, ist es auch?

Das Interessante an den extremeren Vertretern von "Identity Politics" von heute ist eine zentrale Behauptung: Nur, wer selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht hat, kann informiert über Diskriminierung reden. Und wer einer diskriminierten Gruppe angehört, hat automatisch eine Art Sonderqualifikation erworben, für die ganze Gruppe zu sprechen. Paradoxerweise bedeutet das für all die offenbar erbosten, mehrheitlich derzeit eher nicht "linken" Ostdeutschen, jedenfalls aus der Perspektive einiger linker Theoretiker: Wenn sie sich diskriminiert fühlen, sind sie das auch. Und niemand sollte sich anmaßen, dieses Gefühl zu kommentieren. Manche amerikanischen Kulturwissenschaftler und der Mann in der grauen Jacke wären sich womöglich einig, dass diese Kolumne eine Unverschämtheit ist.

Francis Fukuyama, der mit dem "Ende der Geschichte", hat gerade ein ganzes Buch über das Thema veröffentlicht - bislang ist "Identity - The Demand for Dignity and The Politics of Resentment" nur auf Englisch erhältlich. Hier kann man die Thesen des Buchs in immer noch ziemlich langer Kurzform als Essay nachlesen . Zum Beispiel folgenden Satz: "Wieder und wieder sind Gruppen zu dem Schluss gekommen, dass ihrer Identität - ob nationaler, religiöser, ethnischer, sexueller, geschlechtlicher oder anderer - nicht die angemessene Anerkennung zuteilwird."

"Ich habe vierzig Jahre gearbeitet!", schreit der Mann mit der grauen Jacke.

Dieses Gefühl der Kränkung, glaubt Fukuyama, ist der Hebel, den die neuen Autokraten und autoritären Figuren, von Trump über Putin bis Orbán und Erdogan, benutzen, um ihre Bevölkerung auf ihre Seite zu bringen. Die Quelle der Kränkung ist dabei austauschbar. Aber meist sind "die Fremden" irgendwie schuld.

Böse, böse Outgroup

Ich persönlich bin da eher bei kosmopolitisch orientierten Menschen wie dem aus Ghana stammenden amerikanischen Philosophen Kwame Anthony Appiah: Ich halte die ständige Betonung der Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen, die ständige Beschwörung von In- und Outgroup für einen wenig produktiven Ratgeber. Ich glaube, dass wir den gruppenbezogenen abwärtsgerichteten sozialen Vergleich überwinden müssen, wenn wir als Gesellschaft weiterkommen wollen. Aber das ist schwierig.

"Die Ausländischheit von Ausländern, die Fremdheit des Fremden ist durchaus real", schreibt Appiah in seinem Buch "Cosmopolitanism". "Das Problem ist nur, dass wir ermutigt worden sind, nicht zuletzt von wohlmeinenden Intellektuellen, ihre Bedeutsamkeit um eine ganze Größenordnung zu übertreiben."

Mir ist auch klar, dass diese Einschätzung als praktischer Ratschlag für den politischen Alltag wenig hilfreich ist. Man wird die sich gekränkt fühlenden Ostdeutschen, die die Ablehnung von Migranten offenbar als legitimes Ventil für ihren Unmut betrachten, nicht beruhigen, indem man sie auf die Vorzüge einer kosmopolitischen Weltsicht hinweist.

In der Vergangenheit sind auch einfach ein paar sehr prosaische politisch-praktische Fehler gemacht worden, von ausgebliebenen Rentenanpassungen über vielleicht zu seltene Politikerbesuche bis hin zu Investitionsentscheidungen.

Eins aber steht fest: Weder den Gekränkten noch dem Land als Ganzem hilft es, statt nach den Ursachen des Kränkungsempfindens zu suchen und sie anzugehen, die Aggression gegen in Wahrheit nun wirklich unbeteiligte Sündenböcke zu legitimieren. Liebe Ostdeutsche: Die Flüchtlinge sind nicht schuld daran, wie ihr euch fühlt.


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