China Erster Vogelgrippe-Toter starb schon 2003

Chinesische Behörden haben zugegeben: Zwei Jahre früher als bislang angegeben starb der erste Chinese an Vogelgrippe. Dieses offizielle Eingeständnis folgt auf eine ebenso spektakuläre wie mysteriöse Enthüllung acht chinesischer Forscher.


Mysteriös war die E-Mail, die chinesische Wissenschaftler Ende Juni an die Redaktion der renommierten Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" (NEJM) schickten. Ihr Beitrag - für die Ausgabe des nächsten Tages zur Veröffentlichung geplant - solle doch bitte wieder aus dem Blatt genommen werden.

H5N1 statt Sars: Schon 2003 starb ein Chinese an Vogelgrippe
AFP

H5N1 statt Sars: Schon 2003 starb ein Chinese an Vogelgrippe

Jedoch, die Hefte waren längst gedruckt - und die Nachricht gelangte in die Welt: Der erste tödliche Fall von Vogelgrippe bei einem Menschen sei in China bereits zwei Jahre früher aufgetreten als bisher gemeldet, nämlich Ende 2003 und nicht erst 2005. Nur, damals sei der Erkrankte als Opfer falscherweise als Opfer der Lungenkrankheit Sars eingestuft worden.

Warum die Wissenschaftler zurückruderten, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Forscher jedenfalls waren nicht erreichbar. Erst nach ein paar Tagen reagierte der wichtigste Autor, Wu-Chun Cao, und beteuerte, dass nicht er die E-Mail an die Redaktion geschickt hatte. Die Redaktion des NEJM teilte ihren Abonnenten mit, dass man der Sache nachgehen wollte.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schaltete sich in das mysteriöse Geschehen ein und forderte eine Stellungnahme aus Peking. So war wohlmöglich der durch die nebulöse E-Mail in seiner Glaubwürdigkeit beschädigte NEJM-Beitrag vom Juni der Anstoß zur Aufklärung.

Denn nun räumten die chinesische Behörden doch ein, dass schon im November 2003 erstmal ein Mensch im Reich der Mitte an Vogelgrippe gestorben ist. Das meldete Chinas amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, indem sie eine Erklärung des Gesundheitsministeriums in Peking veröffentlichte. Darin bestätigen die Behörden die Angaben der Wissenschaftler: Im Jahr 2003 war ein lungenkranker Mann als Sars-Patient eingestuft worden - obwohl er eigentlich der erste menschliche Vogelgrippe-Fall gewesen war.

Eingeständnis knapp begründet

Zur Begründung hieß es nach Angaben von Xinhua schlicht: Die beiden Krankheiten - Vogelgrippe und Sars - hätten ähnliche Symptome und Sars sei zu der Zeit in China umgegangen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin treten tatsächlich bei beiden Erkrankungen grippeähnliche Symptome wie hohes Fieber, Husten und Halsschmerzen, aber auch Atemnot auf. Eine Lungenentzündung zählt das RKI nur als Folge einer Vogelgrippe-Infektion beim Menschen auf.

Der Tote, der das mysteriöse Hin und Her zwischen Wissenschaftlern und den chinesischen Behörden auslöste, ist ein 24-jähriger Soldat mit Vornamen Shi. Er sei im November 2003 erkrankt, wegen einer Lungenentzündigung unbekannter Ursache behandelt worden und nach vier Tagen gestorben, berichtete das Gesundheitsministerium.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Neue Tests haben ergeben, dass Shi an den Folgen einer Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 gestorben war. Die acht Wissenschaftler hatten unter anderem Blut und Proben von Shis Lunge untersucht. In ersten Tests hätten sie das Sars-Virus nicht nachweisen können, schrieben die Forscher in dem NEJM-Bericht. Bei weiteren Untersuchungen an dem Lungengewebe hätten sie aber Fragmente von Grippeviren gefunden, wie es sie bei der Vogelgrippe in Nord- und Südchina gegeben habe.

H5N1-Virus hat schon 1997 Menschen infiziert

Die jüngsten Erkenntnisse nähren die Vermutung, dass das Virus bereits wesentlich länger in China aktiv ist als gedacht. Bisher hatten die chinesischen Behörden angegeben, dass die erste Vogelgrippe-Erkrankung beim Menschen in China gegen Ende 2005 aufgetreten sei.

Nach offiziellen Angaben aus China sind seitdem insgesamt 19 Menschen an der Vogelgrippe erkrankt, zwölf von ihnen sind inzwischen daran gestorben. Diese Zahlen könnten aber schnell zur Makulatur werden, denn womöglich ist Shi nicht der einzige Patient, der offiziell an Sars starb, aber eigentlich Vogelgrippe hatte.

Das H5N1-Virus, dass die Vogelgrippe auslöst, wurde nämlich bereits 1997 erstmals bei einem Menschen diagnostiziert - in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Und 2003 trat das Virus in mehreren Teilen Südostasiens auf.

Unterdessen hat sich in Indonesien die Zahl der Todesfälle durch die Vogelgrippe auf 43 erhöht, wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. Damit sind in Indonesien mehr Menschen an der Vogelgrippe gestorben als in jedem anderen Land.

fba/AFP/rtr



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