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27. März 2009, 16:18 Uhr

China

Behörden fahnden nach verlorener Cäsium-Kugel

In China wird eine Kugel aus radioaktivem Cäsium-137 vermisst, die beim Abriss einer alten Fabrik abhanden gekommen ist. Möglicherweise wurde die gefährliche Substanz bereits im Hochofen eines Stahlwerks eingeschmolzen.

Peking - Mehr als 50 Jahre lang war in der Fabrik im chinesischen Tongchuan Zement hergestellt worden. Doch nun sollte die "Shaanxi Qinling Cement Corporation" abgerissen werden, weil sie nach Angaben der chinesischen Behörden die Umweltschutzregeln nicht mehr erfüllte. Unter den großen Schrottbergen, die bei der Aktion anfielen, fanden sich auch die Reste einer Präzisions-Messeinrichtung - mit gefährlichem Inhalt, wie sich nun zeigt.

Warnung vor atomarer Strahlung: Chinesische Behörden suchen nach Cäsium-137
DPA

Warnung vor atomarer Strahlung: Chinesische Behörden suchen nach Cäsium-137

Eingeschlossen in einer melonengroßen Bleiummantelung steckte in dem Gerät eine Kugel aus radioaktivem Cäsium-137. Das Problem: Diese Kugel scheint verschwunden zu sein. Chinas Behörden haben nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Xinhua eine Suchaktion angeordnet, die bislang ohne Erfolg geblieben ist.

Cäsium-137 emittiert Gammastrahlen und hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Das wasserlösliche Metall ist sehr unedel. Das bedeutet, dass es sich an der Luft leicht entzünden oder sogar explodieren kann. Die Substanz ist vor allem im direkten Kontakt gefährlich. Unter anderem drohen Verbrennungen, Schäden an Immunsystem und Blutzellen, Unfruchtbarkeit - und im schlimmsten Fall sogar der Tod.

Nach Xinhua-Angaben vermuten die chinesischen Behörden, dass das radioaktive Material sich irgendwo unter den Schrottbergen befindet, die auf mehrere Stahlwerke verteilt wurden. Möglicherweise sei die strahlende Fracht inzwischen auch eingeschmolzen worden. Die britische Zeitung "Telegraph" berichtet unter Berufung auf chinesische Medien, erste Tests in einem Stahlwerk seien noch ohne Ergebnis geblieben. Nun sollen noch weitere Stahlwerke in Tongchuan und Weinan unter die Lupe genommen werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Cäsium-137 bei unsachgemäß ausgeführtem Recycling Probleme bereitet. Vor zehn Jahren wurde das Stahlwerk Acerinox im spanischen Cadiz kontaminiert, vermutlich durch strahlendes Material, das mit einer Schrottladung aus Irland oder den Niederlanden kam.

Besonders dramatisch war ein Zwischenfall in der brasilianischen Stadt Goiânia, wo Diebe im September 1987 eine Cäsium-137-Quelle aus einem ehemaligen Krankenhaus gestohlen hatten und das radioaktive Material unter ihren Freunden und Familien verteilten. Vier Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt.

In Deutschland waren zuletzt strahlende Stahlteile aus Indien aufgetaucht, die mit radioaktivem Kobalt verschmutzt waren. Auch hier wurde vermutet, dass in den betreffenden Stahlwerken Strahlenquellen, etwa aus Krankenhäusern, einfach mit in den Schmelzofen gewandert waren.

chs

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