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18. Mai 2019, 10:50 Uhr

Chirurgie

Neuer Medizinkleber verschließt Wunden sekundenschnell

Er härtet aus, sobald er auf Licht trifft: Wissenschaftler haben einen Wundkleber hergestellt, der bei Operationen höchsten Belastungen standhalten soll.

Heftige innere Blutungen durch schwere Verletzungen oder bei Operationen im Krankenhaus können lebensbedrohliche Zustände bei Patienten auslösen. Manchmal ist es für die Chirurgen sehr schwer, die Blutgefäße wieder zu verschließen. Fäden und Klammern sind dem Körper fremd und müssen in die Gewebestruktur eingesetzt werden. Vielversprechender sind spezielle Klebstoffe.

Aber ihre Anwendung ist schwierig - besonders dort, wo das Gewebe stark in Bewegung ist, sich dehnt und zusammenzieht. Chirurgische Kleber müssen nicht nur starken Belastungen standhalten, sondern auch auf feuchten Untergründen haften und schnell aushärten. Zudem dürfen sie nicht giftig sein.

Wissenschaftler um Yi Hong von der Zhejiang University School of Medicine im chinesischen Hangzhou haben nun einen Kleber entwickelt, der künftig sehr viel mehr Einsatzmöglichkeiten für Chirurgen bieten soll. Er basiert auf einem Gewebetyp, der im Körper zwischen den Zellen vorkommt, der extrazellulären Matrix. Diese gelartige Struktur, die besonders im Bindegewebe zu finden ist, sorgt für die Elastizität von Haut und Blutgefäßen.

Den Forschern gelang es für ihren Kleber, die Struktur des Gewebetyps mit spezieller Hyaluronsäure sowie Gelatine nachzubilden, wie sie in der Fachzeitschrift "Nature Communications" schreiben.

Besonders clever ist aber, wie der Aushärtungsprozess des Klebers gesteuert wird. Denn er reagiert auf Licht und braucht nur etwa 20 Sekunden, um zu trocknen. Weil die Klebemoleküle sich mit dem Gewebe verbinden, kann eine strapazierfähige und elastische Verbindung entstehen.

Um ihr Produkt zu testen, haben die Forscher es an Schweinen ausprobiert. Im Test gelang es ihnen, vier bis fünf Millimeter große Schnitte in einer Halsschlagader und ein Loch von etwa sechs Millimetern Durchmesser in einem Schweineherz zu schließen. Zudem könne der Kleber einem hohen Blutdruck standhalten.

Kleber auch aus Schneckenschleim

Bevor der Kleber am Menschen getestet werden kann, müsse geklärt werden, wie lange er halte, so die Forscher. Dann könnte er irgendwann einmal bei Operationen eingesetzt werden und bisherige Techniken vereinfachen.

Ganz neu sind solche Kleber nicht. Bereits vor zwei Jahren hatten Experten einen elastischen Wundkleber vorgestellt, der mit UV-Licht aktiviert werden konnte. Allerdings war damals unklar, wie gut er für komplexe Anwendungen im Körper wie etwa an der Lunge geeignet ist. Für das Aushärten braucht er etwa 60 Sekunden.

Und auch von der Natur haben sich die Forscher schon einen Kleber abgeschaut. In einer "Science"-Studie berichtete ein Team von einem Wundkleber, für den das Haftsekret einer Schneckenart die Idee geliefert hatte.

Schon länger werden in der Medizin Fibrinkleber eingesetzt. Solche Zweikomponentenkleber können teils aus menschlichem Blutplasma gewonnen werden, sie werden auch schon bei Operationen angewendet.

joe

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